Da ich gerade von unseren Landplagen schreibe, darf ich auch Mereres Freund, den Araber Jemadari, nicht vergessen. Er gehört zu den „Großen“, also kostet mich die Ehre seines Besuches täglich das ortsübliche Gastgeschenk, das jeder bekommt, der sich persönlich nach dem Befinden seines Sultans erkundigt — und das ist Tom für sie. Zum Glück geht dieser teure Gastfreund nach Iringa, wo er als Wali eingesetzt werden soll; auf die Dauer hätten meine Fruchtsaft-, Öl- und andere Vorräte diese täglichen Opfer auf dem Altar der Gastfreundschaft nicht mehr leisten können.
Die hohen Trägerkosten sind das schwierigste Hindernis, das einer regelrechten Kolonisierung im Wege steht: wie sollen sich unsere deutschen Unteroffiziere, auf die man doch in erster Linie mit rechnen könnte, hier eine eigene Familie begründen: die einfachsten Lebensbedürfnisse, ohne die man einer deutschen Frau den Aufenthalt nicht zumuten kann — von irgendwelchem, auch dem allerbescheidensten Luxus ganz abgesehen — würden an Trägerlohn mehr erfordern, als ein Unteroffizier von seinem Gehalt aufwenden kann. Es ist ein Jammer, daß sich für dieses herrliche, fruchtbare Gebirgsland von Uhehe kein deutscher Unternehmungsgeist mobil machen läßt. Deutsche Bauern, die selbst Hand anlegen, fänden hier Gelegenheit, ein reiches Gebiet dauernd der Kultur zu gewinnen. Wir haben in Iringa Versuche mit europäischen Feld- und Gartenfrüchten gemacht, die zu den besten Hoffnungen berechtigen. Bedingung für das Gedeihen einer Kolonisation im größeren Maßstabe ist natürlich die Erschließung der natürlichen Zugangsstraßen nach der Küste, zunächst also der wasserreichen Flüsse Kihansi und Ulanga, ferner die Anlage einer festen Straße zur Umgehung der die Bootsfahrten hindernden Stromschnellen — doch halt! die Phantasie „beflügelt meinen Kiel“ — sie erhebt ihre Schwingen sogar bis zu dem kühnen Bilde einer — Schmalspurbahn, die von Ngahoma am Ulanga aus diesen Fluß mit dem Rufidji verbinden müßte!
Wie dicht übrigens unsere Leute an Quawa heran waren, erzählte der Sohn des Jumben Chetamaruru, der von dem Sultan bei Luhota gefangen, ihm aber später im Pori glücklich entkommen war. Diesem Berichte nach sei Dr. Stierling ganz nahe an dem Busche vorbeigezogen, in welchem Quawa mit seinen Gefangenen sich versteckt hatte. Um die Verfolger auf falsche Fährte zu locken, hatte der alte Fuchs seine Weiber nach einer andern Richtung abziehen lassen und freute sich nun im Busche über das Gelingen seiner Kriegslist. Er hätte aber sicherlich keine Freude erlebt, wenn er mit dem schneidigen Doktor zusammengetroffen wäre.
Mit meinen Leuten hatte ich erst recht viel Ärger. Die Frauen, die sich bis jetzt bei mir tüchtig herausgefuttert hatten, sollten nun beim Umzug helfen; das war nun nicht nach ihrem Geschmack — sie drückten sich einfach. Schammy rauchte Haschisch und versuchte in seinem Delirium, seinen Kollegen Humadi zu erschießen; der schlug aber zum Glück noch den Gewehrlauf nach oben, so daß der Schuß in die Decke ging. Auf diese Weise kann man noch einmal vom eigenen Hausboy über den Haufen geschossen werden. Als er gefesselt werden sollte, entwickelte der Bengel Riesenkräfte, zerschlug alles, was ihm unter die Fäuste kam, und verschwand schließlich im Pori. Dort fanden ihn nach zwei Tagen einige Askaris zwischen den Steinen hockend, hungrig, zitternd — mit einem Mordskater! Natürlich war er sehr geknickt, als sie ihn mir anbrachten, und bat de- und wehmütig um Verzeihung. Die Unglückspfeife habe ich vor seinen Augen zerschlagen und verbrannt. Unter diesen Umständen hatte ich bei der großen Arbeit nur noch Humadi und die Totos (Kinder), da ich auch Sitamira auf Knall und Fall entlassen mußte — sie war zu hübsch — leider aber auch ebenso leichtsinnig. Der einzige Lichtblick in dieser Zeit voll allerlei Verdruß war die Rückkehr meines Koches, der gerade noch kurz vor Ankunft des Gouverneurs aus dem Lazarett entlassen wurde. Ich mußte ihn zunächst mit Wein und Milch aufpäppeln, da er noch sehr klapperig war, er hat mir aber doch nach besten Kräften geholfen; wußte ich doch wirklich manchmal nicht, wo mir der Kopf stand, bei all den tausenderlei Vorbereitungen — die Herren sollen nach ihren anstrengenden Märschen einmal wieder die Empfindung haben, in ein deutsches Haus zu kommen.
Der Gouverneur hatte sich für den 11. Juli angemeldet. Tom wollte ihm einen Tagemarsch entgegenziehen und brach am 10. auf. Ich war eben dabei, unsere Schlafzimmer für den Gouverneur als Wohnung einzurichten, als Juma, den Tom mitgenommen hatte, atemlos angestürzt kam: „In einer Stunde ist der Gouverneur da!“ Er hatte den Marsch über Mage genommen und traf nun einen Tag früher ein, als wir ihn erwarteten! Also reingefallen mit all meinen Vorbereitungen, und ich hatte mir doch alles so schön ausgedacht. Zunächst weinte ich vor Ärger über das Mißlingen meiner schönen Küchen- und Tafelpläne — dann ging’s aber um so flinker. Leberwurst und Sülze konnte ich den Herren nun freilich nicht zum Frühstück vorsetzen, und die Wildtauben, die es zu Mittag geben sollte, flogen noch lustig und lebendig umher, so mußte ich Gang für Gang von meinem kunstvoll zusammengebauten Menu streichen. Zum Glück traf der Gouverneur erst gegen 1 Uhr mittags ein, so daß er sein Wohnzimmer fix und fertig vorfand.
Zum Frühstück konnte ich unseren Gästen nur eine Kalbskeule vorsetzen, dazu allerlei kalte Speisen und Konserven, auch zu einer Bowle hatte ich noch Zeit gefunden. Abends tafelten wir nach festlichem deutschen Zuschnitt; meine Fleischpastetchen fanden vielen Beifall, desgleichen der Plumpudding. Daß die Europäer „brennende Speise“ essen, wurde von der schwarzen Bedienung und ihrem Anhang mit offensichtlichem Staunen beobachtet. Zu Ehren des Gouverneurs hatten wir ein großes Festprogramm aufgestellt. Fackelzug, Kostümfest und verschiedene andere Kurzweil, die Herren hatten aber so viel zu tun, daß es beim guten Willen bleiben mußte.
Der Gouverneur war erstaunt und erfreut über die militärische Haltung der Wahehe, die am 17. Juli hier für einen neuen Quawa-Zug unter Führung ihrer Jumben auf der Station antraten. Tom hatte, wie er vorausgesetzt hatte, wirklich 1300 Wahehe und 300 andere Neger für die Station zusammengebracht.
Nachmittags 4 Uhr brach der Zug auf, am 20. standen sie bereits dicht bei Quawas Kriegslager; leider war ihr Angriff ohne das gewünschte Ergebnis; als der Gouverneur und Tom mit der 6. Kompagnie den steilen Berg, ohne auf Widerstand zu treffen, erstiegen hatten, fanden sie das Negerdorf sowohl wie das Kriegslager verlassen, nur einige Nachzügler wurden noch abgefaßt, die über die Besetzung des Lagers durch Quawa Auskunft gaben — der Biedermann hatte, als er acht Europäer an der Spitze der Angreifenden zählte, die günstige Stellung aufgegeben und die sichere Deckung im Pori dem immerhin zweifelhaften Ausgange eines Verteidigungskampfes vorgezogen. Ich bin ihm persönlich dafür dankbar. Das Lager war auf der Spitze einer aus einem tiefen Talkessel terrassenförmig sich aufbauenden Kuppe angelegt, die dem Angreifer nicht die geringste Deckung gewährte, so daß die den Hang erklimmenden Truppen bequem Mann für Mann von der Höhe aus aufs Korn genommen werden konnten. Wer weiß, wer von den Herren nicht dort den Angriff mit dem Leben bezahlt hätte!
27. Juli 1897.
Gestern abend, kurz vor Schlafengehen, brachte mir ein Wachtposten noch einen langen Brief von Tom. Aber anstatt der erwarteten Nachricht seiner baldigen Rückkehr lese ich, daß die Expedition sich wohl über vier Wochen ausdehnen wird. Sie waren bereits dicht an Quawas Lager heran, und nun suchen sie möglichst auf seine weiteren Spuren zu kommen. Das sind für mich recht böse Aussichten, denn nun ist der glückliche Wahn gründlich zerstört, daß dies unsere letzte längere Trennung gewesen sei. Tom schreibt, der Gouverneur sei sehr erfreut über die gute Disziplin der Wahehe, über das Nachrichtenwesen und die gute Laune, die trotz des zwölfstündigen Marsches in der schwierigen Gebirgsgegend bei den Leuten herrscht. Der Gouverneur wird sich dann von Tom trennen, um noch weiter die Bodenverhältnisse auf ihre Ansiedelungsfähigkeit zu untersuchen. Soweit bis jetzt zu übersehen ist, eignet sich das Land ganz hervorragend zur Besiedelung, und Oberst Liebert will die Kolonisation nach Kräften beschleunigen.