Auch bei uns in Uhehe spielt die „Frauenfrage“ eine große Rolle: infolge der vielen Kriegszüge herrscht Mangel an jungen Männern, dagegen Überfluß an Frauen; dazu kommen noch die vielen geraubten Weiber aus anderen Stämmen. Kein Wunder, daß unter solchen Verhältnissen die schwarzen „Herren der Schöpfung“ verwöhnt sind — die Weiber reißen sich geradezu um die Männer. So hat denn ein jeder hier mehrere Frauen, denen nach dem einfachen Grundsatze: „je älter und häßlicher — um so härter die Arbeit und karger der Lohn“ die ganze Last der Haus- und Feldarbeit zufällt. So haben z. B. alle jungen hübschen Frauen bei den Wahehe Überfluß an weißen und bunten Tüchern, mit denen sie ihre schlanken Glieder verhüllen. Nur der meist prächtig geformte Hals mit dem tadellosen Büstenansatz, die vollen Schultern und die kräftigen Arme bleiben frei. Mit zunehmendem Alter und dem Schwinden der körperlichen Reize schwinden auch diese sichtbaren Zeichen sowohl eheherrlicher Gunst wie eifersüchtigen Verhüllens — der Rest ist Schweigen.
Am 8. März 1897.
Heute kam Tom zurück; ich war gerade im Garten und konnte ihm schon von weitem zuwinken. In die Freude des Wiedersehens mischte sich die Sorge um Graf Fugger, von dem noch keine Meldung gekommen ist. Auch Dr. Stierling bringt eine Hiobspost: wieder sind 16 Kettengefangene ausgebrochen; eine neue Verstärkung für Quawa!
9. März 1897.
Unsere Sorge um Graf Fugger war, Gott sei Dank, umsonst; heute nachmittag kam er unerwartet an. Er hat die verdächtige Gegend gesäubert und bringt erbeutetes Vieh mit. Kaum sind wir dieser Sorge enthoben, kommt eine neue Unglücksbotschaft: ein von Tom eingesetzter Msagira, Schabruma, ist von einem früher ausgebrochenen Kettengefangenen Jumba-Jumba, einem Halbbruder Quawas, ermordet worden. Quawa sichert sich seinen Einfluß auf die Großen seines Landes mit Energie: er schickt ihnen nachts einige ihm treu ergebene Anhänger zu, die ihnen die Wahl lassen zwischen Tod oder Gefolgschaft. Nichts zeigt übrigens so deutlich, daß wir es bei den Wahehe mit einem einigen, von einem Willen gelenkten Volke zu tun haben und nicht bloß mit einzelnen verbündeten Stämmen, als die Tatsache, daß es hier allerorten gleichzeitig im Lande spukt: Quawas mächtige Hand macht sich überall fühlbar, und all unser Denken und Sorgen, fast wie das einer Braut, die stets nur den Geliebten im Sinne trägt, beschäftigt sich mit „Ihm“.
10. März 1897.
Mein Mann hat heute alle von ihm selbst eingesetzten Jumben aufgeboten und hält ihnen eine sehr eindringliche Rede. Sie und ihre Leute sollen sich alle mit ihm vereinigen und gemeinsam gegen Quawa ziehen. Es ist unglaublich, welche Furcht und unausrottbarer Respekt vor der früheren Sultansgestalt selbst bei uns ganz ergebenen Leuten herrscht. Ich hörte zu. Mein Mann entwickelte eine Beredsamkeit, die ich ihm nie zugetraut hätte. Endlich waren sie alle sämtlich überredet und wollten alles tun, was Tom anordnet, — wie weit die guten Vorsätze gehen, wird sich bald zeigen.
Wir waren nun wirklich sehr aufgeregt, ob die Wahehe kommen würden. Fortwährend wurde die Frage: „Kommen sie, kommen sie nicht?“ erörtert. Gestern abend traf nämlich noch die Nachricht ein, in Ubena sei Mawala von 4 bis 6 Quawaleuten ermordet worden. Für meinen Mann ein schwerer Verlust, da er von Anfang an treu zu ihm hielt; Mawalas Vater ist nämlich von Quawa gehängt worden. Sein Bruder Sadamenda ist in Iringa-Bagamoyo als Sultan eingesetzt worden. Sofort wurden Boten an alle Jumben geschickt, die sie zu heute entbieten mußten. Unsere Sorge war, daß die Jumben dem Heerbann nicht alle folgen und daß die Angst, das Schicksal Mawalas zu teilen, sie ins Pori treiben würde: dann stünde Tom ohne Leute da.
Als wir nun einen Jumben nach dem andern ankommen sahen, wurden wir etwas ruhiger, aber die Sorge wurde wieder rege, als Sadamenda nicht kam; wir glaubten ihn schon entflohen, als sich beim Schauri herausstellte, daß er einen Stellvertreter geschickt habe, da er selbst „weinen“ müsse! Eine Art offizieller Trauerdienst um seinen Bruder!
Dann kam die Nachricht, daß Sagamaganga, der Bruder von Kiwanga, ermordet sei, also so weit dehnt sich Quawas Macht aus. Ferner sind drei Händler auf dem Wege erstochen, dann traf ein Askari von Kiwanga ein, der zum Schutz des Viehs dort war (das Vieh, 200 Stück, ist weggetrieben). Er hat sich vier Wochen durchs Pori heimlich hierher geschlichen und kam halb verhungert hier an.