— Kennst Du diese Vögel, Grege? Man heißt sie hier Gertrudsvögel. In einigen Gegenden stehen sie in hoher Verehrung. Magst Du die Geschichte hören, die man sich von ihrer Erschaffung erzählt?
Gern mochte er sie hören. Die Erzählung wird ihm wie Musik die Ohren schließen, daß seine Gedanken desto ungestörter in die eigene Seele tauchen können wie in einen Ozean wildwogendender Empfindungen
und dann wieder ordnend darüber schweben wie der Schöpfergeist über dem Chaos.
Und es beliebte Maikka, recht wie eine Märchentante zu erzählen, während die Gondel ruhigen Kurs hielt.
— Die Elster war in uralter Zeit ein Weib, welches einmal von Odin beim Teigkneten überrascht wurde. Sie erkannte aber den Gott nicht, da er wie ein armer, sterblicher Wanderer gekleidet war. Um Odins willen, gieb mir ein wenig zu essen, ich komme weit her über die Felder, redete der Gott sie an. Gertrud, so hieß das Weib, kniff ein Stückchen von dem Teige ab. Und als sie es formend im Backtroge hin- und herrollte, wuchs es zusehends und ward bald so groß, daß es den ganzen Trog füllte. Nein, rief sie, das ist zuviel für Dich. Und sie legte das so wunderbar groß gewordene Stückchen bei Seite und kniff ein noch kleineres Stückchen ab, als das erste war. Aber auch dieses wuchs und füllte den Trog. Und so ein drittes und viertes. Je mehr Stücke sie bei Seite schaffte, desto mehr wuchs ihre Habgier und ihres Herzens Härtigkeit. Im Stillen dachte sie: Wenn der Bettler erst fort ist, so theile ich meinen ganzen übrigen Teig in lauter winzige Stückchen und knete die größten Brode daraus. Ein solches Wunder kehrt nicht leicht wieder. Und laut sagte sie zu dem Wanderer: Mach’ nur, daß Du fortkommst, ich kann Dir nichts geben, mein Haus ist selber arm, möge Dir Odin gnädig sein. Nun geh’! Da erzürnte der Gott und öffnete ihr die Augen. Und als sie erkannte, wem sie das Brod verweigert hatte, fiel sie
auf die Kniee und flehte um Vergebung. Aber der Gott sprach: Der Ueberfluß hat Dein Herz verhärtet und ist Dir zum Unsegen geworden. Jetzt sollst Du arm werden, auf daß Dir die Armuth zur Besserung gereiche. Zwischen Baum und Borke sollst Du Deine Nahrung suchen und im Troge wird Dir kein Brod mehr wachsen. Da umklammerte das Weib die Füße des Gottes und netzte sie mit Thränen. Und der Gott sprach: Wenn Deine Reue aufrichtig ist, will ich die Strafe von Dir nehmen, sobald Dein ganzer Leib sich in Trauer kleidet. Dann wirst Du auch gelernt haben, hinfort die Gottesgabe recht zu brauchen. Gertrud floh vor dem Angesichte Gottes und ward in eine Elster verwandelt, und alsobald bedeckte sich ihr Leib mit schwarzem Gefieder, da ihre Trauer schon begonnen hatte. Nur die Federn am Bauche und an den Flügeln waren noch weiß. Wie sie aber älter wurde, wurden auch sie dunkler, bis sie von schwärzlicher Farbe waren. Wenn sie dereinst ganz schwarz sind, dann hat Gertrud genug gebüßt und ihre Strafe wird aufgehoben. Bis dahin steht der Gertrudsvogel unter dem Schutze des strafenden und verzeihenden Gottes, und Niemand thut ihm ein Leid an. Das ist die schöne Geschichte von der Erschaffung der Elster, und wer sie richtig hört, dem rührt sie das Herz und bewahrt seine Seele vor Habsucht . . . Ist Dein Herz gerührt, Grege?
Er nickte mit stummem Lächeln.
— Nun ist die Reihe an Dir. Erzähl’ uns ein Märchen. Sieh, wie sich der Himmel umschattet!
Grege blickte lauschend auf. Eine feine Röthe stieg ihm in die Stirn.
— Wohlan, an jenem unvergeßlichen Tage war’s. Das jüngste Gericht war vorüber. Ein schweres Stück Arbeit. Es hatte vom ersten Hahnenschrei in der Frühe bis zum Abend und tief in die Nacht gedauert. Mit starren Sternen stand die Mitternacht über dem Thal Josaphat, und der Weltenrichter saß noch auf seinem Stuhle, unbeweglich, mit den schweren Händen auf den Knieen, den Blick geradeaus in die Unendlichkeit. Von unten kam kein Laut, die Erde war wie ausgestorben. Alles war vollbracht. Die Seligen im Himmel und die Verdammten in der Hölle. Außer ihnen nirgends mehr eine lebendige Menschenseele. Der Weltenrichter erwog, ob er wirklich Alles recht gemacht, ob er kein Versehen begangen und Alles nun in Ewigkeit so bleiben solle, wie er’s entschieden. Er lauschte seinen eigenen Gedanken und spähte, ob sie kein Echo weckten. So scharf er auch seine Ohren spannte, er vernahm nichts als den verhallenden Jubel im Himmel, denn die Seligen schliefen nach Mitternacht allmählich ein, ermüdet von dem übergroßen Glück, und mit dem verhallenden Jubel vernahm er zugleich das Jammergeheul aus der Hölle, das von Stunde zu Stunde markerschütternder und gräßlicher anschwoll und den Himmel umbrüllte und den ganzen Weltraum erfüllte, denn die Verdammten konnten sich in ihr entsetzliches Schicksal nicht finden und nie mehr ein Auge schließen. Der Weltenrichter vermochte sich von seinem Stuhl nicht zu erheben, aus Angst, durch seine Bewegung