Runaug, die liebliche Tochter des Wirths am Fjord, hatte in aller Frühe Grege geweckt, wie er gewünscht. Harmlos, wie ein kleines Kind, stand sie an seinem Lager und tippte nach seiner Hand. Aber als Grege sie lange und tief ansah und sie überschüttete mit stummen Seelenfragen, da kam es wie ehrfurchtsvolle Scheu über sie vor dem fremden Manne. Wo hatte er diese lichte, liebliche Gestalt schon gesehen? In welchen Gefilden, in welchen Weltzeiten war er schon Hand in Hand mit ihr gewandelt und hat mit ihr die süßen Blüthenträume der ersten Liebe geträumt? Wo hatte er diese knospenden Muttergottesbrüstchen schon geküßt? . . . Angstvoll zitterte ihre Stimme, als sie im Zurückweichen ihm mittheilte, daß Alles bereit und geordnet sei, seine Reisesachen und Kleidungsstücke, und der Bootsmann ihn in einer Stunde erwarte . . .

Grege hatte die ganze Nacht nicht geschlafen. War’s der ungewohnte Meergeruch? Einmal war er aufgestanden, hatte den Holzriegel zurückgestoßen und durch die Luke auf das Wasser geblickt. Das Meer hatte vorher gestürmt und seine Wogen an den klippenreichen Strand geworfen, donnernd, in verzweifelter Brandung . . . Jetzt lag es ruhiger, die hellgrünen

Wellen schienen nur noch ein lustiges Spiel zu treiben, die Morgenlichter spiegelten sich in den feuchten Stellen der Felsen, und weiter hinaus leuchtete der Aether in tiefem Blau über die beruhigte Welt. Das blitzschnelle Unterwasserboot würde leichte Arbeit haben . . .

Er streckte sich wieder auf das Lager, aus Fellen bereitet. Bild um Bild, in wilder Jagd, zogen die letzten Erlebnisse vor seinem in Ruhelosigkeit fiebernden Geiste vorüber. Die heiße Thalsonne über der mittagsmüden Atmosphäre der Bergschlucht, darein das Asyl gebettet war. Eine Sammlung von niedrigen, schlichten Häuschen zwischen steinigen Landstücken in der verbreiterten Schluchtmündung. Und Alles so weiß und reinlich und himmelsstill. Fern darüber die Gletscher, die mit gigantischen Armen diese menschenentrückte Welt zu umfassen und gegen das Meer zu schützen und dem Himmel entgegenzutragen schienen.

Aber er selbst, Grege, auf einem Felsblock vor dem Häuschen der Blinden, den Blick auf die offene Thür, auf deren Schwelle eine singende Frau saß, die Hände im Schooß gefaltet, den Kopf mit den geschlossenen Augen zurückgelehnt, an den Thürpfosten, Alles übergossen von dem zarten Licht, das durch eine alte, wetterzerzauste Föhrenkrone sich den Weg bahnte. Dann aus dem Häuschen Choralmusik wie von einem orgelartigen Instrument, gedämpft, zaghaft, bis die Akkorde sich zu einer breiten, ruhigen Melodie fanden. Die singende Frau, wie von dieser Melodie körperlich berührt, um die Hüfte gefaßt und aufgehoben, setzt einen Fuß vor den andern und beginnt zu wandeln,

voll Zuversicht in ihrer Blindheit, von einer Seite des Gärtchens zur andern, die gefalteten Hände lösend, so oft sie an der alten Föhre vorüberkam, um deren Stamm mit welker Hand zu streicheln. Ein Ameisen-Wanderzug kreuzte den Weg in demüthiger Eile, und jedesmal, wenn die Blinde darüber schritt, schwer, täppisch schlurfend, zertrat ihre breite Sohle was von dieser stillen Karawane gerade darunter kam. Ihr Gesicht hatte einen verklärt stupiden Ausdruck . . . Ein uraltes Lied, eine uralte Weise, und immer voll seliger Inbrunst die nämliche Strophe wiederholend, also daß sie Wort für Wort Grege’s Gedächtniß sich einprägte, sang die wandernde und ameisenmordende Blinde zu der begleitenden Musik:

Befiehl Du Deine Wege

Und was Dein Herze kränkt,

Der allertreusten Pflege

Dess’, der den Himmel lenkt.