Gott sei Dank: eben kommt die Nachricht, daß Dr. Stierling sich nur verirrt hatte. Es ist unglaublich, wie die Unruhen selbst auf unsere Boys wirken, nichts geht seinen gewohnten Gang. Sie sind ganz außer Rand und Band und machen mir viel Wirtschaft.
Merere besucht uns alle Tage; er ist doch der richtige „Mchensi“. Gestern hat Tom ihm drei Quawaweiber gegeben, heute wollte er noch mehr herauspressen.
15. März 1897.
Dr. Stierling und Leutnant Braun kamen heute wieder zurück. Morgen soll Kriegsgericht über den Askari zusammentreten. Tom hatte den Verwandten des Ermordeten reiche Geschenke angeboten; sie weigerten sich jedoch, sie als Sühne gelten zu lassen, und verlangen den Tod des Askari. Für Tom ein schweres Dilemma! Erhalten sie nicht volle Sühne für den Tod ihres Verwandten, so muß man befürchten, daß sie sich weigern werden, mit gegen Quawa zu ziehen — und es sind gerade die treuesten und schneidigsten von unseren Wahehes.
Gestern abend brannten einige Askarihütten ab. Es war ein mächtiges Feuer. Tom war natürlich wieder der Erste auf dem Platze, eine Stange fiel ihm aufs Bein und verursachte ihm große Schmerzen, er ließ sich aber nicht in seiner Feuerwehrtätigkeit stören.
In den brennenden Hütten platzten die Patronen, die die Askaris hatten liegen lassen, das machte die Sache gefährlich. Ein paar Ziegen und Schafe waren nicht mehr zu retten, ihr Geschrei klang schauerlich. Ein Schaf, dem schon die Wolle abgesengt war, konnte ich noch glücklich retten. Plötzlich hieß es, ein Fundi sei durch eine Patrone am Gesicht verwundet worden; da weder Arzt noch Lazarettgehilfe zugegen (beide waren abkommandiert), ließ ich mir den Mann holen und hatte die Freude, ihn tüchtig auslachen zu können, er hatte nur eine ganz geringfügige Schmarre, die wohl kaum von einer Patrone herrührte.
Nach dem Brande wurde gemeldet, ein Askari sei von der Tembe gefallen und habe ein Bein gebrochen. Ich ging hin, fand aber auch das nicht so schlimm. Ich hielt den Schaden für eine starke Sehnenzerrung oder Verstauchung und legte Verband an. Heute überzeugte ich mich, daß es nicht schlimm geworden war. Auch Dr. Stierling konstatierte später nur eine Verstauchung. Jetzt wird von den Leuten im Händlerdorf eine große Boma gebaut. Man kann und darf eigentlich schon „Stadt“ sagen bei ungefähr 3000 Einwohnern, und das alles in einer Zeit von sechs Monaten! Vor der Zeit war hier alles Pori (Wüste), und keine Menschenseele, weder weiß noch schwarz, hier in der ganzen Gegend. Die Dornenboma wird verstärkt und Bastionen werden angelegt. Jetzt sind schon solche Vorsichtsmaßregeln notwendig, während wir vor zwei Monaten ohne jeden Schutz hier lebten. Schnapsel amüsiert sich jetzt den ganzen Tag bis spät zur Nacht, bis er eben gesucht wird, auf eigene Faust; da er uns aber zu leicht weggefressen werden kann, besonders jetzt, wo außer den wilden Tieren auch unsere Wassangus Hundefleisch lieben, muß er die ganze Zeit angebunden sein und wird nur spazieren geführt. Merere behauptet, er und seine Leute äßen Hunde nicht mehr, aber sein Vater hat sie noch sehr geliebt, und da derselbe erst 1893 gestorben ist, halte ich Mereres Zivilisation noch nicht für so wurzelecht, als daß ich sie durch den täglichen Anblick Schnapsels ins Wanken bringen möchte.
Eine Gerichtssitzung in Iringa.