Soll ich nun auch noch etwas von unserem materiellen Leben erzählen? Ich denke, wir essen recht gut. An Gemüse fehlt es nie; Butter ist vielleicht manchmal etwas knapp, aber ich habe eine schöne Rinderherde. Eier gibt’s reichlich — nur sehr klein sind sie. Frisches Fleisch liefern Schaf, Ziege, Huhn und manchmal Rind und Schwein; Ziegenbraten, über den man daheim leicht die Nase rümpft, ist gut zubereitet etwas ganz Vortreffliches.

Früh — meist recht früh — gibt es Tee oder Kaffee mit Eiern und kaltem Fleisch; um 12 Uhr bringt die zweite Mahlzeit ein Fleischgericht mit Gemüse und Kompott; am Abend — um 6 Uhr wird nämlich mit der Arbeit Schicht gemacht, und der gebildete Europäer macht Toilette — gibt es unser Mittag: Suppe, wieder ein Fleischgericht mit Gemüse und Kompott, süße Speise oder Käse. Also eigentlich ganz wie im lieben Deutschland. Nur ein Unterschied ist in der Tageseinteilung: wenn wir nicht Gäste haben (wobei dann auch häufig musiziert und wohl auch mal ein Tänzchen gewagt wird), gehen wir kaum je später als neun Uhr zu Bette. Dafür heißt’s aber auch früh aufstehen.

Vieles Gute verdanken wir natürlich der Bahnverbindung. Ja, unsere Usambarabahn! Wenn es nicht Tatsache wäre, man möchte es für einen Traum halten: Vor fünf Jahren war das Land längs ihres Laufes noch Wildnis — heut reiht sich hier eine Plantage an die andere. Alles Land an der Bahn selbst, ja darüber hinaus, ist schon in festen Händen. Dabei ist an Landspekulation nicht zu denken: das Gouvernement verpachtet jetzt nur noch, und erst wenn das gepachtete Land bebaut ist, kann man noch einmal soviel kaufen. Also 5 ha bebautes Land ergeben auf 10 ha Ankaufsrecht. Wir selbst wollten kürzlich ein bestimmtes Stück Land zu einer Gummiplantage kaufen, kamen aber ausgerechnet um 24 Stunden zu spät! Das alles hat lediglich die Bahn ermöglicht — und doch gibt es immer noch kluge Leute, die gegen Kolonialbahnen eifern.

Aber nun wieder zurück zu unserem Leben. Da muß ich vor allem noch der Post gedenken. Der Augenblick, in dem, etwa alle vierzehn Tage, der Bote mit der Europapost ankommt, ist immer ein großes Ereignis. Man träumt ihn schon im voraus mit offenen Augen durch, und der Gedanke an ihn verdichtet sich bis zu Visionen, in denen Eltern, Geschwister, liebe Freunde auftauchen. Der Briefwechsel hält uns Afrikaner am festesten mit der alten Heimat zusammen. Leider muß ich es sagen: die Briefe von den Angehörigen und Freunden werden seltener. Vielleicht bilde ich mir das ja auch nur ein. Aber ich empfinde, als ob auf die Dauer die Verschiedenheit der Interessen, die Schwierigkeit, sich in so ganz andere Verhältnisse hineinzudenken, den intimen Briefwechsel, den wirklichen Austausch der Gedanken erschwert. Schmerzlich empfinde ich es, wie sich allmählich die Verbindung doch lockert. Und ich kämpfe immer aufs neue dagegen an.

Aus diesem Grunde reiste ich nach Hause und nahm unsere Kinder mit, um sie den Großeltern vorzustellen. Trotz fünfjähriger Abwesenheit waren mir die alten Verhältnisse so vertraut, als ob ich nie fortgewesen wäre. Ich war glücklich, Eltern, Geschwister, Verwandte und Freunde gesund wieder zu sehen und manche neue Verbindung zu knüpfen.

Ich habe geschwelgt in Kunst und Theater und war entzückt und begeistert für alles Schöne, ich schwärme dafür, auch habe ich sehr viel für gute Leckereien übrig, und trotz allem war ich froh, als mein Urlaub zu Ende ging. Afrika zog mich förmlich zu sich zurück. Es wäre dies auch der Fall gewesen, wenn mein Mann nicht dort geblieben wäre. Es ist eben ein eigen Ding um die Tropen.

Außer den Briefen bringt die Post uns ja aber auch die deutschen Zeitungen (mit ihren für uns oft so drollig verspäteten Nachrichten) und so oft als geschenkliche Überraschung Büchersendungen von Mittler & Sohn aus Berlin. Nein, wir versauern nicht! Wir haben unsere gute Bibliothek, die wir fortdauernd durch alle besseren Neuerscheinungen bereichern, wir haben unsere guten deutschen Zeitschriften, unter denen auch Velhagen & Klasings Monatshefte uns immer aufs neue erfreuen. Und wir haben unseren Gedankenaustausch darüber. Denn nach des Tages Last und Mühe sitzen mein Mann und ich gerne zu einem Plauderstündchen beisammen, werfen alles Äußerliche und Alltägliche hinter uns und suchen unsere schönste Erholung in der Pflege höherer Interessen. Das kann, das darf der Europäer in der Fremde nicht entbehren. Er muß sich auch dadurch seine Überlegenheit wahren; er bedarf dessen, um sich selber in Zucht zu halten.

Eine wundervolle Erholung bietet endlich die Jagd. Auf eigenem Grund und Boden haben wir ja freilich außer Buschbock und Wildschwein nur kleineres Raubzeug und Vögel, und das würde dem verwöhnten Afrikaner auf die Dauer nicht genügen. Aber wir sind beweglich. Wir entschließen uns, wenn die Arbeit es gestattet, schnell einmal zu einer ausgedehnteren Jagdexpedition — immer wir beide, denn in Afrika (und das ist wieder das Schöne) geht die Frau immer mit dem Mann. So ziehen wir denn in die waldreiche Steppe mit Zelten und Betten und Trägern — „das Bündlein“ für solch eine Expedition zu schnüren, ist nicht ganz so leicht, wie das Kofferpacken in Europa. Aber desto schöner, erquickender ist auch die goldene Freiheit solch eines Nomadenlebens. Jedesmal kommen wir erholt, angeregt, von neuer Arbeitsfrische erfüllt, heim und freuen uns dann doch auch wieder unseres gemütlichen Hauses, seines Komforts — und natürlich zu allermeist des Wiedersehens mit unseren drei Buben, die gottlob! in der gesunden Luft unserer Berge prächtig gedeihen. Unser Jüngster Adalbert fing sein kleines Leben mit guten Vorbedeutungen an. Am Geburtstag meines Vaters, einen Tag vor dem Seiner Majestät, geboren, weilte zu derselben Zeit der erste Hohenzollernsproß, Prinz Adalbert von Preußen, in unserer Kolonie, und Seine Königliche Hoheit war so gnädig, die Patenstelle bei unserem Nesthäkchen anzunehmen.

Seitdem ich dies schrieb, hat die Kolonie ihren Aufstand gehabt. Überall hat es unter den Schwarzen gegärt. Der ganze Süden war in hellem Aufruhr bis dicht an die Grenzen der Wahehe. Es war ein Segen, daß die Wahehe treu zur Fahne hielten, denn dadurch wurde den Flammen des Aufstandes Einhalt geboten und verhindert, daß sie nach Norden übergriffen, der sich ja nur abwartend verhielt. Die Wahehe der Landschaft Mage und jener Gegend warfen sich den andringenden Wasagara entgegen und hielten unter schweren eigenen Verlusten das Eindringen der Empörer in ihr Land ab. Auch der so tüchtige Großjumbe Muvigny, auf den sich meine Leser als meinen ritterlichen Begleiter bei einer Reise besinnen werden, und unser braver, treu ergebener Farhimbu, den mein Mann von Sakkarani aus in Irole, nahe dem Zelewski-Schlachtfelde, angesiedelt hatte, bezahlten ihre Treue mit ihrem Leben. Ebenso hat mein alter Freund Sultan Kiwanga seine von Anbeginn der deutschen Herrschaft bestehende Freundschaft für sie mit dem Leben büßen müssen. Häuptlinge, die zu rebellieren beschlossen hatten, lockten ihn in einen Hinterhalt und ermordeten ihn. Unsere anderen schwarzen Freunde bogen die Sache durch und erfreuen sich noch ihrer Stellungen, Jumbe Mtaki bekam sogar ein Sultanat. —

Die Kompagnie Iringa unter der tapfern Führung des Hauptmanns Nigmann und dem zielbewußten Oberleut. v. Krieg hat eine hervorragende Rolle auch in diesem Aufstand gespielt. Schnell entschlossen eilte Hptm. Nigmann mit ihr in das Kampfgebiet, entsetzte die Station Wahenga noch in elfter Stunde und befreite sogar die fern im Süden gelegene Station Songia von den sie umlagernden Wangoni. Wie schneidig aber die Stämme der dortigen Gegenden sind, beweist der Umstand, daß bei Songia der einzige Europäer, der in dem Aufstand im offenen Felde gefallen ist, Dr. Wiehe, den Heldentod fand. Abermals hat Heldenblut besonders schwarzer deutscher Untertanen den Boden Afrikas getränkt, möchte es segensreiche Frucht tragen und endgültig allen Kampf von dem schönen Lande fernhalten.