Nach dem neunstündigen Ritt bin ich heute sehr müde. Unser Lagerplatz befindet sich an einer Stelle am Saume des Urwaldes, an der vor kurzem noch unsere Feinde sich häuslich eingerichtet hatten; eine Anzahl Feuerstellen ist noch vorhanden, auch einige niedere Grashütten wurden von unseren Askaris aufgestöbert. Tom ist allein losgezogen, ich habe inzwischen „Höhe abgekocht“, Pflanzen gepreßt und mich in Semmlers „Tropische Agrikultur“ vertieft. Eine angenehme Unterbrechung bot die Ankunft der Postsachen, mit ihnen der vergessene — Spiegel, der aus Versehen nicht mit eingepackt worden war. Früher hätte ich es einfach für unmöglich gehalten, daß ein weibliches Wesen vierzehn Tage lang ohne Spiegel existieren könne, ich bin aber doch schon so stark verafrikanert, daß ich ihn wirklich kaum noch vermißte. Als Ersatz für Schnapsels Sohn Pombe, den uns der Leopard totgebissen, haben wir jetzt eine Tochter dieses in der Blüte seines Daseins Geknickten in Gestalt eines muntern, sehr zierlichen Hündchens als Haus- bzw. Zeltgenossen, dem wir, seinem lebhaften mutwilligen Wesen entsprechend, den Namen „Sillery“ gaben; die Dynastie Schnapsel blüht also weiter. An Stelle meines bisher besten Boys — er stand bei allen Gläubigen als Zugehöriger zur Familie der direkten Nachkommen des Propheten in hohem Ansehen —, den ich seinem Vater auf dessen Wunsch zurückgab, habe ich jetzt einen jungen Mhehe, ein prächtiges Kerlchen mit großen, klugen Augen. Mein Koch klagt mir wieder sein Hauskreuz: seine bessere Hälfte behandelt ihn zu schlecht! Das würde mir nun wenig Kopfschmerzen machen, wenn diese ehelichen Zwistigkeiten sich nicht auf meine Küche erstreckten. Eines schönen Tages war meine „Perle“ verschwunden — für mich ein unersetzlicher Verlust! Tom hetzte sofort den Wali und unsern Freund Farhenga auf seine Spur, die auch Leute auf die Suche schickten; überdies wurde für seine Einlieferung ein Rind als Belohnung ausgesetzt! Endlich — ich hatte schon die Hoffnung aufgegeben, meine Perle je wiederzusehen — kam mein Mpischi ganz von selbst wieder an — seine Frau hatte ihn wieder mal so schlecht behandelt, daß er im Pori Schutz gesucht hatte. Hoffentlich wirkt die Safari auch auf seinen Lebensmut wieder auffrischend; noch hat er sich von seinem Seelenschmerz nicht erholt.

12. Mai 1898.

Tom wieder unterwegs, um womöglich die Quelle des Kihansi zu finden. Aus Berlin traf ein Brief von Toms Jugendfreund, Leutnant v. Thaer, ein, der mich meiner Lieben daheim wegen sehr beunruhigt. Herr von Thaer ist sehr besorgt um unser Schicksal; ihm war die Schreckensnachricht zugegangen, Tom und ich seien von den Wahehe ermordet worden, selbst die Einzelheiten dieses Mordes waren angegeben; auf persönliche Anfrage beim Auswärtigen Amt hatte man ihm gesagt, amtlich sei nichts derartiges bekannt, nach einigen Tagen wurde die Nachricht dann auch offiziell als unbegründet bezeichnet. Hoffentlich bewährt sich auch an uns der alte Volksglaube: daß Totgesagte ein hohes Alter erreichen! Welcher Schrecken aber für alle unsere Lieben daheim, wenn sie tagelang unter dem fürchterlichen Druck der Ungewißheit leben müssen, falls das Gerücht auch zu ihnen gedrungen ist! Ich habe die Briefe von zu Hause noch nie mit solcher Sehnsucht erwartet, wie diesmal.

Dabagga, 15. Mai 1898.

Toms topographische Ausbeute ist reichlich: er hat die Quellen nicht nur des Kihansi, sondern auch die des Mtitu festgestellt; so sehr ich mich über jeden Erfolg meines Mannes freue, so unzufrieden bin ich doch manchmal mit ihm, denn im Eifer, das vorgesetzte Ziel zu erreichen, vergißt er Essen und Trinken; so hat er auch diesmal wieder den ganzen Tag nichts genossen; er war aber über das Ergebnis seiner Erkundungsmärsche so vergnügt, daß ich die Gardinenpredigt, mit der ich ihm das Abendbrot zu würzen gedachte, für eine bessere Gelegenheit noch zurückhielt.

Der Regen hat uns übrigens auf dieser geographischen Expedition zu vielen Marschpausen gezwungen, da wir bei trübem, nassem Wetter keine genauen Aufnahmen erzielen. Tom hat jedoch seine Karte um eine große Zahl wichtiger Punkte bereichern können, und für mich war es noch besonders wertvoll, unser Gebiet so kreuz und quer zu durchstreifen.

Meine Sorge, daß unsere Lieben in Deutschland durch die Tataren- oder vielmehr „Kaffern“-Nachricht von unserer Ermordung in Angst gesetzt seien, wird durch heute eingelaufene Zeitungen bestätigt: Papa hat nach Dar-es-Salaam um Nachricht telegraphiert. Nun haben sie inzwischen wohl alle die beruhigende Nachricht erhalten, daß es uns gut geht. Wie mag wohl das Gerücht entstanden sein? Gott sei’s gedankt, Toms politische Haltung den Schwarzen gegenüber, sein kluges, freundliches Eingehen auf die nationale Eigenart der einzelnen Stämme hat uns die Herzen dieser großen Kinder Schritt für Schritt gewonnen, wir fühlen uns sicher mitten unter ihnen. Wer hätte früher je gedacht, daß die stolzen Wahehekrieger einst für die Weißen friedliche Arbeit tun würden? Jetzt schlagen sie Wege für uns durch den Urwald und sind anstellig für jede friedliche Beschäftigung. Selbstverständlich lassen wir uns nicht in untätige Sicherheit einwiegen, sondern halten die Augen nach allen Seiten hin offen. So hat Tom jetzt für die Feldarbeit auf der vom Förster Ockel eingerichteten landwirtschaftlichen Versuchsstation hier in Dabagga auch Wapawagas aus dem Bezirk Uhehe eingestellt; es hatten sich auf die erste Aufforderung hin sofort 30 Mann gemeldet, vorsichtshalber wurden aber erst 15 zur Probe angenommen; sie mußten sich jeder in einem besonderen, mit ihrem Handzeichen versehenen Kontrakt auf vorläufig drei Monate verpflichten, eine Förmlichkeit, bei der sie sich ungemein wichtig vorkamen; jetzt führen sie mit viel Geschick den Spaten; der Förster ist sehr zufrieden mit ihnen. Ob sie aushalten werden, ist eine Frage der Zeit. Neue Besen kehren gut. Je länger man in Afrika lebt, je klarer offenbart es sich einem, daß das Gedeihen der Kolonie davon abhängt, wie man sich die Schwarzen erzieht; ihre richtige Behandlung ist eine Kunst, für die nicht jeder zugänglich ist.

Ich war von Dabagga überrascht, es würde sich bei der schönen Lage zum Luftkurort eignen. Der Förster hat sich ein allerliebstes Häuschen gebaut und sein Wohnzimmer schmuck und heimisch eingerichtet. Im Kamin prasselte ein tüchtiges Feuer, um welches wir uns, da es empfindlich kalt geworden war, gemütlich zusammenfanden. Der Boden ist vorzüglich: Weizen und Raps gedeihen gut, ebenso Erdbeeren, Mandeln und allerlei Baumarten; nur mit dem Gemüse klappt es noch nicht, ohne ersichtlichen Grund. Nachmittags hielten wir Scheibenschießen: von den Askaris erzielte der beste Schütze zweimal zehn Ringe bei freihändigem Schießen auf 170 Meter.

Als besonders denkwürdig notiere ich noch: photographierte das Forsthaus und den ersten deutschen Pflug im Lande Uhehe!