In der Dämmerleuchte des abnehmenden Mondes fand er eine geeignete Lagerstätte an der hinteren Böschung des Schuttberges, der das Königsschloß trug. Keinerlei Empfindungen drängten sich vor, er legte sich mit wunderbarer Gelassenheit auf den bedeutungsvollen Boden nieder. Rasten wollte er in Sicherheit, nichts weiter, kein Gedanke vor- oder rückwärts sollte ihn stören, keine Empfindsamkeit des Eindrucksvermögens seinen Gleichmuth erschüttern. Seine Seele war ein stilles, ehernes Meer, die Stürme lagen gefesselt auf dem Grund . . . Er schlief ein, und schlief lange, fest, traumlos.

Die Sonne ging hoch am blaßblauen, wolkenlosen Himmel. Sie ward seine Weckerin. Und er lächelte ihr entgegen. Wer verschläft in Teuta den Morgen nicht, in diesem Reiche der Murmelthiere und Faulpelze? fragte er sich mit gemüthlicher Selbstironie.

Aber plötzlich wurde er ernst und zeigte sein strenggefaßtes Gesicht. Was bedeutet das eigenthümliche Getöse, Gesumme, Geflöte von künstlichen Instrumenten, Gepolter von Trommeln, das heisere Gewirr von

Männer-, Weiber-, Kinderstimmen, von taktmäßig herausbrechenden Zurufen? Und jetzt gar dieser monotone Prozessionsschrei: Zara — thuuu — stra, Zara — thuuu — stra, Zara — thuuu — stra?

In welcher Zeit stand er denn? Die Nationalfeier ist doch längst vorüber? Aber das festliche Getöse wälzt sich näher und näher, es steigt auf von den Zickzack- und Schlangenlinien und Spiralen der Feststraße, pflanzt sich verstärkt über die Freitreppen und Terrassen der Kulturdenkbauten fort und erfüllt die Luft über ganz Teuta! Es setzt einige Minuten aus, das sind die Haltepunkte an den Stationen, dreimal drei Böllerschüsse werden gelöst, die Pauken und Trommeln wüthend bearbeitet — da defilirt der hohe Rath vor dem Gotteshaus und die Reliquien werden von Jungfrauen zum Thurm hinausgehalten . . . Das ist Alles so sicher und richtig, daß es kein Traum sein kann. Und Hochmittag naht, da erreicht die Feier ihren Höhepunkt vor dem Königsschloß mit der widerlichen Verspottungsposse und dem greulichen Taumel der Pöbelwonne . . . Und Zarathustra, Uebermensch und König, Gott und Affe zugleich, spottet seiner selbst zur Erheiterung des großen, freien, gebildeten Teutavolkes und giebt ein Schauspiel tiefster sittlicher Erniedrigung zur Stärkung der Staatsautorität . . . Ist’s nicht so? Ist’s nicht immer so gewesen, so lange er selbst, Grege, aus blöder Tradition an diesem Verbrechen an allem wahrhaft Heiligen und Hohen sich betheiligte . . . als gezwungener Komödiant?

Und Grege kletterte an der Rückenböschung, die

ihm die heißen Strahlenreflexe der Sonne in’s Gesicht schlägt, höher und höher, den Stab krampfhaft in der Faust . . . Wenn das Alles so ist, wie es sein muß, weil es gar nicht anders sein kann . . . beim ewigen Zarathustra, wer ist heute sein Hanswurst, da Grege es nicht ist? Grege nie und nimmer es sein wird?

Hat er einen Doppelgänger?

Und wie Grege am Hinterbau des Königsschlosses sich aufrichtete und hart an der Mauer sich vorsichtig nach vorn tastete, da durchschauerte es ihn mit einem Male: Die Stunde ist da! Plötzlich, unentrinnbar! Was sich da unten vor ihm abspielt, ist die große Nationalfeier seines Teutavolkes, was sich da gegen ihn heraufbewegt, ist die Spitze des Zuges, der hohe Rath mit den Trägern der Götterbilder, Alles im Prunkglanze des offiziellen Purpurs. Unter einem Baldachin, getragen von Jünglingen, flankirt von Jungfrauen . . . wer denn? Grege’s leibhaftige Gestalt! Sein Kopf, sein Gang, seine Art die Arme zu halten, seine Art durch Kopfnicken zu grüßen, seine Stimme! Seine Stimme, wahrlich und gewiß, sein Tonfall und die liturgische Betonung, wie sie ihm zu eigen, wenn er anstimmte, wie jetzt sein Doppelgänger anstimmt: — Meine Brüder, seht, ich lehrte Euch den Uebermenschen, was fordert Ihr noch? und das Volk in gewaltigem Unisono erwiderte, wie es jetzt erwidert: — Wir fordern Deinen Schutz, auf daß wir lange und herrlich leben im Lande der Väter, darein Du uns gesetzt, ein Beispiel den Völkern . . . und der hohe Rath schlendert bedeutsam gemächlich und wundert sich

über nichts, hier der würdevolle Oberpriester, geleitet von Kaspe und Bim, dort der querköpfige Oberlehrer und Hüter des heiligen Wortschatzes Minus, geleitet von Titschi und Soundso — Alles echt und dennoch eine Lüge, ein satanisches Gaukelspiel! Ist er selbst Grege, oder ist er’s nicht? Er zupft sich am Bart, er kneift sich in den Arm, er stößt mit seinem Stock auf, und da zeichnet die Sonne seinen langen Schatten an die Wand des Königsschlosses, und wenn er noch einen Schritt vorwärts macht, läuft sein Schatten über die Königsterrasse und schlägt die Freitreppe hinab und den hohen Rath mitten in’s Gesicht. Er ist er selbst, Grege! Und wie er einen Schritt zurückweicht, Deckung an der Mauer suchend, fällt sein Blick auf den weiten, unabsehbaren Zug kreischenden, lärmenden, dunkelgekleideten Volkes, gleich einer zuckenden schwarzen Schlange sich dahinwälzend zwischen den grauen, sonnig bestrahlten Schuttbergen, und nur zwei lichte Gruppen fallen aus der schwarzen Linie: die kleine Gruppe der weißverschleierten Tänzerinnen, die sich an den Händen führen, und die unverhältnißmäßig große Gruppe der Büßer in weißen Hemden, die Arme über die Brust gekreuzt. Und unwillkührlich gehen seine Augen von einer lichten Gruppe zur andern: Woher die vielen, vielen Sünder an Teutas Staatsherrlichkeit, und woher die edle Gestalt, die zwischen den niedlichen Tänzerinnen hervorragt wie eine hohe Lilie zwischen Gänseblümchen? Aber immer lauter und betäubender umbraust sein hohes Versteck der Prozessionslärm, wie Schnauben und Keuchen kommt’s die Freitreppe herauf