Ostersonntag.
Tom kehrte heute zurück. Er hat dreimal Quawas Feuerstelle gefunden, einmal war er, wie gefangene Weiber aussagen, bis auf 50 Meter an Quawa heran, als dieser noch mit der Gewandtheit eines Wiesels im Pori verschwand. Auf dem steinigen Boden war schließlich auch für Waheheaugen die Spur nicht mehr erkennbar. Mit einem guten deutschen Schweißhund hätte man die Verfolgung weiterführen können.
Von seiten unserer Jumben kommen sehr häufig — so auch heute — Lasten mit Chakula für uns an; sie schicken sie als den üblichen Sultanstribut; als solchen nehme ich sie natürlich nicht an, sondern erwidere das Geschenk mit dem gleichen Werte an Zeug, aber erst durch die ausdrückliche Erklärung, daß ich das als ein Gegengeschenk, nicht etwa als Kaufpreis betrachte, kann ich sie zur Annahme bewegen.
15. April 1898.
Was Tom im Dezember vorigen Jahres in einem Berichte an den Gouverneur in bestimmte Aussicht gestellt hatte, ist in Erfüllung gegangen; binnen vier Monaten wird Quawa, von allen seinen Anhängern getrennt, dem Hungertod im Pori verfallen sein. Nach dem Verzeichnis, das Tom von allen Quawaanhängern zusammengestellt und dessen Richtigkeit durch die Aussagen von Gefangenen und durch Berichte unserer Patrouillen bestätigt wurde, kann er jetzt nur noch seinen ältesten Sohn und präsumtiven Nachfolger Sapi, einen jüngeren Sohn und zwei Mann der Leibwache bei sich haben. Seine Spur wurde dicht bei unserer Station wiedergefunden, auf einem Berge, von dem aus man einen guten Überblick hat. Der Blick auf das blühende, rege Leben in der Stadt, auf die Boma, die vielen Ansiedelungen und auf unser massiv aus Steinen gebautes Haus — ein solches hat er wohl nie vorher gesehen — mag ihm eindringlich genug bewiesen haben, daß seine Hoffnung auf den baldigen Abzug seiner Feinde diesmal nicht wieder in Erfüllung gehen wird! — In diesen Tagen fieberhafter Aufregung, wo alles aufgeboten wurde, den Todfeind zum entscheidenden Kampfe zu stellen — hat dieser selbe gehetzte Flüchtling in einer Tembe unweit der Station übernachtet, sich am langentbehrten Herdfeuer Speise bereitet und die müden Glieder geruht! Merkls Patrouillen sahen den Rauch dieser Tembe und wollten darauf zu marschieren, allein die führenden Wahehe hielten die Askaris unter allerhand Ausflüchten davon ab: es seien Leute in jener Hütte, die das Wild von den Feldern abhalten sollten, und ähnliches. Die Sache erschien aber unsern Askaris verdächtig, sie gingen in der Richtung der verdächtigen Tembe vor, und richtig: von einem als Posten ausgestellten Jumben gewarnt, eilte Quawa mit seinen beiden Söhnen und den letzten beiden Kriegern seiner Leibwache dem Walde zu, nachdem er noch einen unserer Askaris erschossen. Die Kugeln unserer Patrouille erreichten ihn nicht mehr. Der Wald nahm ihn in seinen Schutz. — Doch der Überfall sollte gute Folgen haben; zwei Tage danach stellten sich die beiden Quawasöhne und die beiden letzten Krieger; sie hatten ihren Herrn im Pori nicht wiedergefunden! —
So ist denn Quawas Geschick besiegelt! Er steht nun ganz allein, jede Aussicht auf Unterstützung, auf Zufuhr ist ihm abgeschnitten; wird er seinen Ausspruch wahr machen, den er einst getan: er werde sich erschießen, sobald sein Sohn in die Hände des Bana Kapirimbu fiele? In der Tembe fanden die Askaris Quawas Messer und Trinkbecher. Die Leute erzählen sich, der Sultan habe weder Feuerholz bei sich, noch, verstehe er überhaupt selbst Feuer anzumachen, da er hierfür immer seinen besonderen Diener gehabt habe. Trotz aller Sorge und Todesangst, die ich in diesen zwei Jahren um meinen Mann gelitten, hätte ich dem tapferen Feinde doch ein anständigeres Ende, den Tod von einer deutschen Kugel, gewünscht, als es ihm jetzt beschieden ist: Hungertod oder Selbstmord!
Mgaga, den 6. Mai 1898.
Der Arzt hat uns am 28. April auf Safari geschickt; die Strapazen der letzten Streifzüge haben Tom sehr mitgenommen, und auch meine Nerven bedürfen nach all der Aufregung der Auffrischung. Tom benutzt diese „Erholungstour“ zur Erkundung und Kartierung der Umgegend. Wir machen kartographische Aufnahmen der Wege, stecken die Basis für die trigonometrischen Messungen ab; Azimutbestimmung, Entfernungsmessen, Bestimmung der geographischen Breiten füllen unsere Tage aus. Mein Herbarium schwillt an, der Dolmetscher hat mir eine Blumenpresse angefertigt, sie ist etwas sehr geräumig ausgefallen (für eine Reise um die Erde könnte ich sie als Handkoffer benutzen), aber sie erfüllte ihren Zweck. Vom Gongo ya Luimtuira, einem 2100 Meter hohen Felsengipfel, großartige Aussicht! Am 3. Mai waren wir wieder in unsern alten lieben Bergen, die wir schon früher durchwanderten. Leider werden unsere astronomischen Ortsbestimmungen durch trübes Wetter sehr beeinträchtigt, auch die Kälte macht sich recht unangenehm bemerklich. Einmal mußten wir mit unserm Lager dem Überfalle eines echt afrikanischen Feindes weichen; die Siafus, eine bösartige Ameisenart, die sich weder mit Wasser noch mit Feuer vertreiben lassen, zwangen uns, den Lagerplatz weiter den Berg hinan zu verlegen. Wahrscheinlich hatten sie von dem großen „Schlachtfest“ Witterung bekommen; da unser Mehlvorrat verbraucht war, ließ Tom nämlich zum Jubel unserer Leute einen Ochsen schlachten; es war ein buntes, bewegtes Bild, als er im Kreise der rings um ihn hockenden Schwarzen stand und jedem nach Verdienst und Würdigkeit seine Fleischportion zuteilte; die helle Freude leuchtete aus den Augen der armen Kerls über die Aussicht, sich einmal wieder an Fleisch sattessen zu können.
Mgaga, 10. Mai 1898.