Wenn die alten Namen alte Erinnerungen doppelt lebhaft zurückrufen, tauchen auch unsere früheren Mitkämpfer, mit denen wir meistens noch in brieflichem Verkehr stehen, wieder auf. Bei denjenigen, die seitdem aus dem Leben geschieden sind, habe ich dies vermerkt. Von den andern sind manche verschollen, einige leben in Deutschland pensioniert oder wie Hptm. Engelhardt in der Armee, Prof. Dr. Fülleborn in Hamburg am tropischen Institut. Andere, wie Major v. Prittwitz, Hptm. v. d. Marwitz, Albinus, Prof. Dr. Ollwig, sind noch so glücklich, ihre Kraft der kaiserlichen Schutztruppe hier oder wie Glauning in Kamerun weihen zu können. Nur zwei, Feldwebel Merkl und Richter, sind unserm Beispiel gefolgt und haben, als ihre Gesundheit den kaiserlichen Dienst nicht mehr gestattete, sich als Ansiedler in der Kolonie, und zwar am Kilimandjaro, niedergelassen. Die letzte Post brachte uns für August die Einladung zur Hochzeit des Herrn Richter in Tanga.
Einen herben Verlust erlitten wir durch das Hinscheiden unseres hochverehrten Gönners und Freundes Hermann von Wissmann, von dem ich noch 14 Tage vor seinem Tode einen herzlichen Brief erhielt, in dem er dankbar von seinem Glücke schrieb, das er täglich durch seine Frau und Kinder genösse. Aber nicht nur seiner Familie und seinen Freunden wird er unvergeßlich sein, sondern soweit die deutsche Zunge reicht, wird sein Name mit Stolz als der unseren Einer genannt werden. Möchte das Denkmal, zu dessen Aufbau sich alle rüsten, als Wahrzeichen der großen Taten des Begründers der Kolonie Deutsch-Ostafrika bald errichtet werden.
Inzwischen haben sich auch zum ersten Male einige Reichstagsabgeordnete, als Vertreter des deutschen Volkes, von dem Wert unserer Kolonie überzeugt. An solchen Reichtum und solche Fülle von Naturschönheiten hatten sie nicht geglaubt. Mein Wunsch wäre es, dieses Jahr kämen einmal die ärgsten Kolonialfeinde heraus, sie würden besiegt und bekehrt nach Hause gehen und selbst am eifrigsten für Verkehrswege und Eisenbahnen werben. Man kann nur solange das Fortschreiten der Kolonie verhindern, als man sie nicht selbst gesehen hat. Darum schnürt das Ränzel und überzeugt euch. Ehre allen den Männern, die sich ihrem Beruf auf lange Zeit entrissen, um sich dann mit solcher Hingebung der selbstgestellten Aufgabe zu unterziehen. Uns brachte der Besuch noch eine besonders große Freude; auch mein verehrter Vater, mit seinen 64 Jahren, war nicht einmal vor der weiten Reise zurückgeschreckt und nahm sich die Mühe, die beschwerlichsten Touren mitzumachen. Seitdem die Augen meines Vaters auf Sakkarani geruht haben, seitdem kommt mir unser Heim noch heimatlicher vor. Zu beklagen war nur die Kürze seines Hierseins — 3 Tage —, die noch täglich durch lange Ausflüge zu 2–4 Stunden entfernten Ansiedlern eingeschränkt wurden. Hier konnte sich mein Vater von dem Vorwärtskommen und der Zufriedenheit der Leute überzeugen. Dieses sind durchweg Leute, die bei der Einwanderung 10000 Mark haben mußten. Noch geeigneter würde der kleine Mann ohne Heller und Pfennig sein, ja womöglich solcher, der in Deutschland Not an Kleidung und Nahrung leidet. Er wird hier ein lebensfrohes, menschenwürdiges Dasein führen, und je mehr er Not mit seiner Familie — je zahlreicher desto besser — litt, um so mehr wird er die Wohltat des Lebens ohne Hungern und Frieren empfinden. In dem gesunden, relativ keimfreien Lande kann er mit Frau und Kindern selbst den Boden bearbeiten, so daß er keine Tagelöhner braucht. Damit die Kinder nicht unwissend aufwachsen, wird bei genügender Anzahl für Schulunterricht gesorgt werden; aber bei den allerersten Familien muß es auch so gehen, vielleicht helfen da die Missionen aus. Auf jeden Fall aber wäre es für die Kinder ein Segen, wenn sie, anstatt im Winter vor Kälte und Hunger zu verkümmern an Geist und Leib, hier in kräftiger, gesunder, warmer, freier Luft arbeiten und dann ihren Hunger an Mais, Gemüse, Kartoffeln, Eiern stillen. Als Sonntagsgericht gäbe es auch ein Huhn in den Topf, ab und zu wohl gar ein Schweinchen oder eine Ziege, von der sie noch die Milch hätten.
Auch bei der leidigen Wohnungsfrage wäre es ein Glück nicht nur für den einzelnen, sondern für das ganze Volk, wenn die Jugend in Gottes freier herrlicher Natur heranwüchse, anstatt in dumpfigen, schmutzigen, von Menschen überfüllten Räumen zu vegetieren, wo sie der Hauch der moralischen Verwesung umgibt. Meine Jungen tragen jahraus jahrein nur ein Hemdchen, Hose und Bluse und sind glücklich, wenn sie barfuß gehen können; sie frieren nie, trotzdem der Ofen ein unbekannter Gegenstand im Hause ist. Dafür tragen sie lange Haare, um das Genick gegen die intensiven Sonnenstrahlen zu schützen, denn der Tropenhelm wird von den wilden Buben doch gar leicht zur Seite geworfen.
Welche Wohltat liegt schon in dem Gedanken, die Jugend mit roten Backen aufwachsen zu sehen, anstatt der hohlwangigen, verfallenen, alten Gesichterchen der frierenden kleinen Geschöpfe im Winter. Hier müßten sich wohltätige Frauen zusammentun und Geld sammeln, um es solchen verarmten Familien zu ermöglichen, ein neues segensreiches Leben zu beginnen. Es gibt soviel Wohltätigkeitsvereine, und darum bitte ich, gründet auch einen zur Unterstützung armer Familien, die auswandern wollen. Laßt das deutsche Blut nicht in fremdem Lande verloren gehen, sondern wirkt dahin, daß es Wurzeln in deutschen Kolonien schlägt und dort zu schönem Stamme aufschießt.
Es liegt nicht im Nahmen meines Buches, mich darüber noch näher auszulassen, doch erwähnen möchte ich, daß kleine Handwerker, wie Schuster, Schneider, Schlosser, besonders gut vorwärtskommen würden; sie würden sich viele kleine Nebenverdienste hierzulande schaffen können, ähnlich den Handwerkern in kleinen Dörfern, die ja auch ihr Feld nebenbei bestellen. Dieselben Vorteile, die man den Deutsch-Russen zuteil werden läßt, sollte man auch unsern auswanderungslustigen Landsleuten gewähren. Anfangs werden manche vielleicht in den ungewohnten Verhältnissen sich unglücklich fühlen, „was der Bauer nicht kennt, das frißt er nicht“, das Gasthaus, der Klatsch, die Sonntagsrauferei werden fehlen, doch allmählich werden sie sich einleben und zufrieden sein. Am meisten für hier würden Leute aus verarmten Gebirgsgegenden sich eignen, da sie an das Bergeklettern gewöhnt sind und auch verstehen, den Pflug an steilen Abhängen zu führen. Es müssen aber saubere, arbeitsame, vorwärtsstrebende Leute sein und in Gruppen angesiedelt werden, damit sie sich gegenseitig zur Arbeit anspornen, denn in der Einsamkeit würden sie bald die Selbstzucht verlieren und verbummeln. Ein gewisser Druck dürfte nicht fehlen. Die Kolonisten müßten zu kleineren Dorfschaften vereint werden, die Dorfschulzen müßten dahin wirken, daß das Saatgut, die Zuchttiere, das Handwerkszeug, das von der Regierung zu stellen wäre (es kommt ja später durch Zölle usw. wieder ein), nicht aufgegessen und verkauft werden könnte. Manch ein erwachsener Sohn würde als Holzfäller, Pflugführer, Wagenlenker sein gutes Auskommen auf größeren Farmen, manch erwachsene Tochter als Dienstmädchen gute Stellung in Familien finden und meistens sich bald verheiraten. Sie würden sich dann auch nicht einsam fühlen, denn Eltern und Geschwister wären ja in erreichbarer Nähe. Ein anderes Verfahren erscheint nicht zweckmäßig, da es in den Bergen an dem genügenden Absatz fürs erste noch fehlen würde und die Verbindungen zur Küste noch viel zu schlecht und teuer sind und die deutschen Ansiedler doch schon mehr Ansprüche machen, auch tritt für die Kinder die Schulfrage in den Vordergrund.
Die Reichstagsabgeordneten auf ihrer Studienreise nach Deutsch-Ostafrika Juli-August 1896.
1. Hr. Dr. Arendt. 2. Hr. Justizrat Dietrich. 3. Hr. Amtsgerichtsrat Schwarz. 4. Hr. Oberstabsarzt Hönmann (der hiesige Begleiter). 5. Hr. Oberamtsrichter Kalkhof. 6. Hr. Ingenieur Hackbarth (Leiter der Usambara-Bahn). 7. Hr. v. Prince. 8. Hr. Kapitän Doherr von der Deutsch-Ostafrika-Linie. 9. Hr. Lehmann. 10. Hr. Bezirksamtmann Zache von Tanger. 11. Hr. Oberst v. Massow. 12. Fr. v. Prince. (Zu [S. 231].)