Sultan Merere auf seinem Reitstier.
(Zu [S. 86].)
16. März 1897.
Ein fortwährendes Gehen und Kommen von fremden Menschen bei uns. Man fürchtet sich vor jeder neuen Nachricht. So Tag für Tag auf der Lauer liegen, geduldig abwarten und nichts tun können, ist für Tom die größte Energieprobe; gar zu gern möchte er losschlagen. Es geht aber auch unglaublich auf die Nerven, an Schlafen ist kaum noch zu denken. Tom sieht schon ganz elend aus, und ich ängstige mich sehr um seine Gesundheit, um so mehr, als das große Schreckgespenst einer langen Trennung vor mir steht. Tom erwartet nur mehr Wassangus und Kiwangaleute, um loszuschlagen. Es ist eben keine leichte Zeit. Natürlich kann ich gar nicht alle Meldungen und Nachrichten hier einschreiben. Heute ist nur 20 Schritt von der Boma der Unteroffiziere ein Soldatenboy erstochen worden. Zwei Soldaten kamen gleich mit der Meldung. Also selbst auf ganz sicherem Gebiete ein Meuchelmord.
Gestern kam Kersten, um die gefangenen Weiber, Kinder, Anhänger von Quawa und Mpangire nach der Küste zu bringen. Der verurteilte Askari geht mit, das Kriegsgericht hat auf fünf Jahre Zuchthaus erkannt.
Das weiße Schwein wurde plötzlich so krank, daß wir glaubten, es würde eingehen. Hammermeister als gelernter Fleischer konstatierte aber nur Unmengen von Sandflöhen, Sohle und Kniescheibenhaut mußten abgeschnitten werden. Jetzt wird es fleißig gepflegt und verbunden werden, desgleichen das schwarze Schwein.
Abends ritten wir zu Merere hinüber; der sollte auf seinem Ochsen mitkommen, das gab natürlich viel Spaß, besonders, als er plötzlich von demselben heruntersegelte. Einmal ritt er als Dame, das andere Mal als Herr. Er versuchte sich auf dem Maultier, Tom führte es, als es aber leicht antrabte, strebte Merere mit allen Kräften hinunter. — Heute morgen hatte ich Mgumditemi bei mir, um sie zu fragen, ob sie bleiben oder mit den andern an die Küste und dann weiter zu ihrer Mutter gehen oder ob sie bei uns abwarten wolle, bis Quawa dingfest gemacht sei. Sie zog letzteres vor und war ganz selig darüber. Auf ihren Wunsch wirkte ich bei Tom aus, daß auch ihre kleine etwa neunjährige Schwester bei uns bleiben kann. Ich freue mich, daß Mgumditemi hier bleibt. Sie ist eine nette, kluge Frau. Jetzt ist sie ganz abgehärmt und kaum wiederzuerkennen. Das kleine Mädel ist auch nett.
Gestern abend kam der Bruder Mauritius, früher Tischler hier, von der Küste an, von Mage hatte er Begleitkommando bekommen. — Früher war bei der hiesigen katholischen Mission die Regel, möglichst einfach zu leben, da aber zu viele Brüder an Entkräftung starben, wurde die Maßnahme aufgehoben. Für die Mission ist noch ein zweiter Bruder bestimmt, der gut kochen soll. Einen deutschen Koch hier zu haben und sich um die Küche nicht zu kümmern brauchen, das müssen geradezu ideale Zustände sein! Heute frühstückte er bei uns, ich gab ihm Gemüse, und dann zog er zu seiner Mission.
Vom Lazarettgehilfen Prinage kam die Meldung, daß alle Karawanenstraßen von Quawas Wahehe besetzt werden sollen; jede Post, jede Karawane, jeder Händler soll niedergemacht werden. Das stimmt mit der Aussage des Bruders, der den Mörder des Boy beherbergt hatte: Quawa habe den Wahehe sagen lassen, sie sollten alles niedermachen, was ihnen in den Weg kommt, Karawanen, Post, Händlern usw. auflauern, alle den Weißen freundlich gesinnten Wahehe totschlagen, dann ins Pori verschwinden, das würde den Europäern so langweilig werden, daß sie wieder abzögen. Auf diese Art will er uns aus dem Lande treiben. Nun, erschrecken kann er uns, das beweist er täglich — aber wir bleiben doch! das Schlimme ist nur bei der Sache, daß Tom so wenig dagegen tun kann. Wenn man zu Hause in Deutschland ist, so denkt man, mit den Negern sei doch leicht fertig zu werden, sie seien ja solche untergeordneten Geschöpfe, daß es eine Kleinigkeit sei, sie zu regieren. Nun, ich wünschte, daß alle, die dieser Ansicht sind (ich war es früher nämlich auch), einmal hier zusehen könnten, dann würden sie sich überzeugen, daß die Leute auch ohne Schulbildung sehr schlau sind. Heute kam ein Ruga-Ruga an mit einer Speerwunde, seine zwei Begleiter sind erstochen worden. Die Täter konnten nicht ergriffen werden, denn sie flohen ins Pori. Tom weiß aber, wer sie sind. Kersten mit seinen Gefangenen wurden sofort Boten nachgeschickt, um ihn zu größter Vorsicht auf dem Marsche zu mahnen.
19. März 1897.