Um 3 Uhr setzte sich der Leichenzug in Bewegung, voran die Kompagnie mit der Musik, dann der von zwölf Askaris getragene Sarg und der Boy des Verstorbenen mit einem schwarzen Kreuz, welchem wir wenigen Europäer folgten. Am Grabe bildete die Kompagnie Spalier, der Sarg wurde heruntergelassen und mit Blumen und Palmenzweigen bedeckt. Graf Fugger[6] widmete dem jungen Landsmann und treuen Kameraden, der nun fern der deutschen Heimat sein Grab gefunden, herzliche Worte, darauf sprach Pater Ambrosius ein Gebet — und die Trauerfeier war zu Ende. Die Kompagnie rückte nach soldatischer Art unter fröhlichen Marschweisen ab, und wir gingen schweren Herzens still nach Hause. „Wer weiß, wie nahe mir mein Ende!....“ Feldwebel Merkel beaufsichtigte die Arbeiter, die den Grabhügel aufhöhen und einzäunen. Winkler, der erst vor einigen Tagen von einer Expedition zurückgekehrt war, hatte sich den Keim zu diesem Fieber auf dem Rückmarsche mit Merere von Usafua an derselben Stelle am großen Ruaha geholt, an welcher früher einmal auch Tom und Graf Fugger daran erkrankt waren.
Noch nie hat mich Schwermut und Sehnsucht so gepackt wie an diesem Begräbnistage. Ich hielt es zu Hause nicht aus, die Einsamkeit trieb mich hinaus auf die Straßen; wie beneidete ich die Schwarzen, die in ihrem harmlosen Frohsinn so vergnügt in den Hütten herumhockten, wie sehnte ich mich in dieser traurigen Stimmung nach meinem Mann, schon die schlichte Frage eines Askari-Wachtpostens nach des bana mkubwa („großen Herrn“) und meinem Befinden, klang mir in meiner Einsamkeitsstimmung wie ein verheißungsvoller Gruß. Als ich von meinem Rundgang nach Hause zurückkam, fand ich einen Boten vor mit einem Briefe von Tom! In welcher Gefahr hatte mein Mann in dieser Zeit geschwebt. Der Brief berichtet ausführlich über seine Expedition; ich werde Toms eigene Worte hierher setzen:
(Aus Toms Brief vom 5. Juni 1897, zwei Stunden vom Muassi-See.)
„... Schlaflosigkeit und Erkältung behindern zwar sehr den fröhlichen Gedankenfluß, und meine Sitzgelegenheit — der Stuhl ist beinahe so hoch wie der Tisch — trägt auch nicht zur Bequemlichkeit bei, aber die komische Geschichte muß ich Dir doch noch erzählen:
Am 3. Juni stellte ich fest, daß die Bewohner einiger dicht bei Leutnant Foncks Lager gelegenen Temben sich in den Felsenhöhlen versteckt hielten. Dort hielten sie sich für sicher, denn weder andere Wahehe, noch viel weniger irgend ein anderer Neger würde ihnen in ihre Höhlenverstecke folgen. Die Gelegenheit war mir gerade recht, den Wahehe einmal zu zeigen, daß wir sie auch aus diesen, ihnen für absolut uneinnehmbar geltenden Felshöhlen herausholen. Ich nahm also Unteroffizier Schubert mit einigen Askaris sowie eine Anzahl Wahehe mit, letztere als Zuschauer und Augenzeugen. Nach sechsstündigem Marsche kamen wir an eine Felsenschlucht, in deren Klüften die Flüchtigen sich verborgen hielten. Sofort kam Leben in die ganze Sache, wie vor einem Kaninchenbau huschten die schwarzen Gestalten hin und her, zu schnell, um in der kurzen Zeit des Sichtbarseins von unseren Leuten scharf genug aufs Korn genommen zu werden. Eine der Höhlen, in welcher ich einen Mann verschwinden sah, beschloß ich, genau zu untersuchen. Sie war, wie sich bei näherer Besichtigung ergab, am Eingang etwa einen halben Meter weit und zweigte sich in etwa zwei Meter Tiefe nach rechts und links ab. Ich stellte einen Posten an den Eingang und suchte weiter. Aus dem nächsten Felsenloche, welches einen etwas bequemeren Eingang hatte, stöberte ich mit einigen Askaris gegen 30 Weiber und Kinder auf, die sich in den einzelnen Gängen versteckt gehalten. Das Geschrei der Aufgeschreckten und das Gebrüll meiner Leute in dem dunkeln Labyrinthe von Gängen da unten hatte übrigens doch etwas Unheimliches. In die nächste Höhle, die wir absuchten, trauten sich meine Askaris nicht hinein, es war ihnen zu dunkel — auch hatten wir sichere Zeichen, daß hier Weiber und Kinder versteckt lagen. Kaum war ich in den Eingang getreten, als mir von links her ein Speer scharf an der Brust vorbeisauste und klirrend an die Felswand schlug, zugleich bohrte sich zwischen meinen Füßen hindurch ein zweiter Speer in den Moderboden. Der Hausherr war also bereit, uns zu empfangen. Etwas oberhalb hinter mir stand ein Händler aus der Stadt, der sich freiwillig angeschlossen hatte — ein dritter Speer, der direkt von vorn kam und mir den Helm abriß, traf ihn in die Seite. Mit einem Satze war mein „Freiwilliger“ raus aus dem Loch. An seiner Stelle erschien nun aber oben mein Boy Juma, der mir voll Angst zuschrie, ich möchte mich doch ja recht gut decken. So vernünftig war er aber doch, daß er mir ein Gewehr herunter warf. Wie aber in der pechschwarzen Finsternis zielen? Zunächst deckte ich mich hinter einem Felsblock, damit meine Silhouette den im sichern, dunkeln Hintergrunde stehenden Speerschützen nicht allzudeutlich gegen die vom Eingange aus durchs Tageslicht beleuchtete Felswand sichtbar würde. Dicht hinter meinem Verstecke höre ich ein gleichförmiges Schaben und Knirschen — Tschirr! Tschirr! — da sitzt ein Kerl und schärft seine Speere. Ich schoß nach der Richtung hin, freilich ohne zu treffen, zugleich bemerkte ich aber dicht hinter mir ein tiefes Loch, dessen Boden ich mit einem Speere nicht erreichen konnte. Ein Speerwurf von da unten hätte voraussichtlich die Folge gehabt, daß ich auf meinem bereits geschilderten hochbeinigen Schreibsessel jetzt noch unbequemer sitzen müßte, und da aus der Finsternis vor mir wieder ein Speer über den Kopf weg gegen die Felswand klirrte, konzentrierte ich mich für diesmal mit erheblicher Geschwindigkeit nach rückwärts, nachdem ich noch durch einen Schuß ins Dunkle über den warmen Empfang quittiert hatte. So kam ich nicht zum Ziel. Ich ließ also Grasfackeln binden, hieß einige Askaris Schild und Speer nehmen, ebenso den schneidigsten meiner Wahehe, und drang mit ihnen wieder in die Höhle — sofort saß dem Wahehe ein Speer in der als Deckung vorgehaltenen Matte. Nun ließ ich zum Angriff blasen, die brennenden Grasfackeln wurden in die Gänge geworfen, und ich trieb meine Askaris, die wie die Wilden brüllten, vorwärts. Auf diese Weise säuberten wir eine ganze Anzahl dieser „uneinnehmbaren“ Schlupflöcher und förderten eine Menge Weiber und Kinder ans Tageslicht. In der ersten Höhle wurde ein Mann getötet, vier gefangen, zwei entkamen.“
Ich muß offen gestehen, daß mich beim Lesen solcher Geschichten doch ein Grausen ankam, wenn ich mir die näheren Umstände dieses kleinen Scherzes ausmalte.
Der 9. Juli war ein Glückstag! Ich war gerade dabei, im Wohnzimmer die letzten Gardinen aufzustecken, als meine Muhigu angerannt kommt: „Bana mkubwa!“ Ich dachte, es käme irgend ein Europäer, die die Muhigu uns wie üblich als „großer Herr“ anmeldete, und wollte eiligst ins Schlafzimmer, um mir die Haare aufzustecken, die ich heftiger Kopfschmerzen wegen offen trug, da lag ich aber schon in den Armen Toms, der der Muhigu auf dem Fuße gefolgt war! Vor freudigem Schreck schrie ich laut auf.
Und als ob es für einen Tag nicht Glücks genug wäre, kam am Nachmittage auch noch die langersehnte Post. Einige Tage konnte Tom sich erholen, die Strapazen der letzten Expedition hatten ihn doch sehr mitgenommen, und auch ich ließ alle Arbeit ruhen, um seiner Pflege mich ausschließlich widmen und mich seiner Gegenwart wieder einmal ungestört erfreuen zu können. Als Reiseerinnerung brachte er mir die Felle und Köpfe zweier prächtiger Giraffen und eines Zebras mit, die er unterwegs geschossen hatte, eine Anzahl eigenartig roter Perlen, die die Weiber hier als Schmuck tragen, und ein schönes Leopardenfell, aus dem ein Wahehekrieger sich einen „Kriegsmantel“ zurechtgeschneidert hatte — alles Gegenstände, die sich als malerischer und vor allem stilechter Wandschmuck verwerten lassen.
Nach einigen Tagen der notwendigsten Erholung begann wieder „des Dienstes ewig gleichgestellte Uhr“ ihr regelmäßiges Tick-Tack — Schauris von morgens bis abends. Nur eine Stunde, vom Abendsignal bis zum Abendbrot, wurde dem Krocketspiel gewidmet, an dem Graf Fugger wieder eifrig teilnahm; während Toms Expedition hatte er täglich, soweit es sein Dienst erlaubte, mir Gesellschaft geleistet und mich zu Spaziergängen abgeholt. Und wie jede gute Tat ihren Lohn erhält, so auch hier; denn der Auftrag, dem Gouverneur entgegenzuziehen und ihn an der Grenze von Uhehe zu begrüßen, erfüllte den lebenslustigen jungen Offizier mit heller Freude; hatte er doch nach langer Zeit einmal wieder Gelegenheit, deutsche Kameraden zu begrüßen.
Bei uns brachte währenddessen jeder Tag seine besondere Abwechselung. Zuerst wurde Farhenga krank, und zwar so plötzlich, daß man auf eine Vergiftung schließen mußte; dieser Verdacht liegt hier sehr nahe, denn Gift und Selbstmord sind bei unseren schwarzen „Großen“ an der Tagesordnung. Dann aber brachte sich Quawa wieder in Erinnerung: als Tom eines Tages vom Schauri nach Hause kam, erzählte er mir, — so ganz nebenbei, es schien ihm nicht besonders nahe zu gehen — es sei ihm gemeldet worden, Quawa habe zwei Wanyamwesi-Leute von der etwa eine Stunde von uns entfernten und uns freundlich gesinnten Ansiedelung gegen hohe Belohnung gedungen, Tom bei nächster Gelegenheit zu ermorden. Mein Mann schickte natürlich eine Patrouille, die die beiden Biedermänner nach ein paar Tagen auch richtig einlieferte. Mein Haushalt erhielt einen Zuwachs in Gestalt eines etwa vier Tage alten kleinen Zebras, es ging aber trotz aller Pflege schon nach drei Tagen ein; nicht einmal photographieren konnte ich das niedliche Tierchen, denn ich lag gerade an jenen Tagen wieder mal fest. Eine Sendung Apfelsinen kam mir damals gerade recht gelegen. Sie hatten nur den bittern Nachgeschmack, daß jede einzelne Frucht durch den Trägerlohn auf eine halbe Rupie (70 bis 90 Pfennig) zu stehen kommt. Wie gute Dienste würde mir jetzt die Eismaschine leisten, aber gerade jetzt versagt sie, die Gummiringe schließen nicht fest genug. Auch eine unserer großen Demijeon-Flaschen kam zerbrochen an, von denen je zwei von einem Träger getragen werden. Das läuft ins Geld: seitdem wir hier sind, haben wir schon 247 Träger gehabt, pro Mann 21 Rupien!