Makirika, 20. Juni 1896.

Das erste Fieber überstanden! — Das waren böse Tage. Daheim wäre man bei 39° Bluttemperatur im dunkeln Zimmer ins Bett gepackt worden, hier sieht die „Krankenstube“ wesentlich anders aus. Ich wurde getragen, und Tom machte nur kurze Märsche von 2½ bis 3 Stunden; damit ich nicht zu sehr geschüttelt wurde, ließ er den Weg noch besonders aushauen und pflegte mich überhaupt während des Marsches nach Menschenmöglichkeit. Von der schönen Gegend, die wir durchzogen, sah ich natürlich nichts; erst gestern war ich wieder so klar, um erkennen zu können, wie wunderschön unser Lager, rings von Bergen umgeben, gelegen war.

Der gestrige Tag muß überhaupt in unserem Kalender rot angestrichen werden; seit 3 Wochen sahen wir die ersten Deutschen, die Herren v. Kleist und Albinus, die Tom von Perondo ablöst. Es war eine Freude, solche prächtige Menschen kennen zu lernen. Wir hoffen, Herrn Albinus als Leutnant zu bekommen. Sie schenkten uns eine Kalbskeule, die großartig geschmeckt hat. Herr v. Kleist litt ebenfalls so stark am Fieber, daß er getragen werden mußte, und Herrn Albinus sah man die beiden kürzlich überstandenen „Perniziösen“ auch noch an. Zum Frühstück waren wir recht gemütlich zusammen, Perondo bildete natürlich den Mittelpunkt unserer Unterhaltung. Um 10 Uhr hatten wir uns getroffen, um 2½ mußten wir uns schon wieder trennen. Uns blühten noch neunzehn Bachübergänge, alle mit den bekannten steilen Ufern; das gab viel Anstrengung, aber auch der Lohn fehlte nicht; die ersten Bergspitzen von Uhehe grüßten zu uns herüber!

Mfajeka, 21. Juni 1896.

Das große Ereignis des heutigen Tages war der Übergang über den Ruaha, der eine Stunde in Anspruch nahm. Vorher besuchte ich den Jumbe, dessen Hütte, Ställe und Garten auf einem waldigen Hügel am diesseitigen Ufer recht einladend aussahen. Zwei Kindern von drei bis fünf Jahren hätte ich gern die Hand gegeben, aber das kleinste fing an jämmerlich zu schreien, als ich auf sie zukam. Da war es allerliebst anzusehen, wie das ältere die Ärmchen um das kleine Schwesterchen schlang und den kleinen Angsthasen schützend zur Mutter führte, die mich von weitem mit nicht gerade freundlichen Blicken ansah. Sonst freuen sich die Frauen im Lager, wenn ich mit ihren Kleinen schön tue, obgleich diese auch zuerst immer jämmerlich schrieen. —

Der Flußübergang bot ein prächtiges Bild afrikanischen Lebens. In drei Kolonnen wälzte sich die Masse der Soldaten, Träger und ihres Anhanges von Weibern und Kindern durch den Strom bis zu einer Sandbank. Bei hohem Wasserstand ist auch diese überflutet, dann ist der Ruaha an dieser Stelle gegen 400 Meter breit. Von der Sandbank bis zum anderen (rechten) Ufer sah man, etwa 100 Meter weit, nur die schwarzen Köpfe und die Trägerlasten über dem Wasser. Die Frauen hatten sich ihre Babies mit dreieckigen Tüchern auf den Rücken gebunden, — die landesübliche Sitte des Kindertragens — und wurden mit ihrer lamentierenden Last von den Männern durchs Wasser gezogen, die größeren Kinder balancierten strampelnd und schreiend auf den Köpfen ihrer Mütter. Wir selbst bewerkstelligten den Übergang auf einem als Boot ausgeputzten großen Stück Baumrinde, auf welchem wir niederhockten und so von den Schwarzen durchbugsiert wurden. Besonders imposant war die Stellung nicht, in der wir in unser neues Reich einzogen, aber wir betraten es wenigstens trockenen Fußes. Hier fängt Toms neuer Wirkungskreis an: wir sind heute zum erstenmal auf eigenem Gebiete.

Während des Flußüberganges brach einer der Träger ein Bein: aus Schrecken vor einem in seiner Nähe auftauchenden Flußpferd war er ausgeglitten und gegen einen Felsen getrieben worden; er wurde sofort herausgeholt, geschient und verbunden.

Mfajeka, 22. Juni 1896.

Heute ist Ruhetag. Auf Herrn Ramsays Karte verfolgte ich unsern bisherigen Weg; er hat auch die „Teufelsstelle“ eingezeichnet, die wir am 15. d. M. passierten. Dort ist einmal jemand ermordet worden, nun bringt jeder Vorüberziehende den Manen des Ermordeten eine Gabe dar, damit er vor allen Fährlichkeiten bewahrt bleibe. Große Unkosten entstehen dem frommen Wanderer durch diese Opfergabe nicht: ein Stein, ein Blatt genügt, und wer das nicht zur Hand hat, begnügt sich damit — auszuspucken, und hat damit die Anwartschaft auf Schutz vor Krankheit, wilden Tieren und bösen Menschen entsprechend bezahlt.