1. Juni 1898.
Der Monat fing bös an. Das Kriegsgericht mußte einen von einer Patrouille eingebrachten Msagira zum Tode verurteilen, der einige unserer Askaris ermordet hat; heute fand die Exekution statt. Solch ein Tag ist für mich schrecklich; gebe Gott, daß es der letzte gewesen. — Als seinerzeit der Mörder gehenkt wurde, der den Araber und seine Leute erschlagen hatte, baten Leute aus unserer Stadt um seine Leiche, um sie aufzuessen! Sie halten das für die wirksamste Rache an dem Mörder und für eine Sühne, die sie dem Erschlagenen schuldig sind. Welch schwere Aufgabe, in dieser geistigen Nacht einen Funken göttlichen Geistes zu erwecken.
4. Juni 1898.
Meine kleinen Mädels und zwei Frauen kauern auf der Veranda hinter dem Hause und reiben Weizen zu Mehl; ihre Handmühle besteht aus einem flachen, muldenartig vertieften Stein, auf welchem sie die Körner mit einem andern Stein zerreiben. Ihr fröhliches Lachen und Singen dringt bis zu uns herein, so daß ich sie ab und zu zur Ruhe bringen muß, da wir bei dem Lärm nicht arbeiten können. Die Jungen sieben das Mehl durch; ich erziele so ein wirklich gutes, reines Brotmehl.
Mit der Ernte, unserer zweiten in Uhehe, sind wir sehr zufrieden: 5 Lasten Saat haben 106 Lasten = 53 Zentner ausgedroschenen Weizen ergeben.
Heute habe ich einen 80 Pfund schweren Elefanten-Stoßzahn im Werte von 400 Rupien gekauft, ein schöngeschwungenes Prachtexemplar und großartiges Dekorationsstück! Es sah bei mir aus wie in einem Laden: auf dem Boden hatte ich alles ausgebreitet, was sich die Leute als Gegenwert gedungen hatten; nun suchte sich jeder nach seinem Geschmack und Bedarf aus. Sie waren so vergnügt über das gute Geschäft, daß sie wie berauscht mit ihren Schätzen abzogen. Die Händler in der Stadt werden nun ein paar gute Tage haben.
Die deutsche Reichspost funktioniert übrigens doch noch nicht mit fahrplanmäßiger Sicherheit, trotz des neuen Briefkastens: unsere Weihnachtskiste aus Liegnitz ist heute erst angelangt. Wir sehen hier aber weniger auf die Fixigkeit, und wenn’s nur mit der Richtigkeit stimmt, dann ist die Weihnachtsfreude auch im Juni groß! Diesmal bin ich persönlich aber auch ganz besonders auf meine Kosten gekommen: Schokolade, gefüllt und ungefüllt, verzuckerte Walnüsse, Pralinés, gebrannte Mandeln — für die ich immer geschwärmt! — und von Leutnant Glauning aus Berlin ein Postkistchen voll herrlichsten, auserlesensten Konfektes und Früchte! Seit zwei Jahren hatte ich solche süßen Herrlichkeiten nicht gesehen — und nun dieser embarras de richesse! Tom meint, unter einer gründlichen Magenverstimmung würde es wohl nicht abgehen! Aber nein: es wird hübsch haushälterisch mit den Schätzen gewirtschaftet, nur so ab und zu einmal genascht. Der Wein, von dem mir die Eltern schreiben, ist nicht mitgekommen, aber die Schuhe passen vorzüglich. Bis auf die gefüllten Schokoladensachen, aus denen der Likör ausgeflossen, kam alles in tadellosem Zustande an.
7. Juni 1898.
Heute sind’s 14 Jahre seit unserer Verlobung! Ich trug noch das Schulränzel, als wir uns darüber einig waren, daß wir zwei zueinander gehörten. Den 7. Juni feiern wir als den eigentlichen Verlobungstag, den Segen unserer Eltern empfingen wir zehn Jahre später, am 19. Juni 1894. Ich habe jetzt viel Zeit, die Geschichte meines Lebens zu rekapitulieren, denn ich muß seit einigen Tagen liegen. — Überanstrengung in der Wirtschaft nennt es unser Äskulap und verordnet mir Ruhe, nochmals Ruhe und zum drittenmal Ruhe.
13. Juni 1898.