Heute beehrte mich der Sultan von Mahenga, mein alter Freund Kiwanga aus Perondo, mit seinem Besuch. Zu dieser Antrittsvisite hatte er sich 800 Leute aus Perondo mitgenommen, eine Vorsichtsmaßregel, die ich ihm eigentlich nicht verdenken kann; der schlaue Fuchs Quawa hatte ihm nämlich durch einen Msassagira-Boten sagen lassen, er solle sofort mit seinen Leuten sich Quawa anschließen, der Sakkarani (nämlich Tom) wolle ihn hängen lassen. Kiwanga hatte jedoch Vertrauen zu Toms früherer Zusage, er lieferte den Quawa-Boten an Leutnant Kuhlmann aus und machte sich auf den Weg zu uns; so ganz sicher schien er aber seiner Sache nicht zu sein, wenigstens mußte ich ihm immer und immer wieder versichern, daß Tom ihn nicht zu dem Zwecke herbestellt habe, um ihn hier aufzuknüpfen, und es gelang mir auch, sein Zutrauen vollständig zu festigen. Er bemühte sich dann noch eifrigst, mir den Hof zu machen; daß er dabei meinen Mann bis in den Himmel hinein lobte und pries, hielt er für das geeignetste Mittel, seiner Huldigung besonderen Nachdruck zu geben. Als Freund Kiwanga sich endlich empfahl, kam Pater Alfons zum Abendbrot, mit dem ich dann noch ein gemütliches Plauderstündchen hielt.
28. Juli 1897.
Pater Alfons kam heute zum Frühstück. Dann machte ich einige photographische Aufnahmen von Kiwangas Leuten. Ihn selbst photographierte ich vor seinem Zelt, mit seinem Tisch, Stuhl, Flasche, Glas und Teller; auf seine europäische Zelteinrichtung ist er nämlich sehr stolz. Beim Griechen hatte er sich soeben einen eleganten Anzug und neue Schuhe gekauft, da ihm seine Safari-Garderobe für die Station nicht mehr ansehnlich genug erschien. Als ich mein Bad genommen und die verordneten Umschläge gewissenhaft erledigt hatte, ließ ich mir von Kiwanga und seinen 800 Kriegern ihre ngoma (das Wort bedeutet sowohl „Trommel“ und „Musik“ wie auch „Tanz“) vorführen, zuerst den Kriegstanz der Mafiti, dann den der Wahehe. Kiwanga ist reiner Mhehe, sein und Quawas Vater waren rechte Vettern, deren Feindschaft auch auf die Söhne forterbte.
Es war ein interessantes Schauspiel, die 800 wilden Kerle in der ganzen Eigenart ihrer heimischen Kampfweise diese Kriegsspiele, denn auf die Darstellung eines Angriffes läuft die ganze Sache hinaus, vor mir manövrieren zu sehen. Ich muß gestehen, daß es mir doch eine gewisse Verlegenheit bereitete, vor dieser ganzen Menschenmenge als die Bibi mkubwa, die „große Frau“, gefeiert zu werden, besonders da Kiwanga an der Spitze seiner Leute mir seine Huldigung erwies. Der Sultan führte die ganze Sache selbst und tanzte und sprang mit einer Gewandtheit und einem feierlichen Ernst, der in den europäischen Kleidern etwas unsagbar Komisches hatte. Erst als die neuen Schuhe, die auf derartige Kriegsstrapazen nicht geeicht waren, ihm an den Füßen zerplatzten, und seine Leute von dem tollen Rennen und Brüllen erschöpft waren, ließ er mich durch den Effendi um die Erlaubnis bitten, das Kriegsspiel beenden zu dürfen. Ich ging nun zu ihm und bedankte mich für das schöne Schauspiel, worauf er mit seiner Kriegerschar sehr befriedigt abzog. Daß die ganze Stadt sowie unsere Askaris mit Weibern und Kindern als Zuschauer versammelt waren, versteht sich von selbst, eine „große Parade“ wirkt immer und überall „aufs Zivil“.
Als besonders komischen Zwischenfall muß ich noch die Heldentat meiner beiden Hunde Schnapsel und Pombe erwähnen. Mit wütendem Gebell fuhren sie einem der Mafiti, der ihnen etwas zu nahe gekommen war, in die Beine und verfolgten ihn unter dem Gelächter der Zuschauer weit über den Plan. Es gelang mir nur schwer, ihren kriegerischen Sinn wieder soweit zu dämpfen, daß sie von der Verfolgung abließen, dann setzten sie sich aber mitten auf den Platz, gleichsam als die Angriffsobjekte des ganzen Manövers, und beobachteten mit mißtrauischem Ohrenspitzen jede Bewegung ihrer Feinde, entschlossen, nur der Übermacht zu weichen.
Abends kam Kiwanga, um Abschied zu nehmen; er wird morgen in aller Frühe abmarschieren, um sich mit seinen Leuten Tom anzuschließen. Er bat mich, ihm einen Brief an meinen Mann mitzugeben, was ich denn auch tat. Der schwarze Bundesbruder hat mir doch viel Zerstreuung geboten, und das hat mir gerade in diesen Tagen recht wohl getan, es blieb mir nur wenig Zeit, meinen trüben Gedanken nachhängen zu können. Besonders erbaulich war nun freilich nicht alles, womit mein Gastfreund mich zu unterhalten suchte; so schilderte er mir recht anschaulich, daß sein Bruder Sagamaganga zehn von seinen jungen Weibern aufgehängt und sich dann selbst vergiftet hat. Beweggrund auch hier: Cherchez la femme. Ich habe diesen Sagamaganga, der einer der mächtigsten Sultane zwischen Mahenga und Schabruma war, zusammen mit seinem Bruder Kiwanga auf einer Photographie, er war ein auffallend stattlicher, hübscher Neger.
29. Juli 1897.
Heute früh marschierte Kiwanga mit seinen Leuten ab. Nachmittags kam Dr. Stierling aus Idunda zurück, er hat dort Leutnant Fonck behandelt, der an Malaria erkrankt war, sowie einen augenleidenden Unteroffizier. Den Besuch in Idunda hatte Dr. Stierling um 14 Tage verschieben müssen, da er hier den Bauleiter Hentrich, der krank von der Küste ankam, nicht ohne ärztliche Behandlung lassen konnte; jetzt hat sich Herr Hentrich einigermaßen erholt; er sieht schon viel wohler aus wie bei seiner Ankunft von der Küste. Wie es in Idunda steht, werde ich wohl morgen von Dr. Stierling erfahren.