die Einen in ihrem Schlafe zu stören, die Anderen in ihrem wachenden Elend noch rasender zu machen. Und er sehnte den Morgen herbei und den ersten Hahnenschrei und dachte nicht daran, daß es hinfort keinen Morgen und keinen Hahnenschrei mehr geben könne und die Mitternacht mit starren Sternen stillstehen müsse über dem Thal Josaphat. Denn das Ende war ja da und Alles entschieden, unwiderruflich, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Da der Himmel mit seinem Glück, dort die Hölle mit ihrem Unglück — und dazwischen das leere Nichts, unabänderlich. Wie also kein Morgen dämmerte und kein Hahnenschrei das Frühroth ankündigte, so lange der Weltenrichter auch wartete, erkannte er plötzlich, daß er selbst sich um jeden Wechsel gebracht und ihm nichts mehr zu schauen und zu hören bliebe, als das Himmelreich mit seinem Jubelschwall und das Höllenreich mit seinem Jammergeheul; Engelsreigen und Teufelstänze. Und er seufzte und beklagte seinen Eifer, der diese strenge Ordnung geschaffen und alle Ueberraschungen und alle Phantasie auf ewig vernichtet hatte. Und wenn er’s nun recht bedachte, so war er ein einsamer Gott geworden, dem nichts Neues mehr passiren konnte, und mit dem Gefühl des Ewignämlichen, Phantasielosen kam ihm das Bewußtsein, daß seine eigene Jugend verschwunden sei und er sich nun auf ein stilles thatenloses Alter einrichten müsse. Und da schauderte der Gott vor sich als seinem eigenen Weltenrichter, sein pedantisch peinliches Gesetz hatte ihm diesen Streich gespielt. Dieser Stuhl mußte nun sein Thron bleiben immerdar. Und

in schwere Trauer versank der Gott und seine alte Erdensehnsucht ergriff ihn immer brünstiger, also daß seine Wimpern zuckten und Thränen seinem Auge entquollen. Unbeweglich stand über ihm die Mitternacht mit starren Sternen und unter ihm die entvölkerte Erde mit dem Thale Josaphat, wie Vorwurf und Gewissensbiß . . . Siehe da, in freier Luft, nicht vom entschlummerten Himmel und nicht von der ruhelos tobenden Hölle her, nahte sich sanft schwebend eine Gondel aus weiter Ferne, näher und näher, bis sie fast sein Angesicht berührte, und sie ließ sich zu seinen Füßen nieder. Zwei Menschen entstiegen dem lustigen Fahrzeug: ein lichtes, lachend süßes Weib und ein Mann . . . Sprachlos war der Gott bei ihrem Anblick, er mußte sich erst fassen, so überraschend war das Ereigniß. In frohem Erstaunen rief er: Wie seid Ihr denn entkommen? Wißt Ihr nicht, das schreckliche jüngste Gericht, sagt doch, sagt doch! . . . Wir haben uns auf einer Lustfahrt verspätet, vergieb uns! lautete ihre Antwort. Ja, Menschen, Menschen! rief er glückselig, und immer wieder: Menschen, Menschen! . . . Wahrhaftig, keine Engel und keine Teufel, keine Heiligen und keine Verdammten, nur Menschen! Und Entzücken erfaßte den Ewigen und er rief: Ach, Menschen, wie lebte der Gott ohne Euch! Schafft mir mein Menschenreich auf Erden wieder! . . . Und er fand kein Wort zu sagen, wie ergriffen er war und wie sehr ihm das lichte, lachend süße Weib gefiel. Da erschien an der Seite des Mannes plötzlich ein zweites Weib, wie ein Schemen, geisterhaft düster, daß selbst

der Gott erschrak. Mit geschlossenen Augen stand es da, die Lippen dünn und farblos, gramvoll die Züge . . . Was willst Du? fragte der Gott. Da blieb es stumm und auch die Augen öffneten sich nicht . . . Mann, welches von den Zweien ist Dein Weib? fragte der Gott. Da blickte der Mann mit Augen, ganz Seele und verzehrende Kraft der Sehnsucht, auf das lichte, lachend süße Weib — und reichte der stummen, bleichen Gestalt die Hand, erst zögernd, dann fest, daß es wie erwachendes Leben sie durchströmte und ihre Augen weit sich öffneten wie Sterne, die aus dem Dunkel tauchen, und er schritt mit ihr aus der Mitternacht dem neuen Erdenmorgen entgegen. Das andere Weib aber zog der Gott zu sich empor und nahm es an seine Brust: Du sollst bei mir bleiben und mit Deinem süßen Lachen, Deinem wundervollen Menschenlachen Alles übertönen, den feierlichen Jubel des Himmels und den Jammerlärm der Hölle, daß ich mich doppelt der Erde erfreue, ich, Dein seliger Gott, und Heil erblühe dem neuen Geschlecht . . . Und also entschwand lachend der Gott mit dem lachend süßen Weib in die purpurne Finsterniß der Unendlichkeit. Wie Rosenzauber wob sich das Frühroth über die Erde.

— Grege, Grege! rief Maikka in tiefer Bewegung.

Unaussprechliches klang aus diesem Ruf. Und mehr als der Ruf, sagten ihre Thränen, die ihr in großen Tropfen über die Wange rollten.

Der Erzähler saß starr und stark, wie Einer, dem

die schwerste Ueberwindung gelungen, ohne Siegerfreude. Das schied den Menschen vom Gott.

Maikka streckte ihm ihre Hand hin: — Bitte Deinen Gott, daß er zuvor mein Herz von Dir wende. Sonst könnte er meines Lachens niemals froh werden, in alle Ewigkeit nicht. Sein jüngster Tag wäre nicht sein letzter Irrthum gewesen . . . Bitte ihn . . . warne ihn . . .


Kapitel 22