— Nein, rief Ao, diese späte Hitze wird uns bös zusetzen. Der halbe Zug wird auf dem Wege liegen bleiben, Weiber und Kinder wird man nicht mehr vom Flecke bringen, die Springer und Tänzer werden toll werden oder wie Fliegen umfallen, die heiligen Stationen am Gotteshaus, am Museum, an der Kaserne werden mit kranken Nachzüglern und Invaliden sich füllen, kurz, es wird ein unerträglicher Skandal sein.

Und das Alles komme davon, daß man das Fest zum dritten Mal verschoben, diesem überspannten Soundso zu lieb, statt es für dieses Jahr ausfallen zu lassen. Dem Volk von Teuta hätte man diese Probe auf seine Geduld und Ergebung in den Willen des hohen Rathes ganz gut auferlegen dürfen. Es habe an seinem stillen Glück ohnehin Vergnügen genug und bedürfe eigentlich nicht des festlichen Lärmes, wenigstens nicht jedes Jahr. Und bis zum nächsten Jahre hätte der sinnreiche Soundso Zeit gehabt, noch mehr Ueberraschungen auszuhecken. Uebrigens, im Vertrauen gesagt, sei es nicht einmal der Beruf des jungen Diplomaten, sich in diese Dinge zu mischen und dem Volk von Teuta mit Ueberraschungen zu imponiren. Das sei auch ein Zeichen der Zeit, daß sich der Geist der Jugend überhebe und auf allerlei ungewöhnliche „Effekte“ sinne. Ein gediegenes Staatsleben, wie das unseres Teutavolkes, könne wohl auf diesen Luxus verzichten. Und im Sinne des göttlichen Uebermenschen Zarathustra

und des großen Mysteriums unserer Nationalgottheit ließen sich diese Dinge kaum rechtfertigen.

Diese weihevollen Klagen und Anklagen kümmerten leider die Aeltesten vom Festbunde wenig. Ao mußte, nachdem er die kurze Strecke gegangen, sich in einer Sänfte noch in’s Gotteshaus und in’s Museum schleppen lassen, um sich durch den Augenschein von den Erneuerungen zu überzeugen und oberpriesterlich zu bestätigen, daß Alles in schönster Ordnung. Das Gotteshaus und das Museum lagen an entgegengesetzten Punkten der bald zickzack-, bald schlangenförmigen Feststraße an den Abhängen der uralten grauen Schuttberge, mit breiten Freitreppen, und da, wo die Feststraße in einer großen Spirale endigte, stand auf einem, die anderen um Weniges überragenden Schuttberge das Königsschloß, auf dessen Terrasse der Schlußaktus der Feier mit einer grotesken Parodie auf das antike Herrscherthum gespielt wurde. Das festlich erregte Volk lagerte sich dann in weitem Umkreise auf die Abhänge der Schuttberge, auf Freitreppen und Terrassen und erlabte sich unter Gejohle an der von dem Festkönige Grege improvisirten Verspottungs-Komödie, die in Reden, Geberden und Tänzen bestand, parodirend nachgeahmt den alten Hof-Zeremonien der Majestätsperiode früherer Jahrtausende.

So war es immer, und so sollte es auch diesmal sein, nur mit dem geheimgehaltenen Unterschied, daß jetzt Soundso’sche Automaten die lebendigen Figuren ersetzten. Nur die Schlußnummer mußte wegfallen, weil sie für einen Automaten zu gefährlich war und

leicht zu seiner Entlarvung führen könnte. Sie bestand in der Hauptsache darin, daß der Festkönig sich die Krone vom Haupte nehmen und in dieselbe, die Reihen der in der Spirale stehenden Festgenossen abschreitend, die Trinkgelder — alten Münzen nachgeahmte Spielmarken — einsammeln mußte für seine gelungene Arbeit, und mit den Trinkgeldern bekam er zugleich die tollsten Stichelreden . . . Statt dieser Scene hatte Soundso eine groteske Tanznummer zugebilligt erhalten, für welche er die grandioseste Ueberraschung versprach, wenn man ihm Zeit zu deren Durchführung lasse und das Fest noch um eine Woche verschiebe. Soundso setzte seinen Willen im hohen Rathe durch, nachdem er die Aeltesten vom Festbunde für seinen Plan gewonnen hatte. Was setzte er nicht durch? Die Hauptrolle bei diesem Tanze sollte eine der merkwürdigsten Tanzkünstlerinnen spielen, deren Namen er noch geheimhalte, und das Volk würde dabei das Schauspiel einer bis — zur Nacktheit verhüllten wunderschönen Frau haben, einer Frau, die nicht einmal mit eigenen Augen sehe, was sie dem begeisterten Teutavolke biete, so daß auch die naivste Keuschheit keinerlei Anstoß nehmen könne . . .

Ao schüttelte ächzend den Kopf, als ihm die Aeltesten vom Festbunde diesen Plan Soundsos mit beredtem Munde priesen, während die Sänftenträger die oberpriesterliche Leibeslast im Schweiße des Angesichtes zum Gotteshause emporschleppten. Das Gotteshaus war, wie die übrigen Baudenkmäler der versunkenen Kulturepochen, wie das Museum, die Kaserne, das Zuchthaus u. s. w., in verjüngtem Maßstabe nach

berühmten antiken Mustern erbaut. Jedes Jahr waren Reparaturen nöthig, von deren Güte sich der Oberpriester oder ein Anderer vom hohen Rath persönlich überzeugen mußte.

Als Ao das Gotteshaus betrat, war gerade die heilige Kommission damit beschäftigt, die Reliquien Zarathustras auf ihre Unversehrtheit zu prüfen und die Orgel spielen zu lassen. Die heilige Kommission begrüßte den Oberpriester ehrfurchtsvoll und lud ihn ein, die Prüfung mit seiner persönlichen Theilnahme zu beehren. Nachdem der Heiligthumsschrein mit sieben Schlüsseln geöffnet war, stellte die Kommission fest, daß die Siegel, welche der seidenen Umhüllung der Reliquien im vorigen Jahr von Staatswegen aufgedrückt worden waren, unverletzt seien. Dann wurden die Heiligthümer einzeln der Umhüllung entnommen und dem Oberpriester gezeigt: zuerst das Gewand der Mutter Zarathustras, hernach der ungenähte Rock des Vaters Zarathustras, endlich die Windeln und das Lendentuch Zarathustra’s selbst. Ao fand, daß die Sachen in Anbetracht ihres hohen Alters einen merkwürdig frischen Geruch bewahrt hätten, und gar nicht moderig dufteten. Worauf ihm die heilige Kommission lächelnd erwiderte, das käme erstens vom spezifischen Heiligkeitscharakter der Gegenstände, zweitens von der vorzüglichen irdischen Qualität der in jenen Zeiten verarbeiteten Rohstoffe, drittens von einem patentirten, diskret verwendeten Reliquien-Mottenpulver, dessen man selbst bei dem wirkungsvollsten Mysterium dieser Art nicht ganz entrathen könne.

Hierauf wurden die Heiligthümer auf die Galerie des Thurmes getragen, um von dort herab beim Zarathustrafeste dem gläubigen Teutavolke gezeigt zu werden. Wunder haben sich dabei niemals ereignet. Das Volk erwartete auch keine, es hatte an seiner objektiven Gläubigkeit vollkommen genug. Die religiösen Gefühle waren Privatsache, wie schließlich auch Glaube oder Nichtglaube.