Meine Boys machen mir viel Ärger; sie stehlen wie die Raben, dazu die angeborene Faulheit. Juma, der schon seit Jahren bei meinem Mann ist, und von dem ich glaubte, ob seines Verwöhntseins nicht mit ihm auszukommen, ist jetzt der Beste von allen; seine „Güte“ ist zwar niemals aufregend, aber er bleibt sich wenigstens immer gleich und zeigt vor allem niemals die ausgesprochen schlechten Eigenschaften seiner schwarzen Kollegen.
Abends machen wir gewöhnlich einen Spazierritt. Die Natur ist hier so herrlich, die Luft so klar und erfrischend, man fühlt bei jedem Atemzug: hier ist Gesundheit, hier ist das Quisisana, dessen wir nach all den Fiebergegenden, die wir durchzogen, so dringend benötigen. Kleine Fieberanfälle stellen sich leider bei Tom immer noch zuweilen ein, und selbst ich habe schon einige gehabt. Die vielen Reitwege ringsum geben uns gute Gelegenheit, die Gegend genauer kennen zu lernen; unsere Maultiere klimmen die steilsten Felsenpfade hinan, die für ein Pferd wohl ganz unpassierbar sein würden.
Meine schwarzen Damen scheinen mich heute nicht zu besuchen. Kürzlich zeigte ich ihnen einen an einem Gummiball mittels dünnen Schlauches befestigten, recht naturgetreu aussehenden Frosch, der infolge des Luftdruckes ganz natürlich forthüpfte: ganz wie in Europa fürchteten sich meine schwarzen Damen auch hier vor dem kleinen Ungetüm. Schade, daß ich bei den Weihnachtsbestellungen nicht an mehr dergleichen Spielereien gedacht habe; Weihnachten wollen wir nämlich großartig feiern. Hoffentlich treffen die bestellten Sendungen pünktlich ein.
30. Oktober 1896.
Die Regenzeit meldet sich an, bedeckter Himmel, entfernter Donner und heute der erste Regenguß — viel zu früh für uns, denn noch ist längst nicht alles unter Dach und Fach. Namentlich die wasserdichten Wohnungen für die Soldaten sind noch nicht fertig; es fehlt uns sehr an Werkzeug, um den Bau zu beschleunigen. Unsere Zimmer standen zum Teil, die Veranda vollständig unter Wasser, und es ist mir mancherlei verdorben. Übrigens sieht man hier schon den Kulturfortschritt: alle haben doch schon wenigstens einige Kleidungsstücke an! Die Männer allerdings im allgemeinen mehr als die Frauen.
Unser Garten wird sehr hübsch, bei seiner Bestellung spielt ein Rechen mit Zinken aus Zimmermanns-Nägeln die Hauptrolle. Der Blick von einem Fenster aus bietet viel Interessantes, ich sehe die rege Bautätigkeit und kann verfolgen, wie aus Holzstäben, Bast, Gras und Erde Häuser, eine Straße, ein ganzes Dorf entstehen. Die Einwohner, die sich mit ihrem Vieh und wertvollerem Besitztum in die Schluchten des unwegsamen Gebirges geflüchtet hatten, sind wieder zurückgekehrt, auch die meisten von Quawas Verwandten und seinem Anhang, die Sikki-Gesellschaft, die Mutter, eine Tochter mit Klumpfüßen und ein Sohn, haben sich in Toms Schutz begeben. Es war uns dies um so auffallender, da ihr Vater von Tom 1892 in Tabora geschlagen wurde. Als dessen Hauptburg fiel, sprengte er sich mit seinen Weibern in die Luft.
Mein Mann läßt den Sohn ein Wanjamwesi-Dorf hinter der Station gründen. Unten im Tal will er dann auch ein Dorf von Kondoa-Leuten anlegen; diese Einrichtung wird sehr nutzbringend für die Station sein, es können dann die von den Wahehe geraubten Leute dort Unterkunft finden.
Heute kam eine Frau, die aus Ubena entflohen war, um bei uns Schutz zu suchen. Ihr waren die Ohren abgeschnitten worden. Jetzt fangen die Frauen an, zu mir zum Schauri zu kommen, ich habe täglich sechs bis acht von ihnen bei mir, die natürlich dann auch beköstigt sein wollen.
31. Oktober 1896.
Heute ist der zweite Mhehe gehängt worden, der einen unserer Trägerführer am Ruaha ermordet hat. Mein Mann ließ diese durch die traurige Notwendigkeit zur Unerläßlichkeit gewordene Hinrichtung mit einer gewissen, auf die Gemüter der Eingeborenen wirksamen Feierlichkeit ausführen: Sämtliche Wassagira aus Iringa mußten der Exekution beiwohnen. Auch eine große schaulustige Menge hatte sich, wie mir Tom nachher erzählte, zu dem traurigen Schauspiel eingefunden, darunter sehr viele Frauen, welche Tom den Platz verlassen hieß. Die Schaulust zeigte sich jedoch hier stärker als der sonst eingefleischte Gehorsam, und erst als der Befehl durch Festnahme und Abführung eines der Weiber gründlichen Nachdruck erhielt, bequemten sich die übrigen, sich zu entfernen. Der Mörder ist so in sein Schicksal ergeben gewesen, daß er den Kopf selbst in die Schlinge gesteckt hat. Ein Gnadenschuß, den Tom bei solchen Exekutionen stets abgeben ließ, hatte den sofortigen Tod des Verurteilten zur Folge. Das abschreckende Beispiel einer solchen Hinrichtung ist um so nötiger, als auch einer unserer Askaris, der seinerzeit bei dem anstrengenden Marsche hinter der Kolonne zurückblieb, Meuchelmördern zum Opfer fiel. Die Täter sind noch nicht entdeckt.