Die erste Station im Innern! Von meinem Mann 1892 erbaut; kurz vorher war Leutnant v. Varnbüler, der mit meinem Mann herausgekommen war, der Malaria erlegen. Es war doch schön, wieder einmal nachts ein Dach über sich zu wissen. Morgen ist nämlich Ruhetag, deshalb haben wir uns in der Station selbst einquartiert. Unsere Wohnung erinnert mich sehr an die in Dar-es-Salaam, dort wie hier fliegen die Schwalben ein und aus, denn wir haben weder Fensterscheiben noch Türen. Freilich ist alles hier noch viel baufälliger, da die Wände nur aus Lehm hergestellt waren. Zur Entschädigung gab es aber frische Milch und Salat — das ist eine große Erquickung. Der Weg ist bis Kisaki gut imstande, so daß uns die Mühsal des Marsches durch hohes Gras erspart blieb, aber die zahlreichen, teils trockenen, teils wasserführenden, oft metertiefen Bachrinnen, wohl an zwanzig von jeder Sorte, bildeten recht empfindliche Hindernisse. Die 4 bis 5 m hohen Ufer fallen sehr steil ab, so daß die Tiere nur mit Mühe durchzutreiben sind; man lernt hier das Klettern, aber schwindelfrei muß man sein.
Diesseits der Fähre bin ich die erste weiße Frau, die in diese Gegend kommt, und werde auch dementsprechend angestaunt, von den Frauen mehr noch wie von den Männern. Unsere Askaris stellen sich mit den Jumben im allgemeinen auf guten Fuß; gestern beobachtete ich eine solche Begrüßung: sie schüttelten sich, ohne dabei viel Worte zu machen, drei- bis viermal kräftig die Hand und wiederholten nach ein paar Minuten diese Szene. Händeschütteln ist hier sehr en vogue.
Vor ungefähr zwei Jahren ist Tom das letzte Mal durch diesen Landstrich marschiert; seitdem sind viele neue Dorfgemeinden hier entstanden, die ihre Felder bebauen und Viehzucht treiben; ein schönes Zeichen für den Segen, den die europäische Kultur in diese Gegend gebracht hat, in welcher sonst Kampf und Fehde unter der Bevölkerung herrschte, so daß von irgendwelchem wirtschaftlichen Betriebe keine Rede sein konnte.
Die Station ist ziemlich verwildert: 19 Mann Besatzung genügen nicht, um alles instand zu halten und dabei noch Garten und Feld zu bestellen. Die meisten Baulichkeiten liegen in Trümmern, da auf Herrn v. Wissmanns Befehl Bastionen, Mauern und Gebäude eingerissen wurden, um die Station der Verteidigungskraft der kleinen Besatzung anzupassen.
Mgeta, 13. Juni 1896.
Nachdem wir heute früh eine Anzahl von Wellblechlasten, einige Stühle und Pflanzen vom Gouvernement für die Station abgeliefert hatten, brachen wir ziemlich spät (gegen 9 Uhr) mit Hörnerklang und Trommelschlag von Kisaki auf, nicht ohne uns bei dem Unteroffizier für den schönen Salat, die frische Milch und allerhand Sämereien bedankt zu haben. Auch in das „Fremdenbuch“ der Station trugen wir uns ein. Nach anderthalbstündigem Marsche kam uns schon einer der Mafiti mit Hühnern und Mehl entgegen; früher war er mit seinem ganzen Anhang vor Tom geflohen, heute rechnete er es sich zur Ehre, Toms Gewehr tragen zu dürfen. Unser Weg ging auf breiter Straße an einem Mafitidorfe vorüber, welches erst seit Jahresfrist wieder aufgebaut ist, bis an den Mgetafluß. Hier schlugen wir unser Lager auf, mitten im hohen Gras, gegen welches unsere Soldaten in Reih und Glied in Sturmkolonne vorgingen, um durch Niedertrampeln einen glatten Lagerplatz zu schaffen. Den eigentlichen Feind trafen wir aber erst nach dieser siegreichen Attacke: es wimmelte von Ameisen, und zwar den blutgierigsten ihres Geschlechts! Wir konnten unsern Lagerplatz nur dadurch vor diesen Blutsaugern schützen, daß wir doppelte Decken ausbreiteten und ringsum einen „Zauberkreis“ zogen, d. h. ringsum einen Streifen Gras abbrannten, denn Asche bildet für sie ein unübersteigbares Hindernis.
Ich hatte mich dieses Mal durch den Fluß tragen lassen. Mitten im Flusse verlor mein Träger in der Strömung das Gleichgewicht, und wären nicht andere rasch zugesprungen, hätte ich im Wasser gelegen. Nun erhielt ich rechts und links Begleitmannschaften, aber trotz aller Sorgfalt kam ich bis an die Knie ins Wasser. Unsere Tageseinteilung hielten wir auch heute inne: Nach dem Marsche wurde gegessen, ein kurzes Schläfchen; nach dem Kaffee wissenschaftliche Beobachtungen: Höhenmessung durch genaueste Bestimmung des Siedepunktes des Wassers, eine Methode, die wir kurz „Höhe abkochen“ nennen, Uhrenvergleichen und Zeitberechnungen. Inzwischen tut Tom seinen Dienst. Dann schreibe ich meine Tagebuchnotizen, bis zum Mittagessen, abends 7 Uhr. Nach Dunkelwerden „gucken wir Sterne“, verpacken die auf dem Marsch gefangenen Schmetterlinge und spielen zum Schluß noch eine Partie Schach oder „Sechsundsechzig“. Um 9 Uhr ist’s Schlafenszeit. Von ½7 Uhr an ist es hier abends schon so kalt, daß wir Mäntel anziehen, und zwar je dicker je besser.
Kurz nach Dunkelwerden flog eine Schar schneeweißer Reiher wie eine dichte Wolke am dunkeln Himmel hin — ein feierlicher Anblick: Seelen, die ihrer Heimat zustreben!
Msengebach, 14. Juni 1896.
Heute liegt ein Marsch hinter uns, wie er angestrengter kaum gedacht werden kann; fortwährend durch hohes Schilfgras, das den Blick behindert; man muß mit den Füßen jeden Schritt fühlen und tasten — wie oft fällt man da über einen Baumstamm oder bleibt in Wurzelwerk und Schlingpflanzen hängen. Das starre Gras schlägt Gesicht und Hände blutig. Von der Landschaft sah ich natürlich wenig, dagegen fanden wir sehr viele Elefantenspuren und eine Löwenfährte.