Wie schnell ändern sich alle Pläne. Um 10 Uhr wollten mein Mann und ich abmarschieren und Graf Fugger sollte hier bleiben, statt dessen marschiert Graf Fugger um 12 Uhr ab, ich bleibe hier, und um 2 Uhr ging mein Mann, der noch vieles anzuordnen hatte.

Dieselbe böse Nachricht wurde, eine halbe Stunde später wie die Wahehe es meldeten, auch von Farhenga und Sadalla gebracht, also ist es unumstößliche Wahrheit.

Ein Revolver von der 1891 niedergemetzelten Zelewski-Expedition ist in meinem Besitze, er wurde in einer Tembe gefunden. Wie man von den Wahehe hört, hat sich die unglückliche Expedition tapfer verteidigt, 200 Wahehe fielen damals!

4. März 1897.

Wie die Ertrinkenden sind wir mit unseren Hoffnungen bald oben, bald unten, kaum haben wir uns auf die Oberfläche gearbeitet, reißt eine Welle uns wieder in die Tiefe. Gott gebe, daß wir nicht untergehen! — Ich war mit dem Pater spazieren gegangen; als ich zurückkam, waren von Leutnant Fonck wieder schlimme Nachrichten eingetroffen. Auch in Madibiro sind Unruhen, es wird Vieh gestohlen, ja es sind sogar mehrere Leute vor den Wahehe geflohen. Die Wahehe haben wieder neuen Mut geschöpft, und es ist nicht ausgeschlossen, daß sie sich an mehr wagen. Ich kann’s nicht sagen, wie leid mir Tom tut, auf den es von allen Seiten Unglücksbotschaften regnet.

Die Schwarzen hier in der Stadt müssen doch ein unbegrenztes Vertrauen zu uns haben. Die Bautätigkeit läßt trotz der unsicheren Zustände nicht nach, die Händler bauen weiter an ihren Hütten und Lagerhäusern, es entsteht Straße um Straße, daß es eine wahre Freude ist. — Ich bin tüchtig erkältet, wahrscheinlich Nachwehen von dem Ruahabade am Schluß der letzten Safari (Reise). Unser neues Haus steht unter Dach, es schreitet sehr langsam vorwärts unter den ungünstigen Verhältnissen. Kein Bauleiter, und jetzt kaum ein Europäer zur Aufsicht, Feldwebel Spiegel hat es aber sehr hübsch gemacht, trotz seines Augenleidens. An der Befestigung der Boma wird fleißig gearbeitet, es wird alles dazu herangezogen.

Von Tom sind schon ein Ruga-Ruga und ein Askari zurück, die nicht schnell genug mitkonnten. Von Feldwebel Langenkemper, mit dem Tom zusammentraf, mußten mehrere Lasten zurück. Tom scheint also vorwärts zu stürmen. Mir ist sehr ernst! Ich hätte gewünscht, bessere Nachricht nach Haus senden zu können! Aber so launenhaft ist das Schicksal. Vor drei Wochen war es hier wunderschön friedlich, und jetzt spukt es allerorten. Ein Segen, daß Tom den Aufstand schon im Entstehen erkannte und ihn im Keime ersticken kann. Quawas Freunde haben sich jetzt noch enger zusammengeschlossen und treten offen auf, die fein eingefädelte Überraschung des Überfalls ist ihnen nicht gelungen; wie weit die Funken reichen, was sie noch alles entflammen werden, ist unabsehbar. Doch ich weiß, Tom wird trotz alledem ihrer Herr, früher oder später, obgleich er in Quawa einen Gegner gefunden, der in Deutsch-Ostafrika kaum seinesgleichen hat.

Sonnabend, 6. März 1897.

Ich habe fest zu Bett gelegen, aber heute mußte ich doch aufstehen, um meine gratulierenden Sudanesen-Damen zu empfangen. Wir sind nämlich mitten im Ramassan, dem großen Feste der Mohammedaner. Des Schießens ist kein Ende, der Beginn der Festzeit wurde sogar mit Kanonenschüssen eingeleitet; der Neger beurteilt nun einmal aus seiner kindlichen Anschauung heraus jede Feier und jedes Vergnügen nach dem Lärm, den er dabei machen darf.

Meine Damen erscheinen bei mir zum Gratulieren, ich bewirte sie mit Bonbons und allerlei Süßem, der Frau des Effendi (farbigen Offiziers) lasse ich Kaffee und Wein reichen. Ein interessanter Anblick, meine acht Besucherinnen: von der nach hiesigen Begriffen gebildeten Effendi-Frau mit feingeschnittenem Gesicht, lebhaften, hübschen Zügen, bis zur kugelrunden, gutmütig ausschauenden und zufrieden lächelnden Rentiersgattin, auf deren dickem Gesicht das behagliche Lächeln angenehmen Gesättigtseins glänzt. Ich hätte früher nie geglaubt, wie viele Abstufungen innerhalb der schwarzen Rasse möglich sind; man lernt im täglichen Umgang rasch die Gesichter individualisieren, sie in die beiden, überall auf der Welt und in allen Ständen gebräuchlichen Hauptklassen einzuteilen: in sympathische und unsympathische Gesichter. Meine Sudanesinnen sind in mancher Beziehung zugleich meine Schicksalsgenossinnen; auch sie sind Fremde hier, die ihre Heimat verließen, um dem Gatten nach einem unbekannten Lande zu folgen; augenblicklich sind auch sie Strohwitwen, denn die Sudanesen sind unsere besten Askaris und werden zu jeder Expedition mitgenommen. Die Sudanesenfrau hält treu zu ihrem Manne, Ausnahmen kommen kaum öfter vor wie bei uns Weißen. Meine Kaffeegesellschaft bot einen wundervollen Anblick: Gelb und Weiß sind die bevorzugten Farben, und in dieser Auswahl bekunden die schwarzen Damen wirklich Geschmack, denn sie bringen die dunkle Hautfarbe zu malerischer Wirkung. Lang herabwallendes, weißes Krepptuch, je nach dem Stande der Trägerin von feinerem oder gröberem Gewebe, verhüllt die Gestalt vom Scheitel bis zu den Sohlen, darunter wird ein mit bunter Seidenborte oder mit feinen Klöppelspitzen verziertes Gewand getragen; ein weißseidenes Tuch bedeckt die Stirn bis an die Augenbrauen; dazu reicher Silberschmuck an Hals und Armen: lange schwere Silberketten mit in Silber gefaßten Löwenklauen, silbernen Dosen jeden Formates, Ringen und Talismanen. An den Fingern möglichst viele silberne Reifen, zum Teil in der Form unserer Siegelringe, mit Steinen besetzt. Man sieht unter diesen Schmucksachen zuweilen Stücke von ganz eigenartig schöner Ziselierung und Prägung. Nur eine der Frauen hatte Kinder, und diese hatte in berechtigtem Mutterstolze ihr Jüngstes mitgebracht. Den anderen Frauen waren die Kinder infolge der Strapazen und Entbehrungen auf den Safaris, auf denen sie ihre Männer begleiten mußten, schon im zartesten Alter gestorben.