Die Fest- und Jubeltage, die Tom reichlich bewilligen mußte, sind nun endlich vorüber; der Lärm Tag und Nacht hat mich sehr angestrengt, umsomehr, als ich wieder bettlägerig war; in der freudigen Aufregung der ersten Tage habe ich mich wohl nicht genug geschont. Heute geht es mir besser, die Ruhe wirkt wohltuend. Es waren über 1000 Wahehe zur Station gekommen, die in ihren bunten Tüchern einen malerischen Anblick boten. Am 19. d. Mts. ist der neue Landwirt Hierl angekommen; als Ersatz für Hammermeister kam Feldwebel Liebhard und ein Unteroffizier Künster; als früherer Pionier wurde er gleich beim Brückenbau angestellt; hoffentlich hört nun das Balancieren über Baumstämme bald auf.

31. August 1898.

Förster Ockel ging gestern zur Küste ab; er nahm die Kettengefangenen mit, zu denen noch Schubert einige Quawaanhänger eingeliefert hatte. Später verabschiedete sich Herr v. Prittwitz vor seinem Abmarsche. Heute war Leutnant Kuhlmann unser Gast. Jetzt wird es auch bekannt, daß wir auf unserer letzten Safari in unmittelbarer Nähe von Quawa gewesen sind; wir haben sogar den Rauch seines Lagerplatzes gesehen, nahmen aber an, daß es Herrn v. Prittwitz’ Leute sein müßten, die unserer Berechnung nach in jener Richtung marschierten! Aber das Interessanteste dabei ist: unser Waheheführer wußte genau, daß Quawa dort lagerte! Die hohe Belohnung, die auf Quawas Kopf gesetzt war, lockte ihn nicht, seinen früheren Herrn zu verraten. Noch zwei Tage, bevor er bei uns sein Führeramt antrat, hat er dem Flüchtling Nahrungsmittel gebracht. Tom war oft stundenlang allein mit dem Führer im Pori; wie leicht hätte der ihn hinterrücks niederstechen können, wenn Tom mit Zeichnen und Aufnahmen beschäftigt war! Jetzt ist es mir auch klar, weshalb unsere Wahehe stets die seitlichen Anhöhen erstiegen, um Ausschau zu halten.

Ein schöner Charakterzug in diesen Leuten: sie wollten den Frieden für ihr Land, doch nicht nur durch Verrat an ihrem Sultan sollte er erkauft werden. Eins ist uns unbegreiflich: warum hat Quawa, der doch den Überfall von Kondoa, jenseits Kilossa, damals so strategisch wirklich scharf durchdacht angelegt und meisterhaft ausgeführt hat, bei all seiner Energie und Macht niemals unsere Station angegriffen!

Toms Schicksal ist ganz mit Uhehe verwoben — schon 1891 war er bis Mage vorgedrungen, dort mußte er umkehren, weil sich seine Zulus weigerten, noch weiter zu marschieren. Am Ruaha hat er sich dann mit einem Askari im Pori verirrt. Die Lage war sehr kritisch. Feinde ringsum, überall sahen sie die Feuerstellen ihrer Verfolger, der feindlichen Wahehe. Tom erzählte mir viel und interessant von jenen Tagen, wie sie vorsichtig auf Händen und Füßen die Lagerstätten der Wahehe in weitem Bogen umkreisten, bis sie eines Tages sich plötzlich einem größeren Lager gegenüber befanden, von dessen Bewohnern sie sich bereits entdeckt sahen! Da hat ihm doch das Herz geklopft, der Revolver war schußbereit zur Hand, um im letzten Augenblick mit einer Kugel der Gefangenschaft und dem qualvollen Tode unter den blutdürstigen Schwarzen zuvorzukommen — wie atmete er erleichtert auf, als sich die Neger als freundlich gesinnt erwiesen.

In Iringa hat Tom dann das Pulvermagazin Quawas in die Luft gesprengt. Zündschnur hatten sie nicht zur Hand, so wurde denn die Tembe, in welchen gegen 3000 Fäßchen voll Schießpulver lagerten, innen mit Stroh ausgekleidet und von der Türe aus in Brand gesteckt — und dann hieß es laufen! Tom hatte mit seinem Unteroffizier gerade hinter einer Tembe Deckung gefunden, als das Feuer das Pulver erreichte, eine furchtbare Explosion, ein Balken hätte beinahe den Unteroffizier erschlagen — und damit war Quawas Munitionsvorrat für lange Zeit vernichtet. Auch 1891 flog bei der Erstürmung von Sinna (am Kilimandscharo) ein feindliches Pulvermagazin auf; damals wurde Tom von dem gewaltigen Luftdruck zu Boden geworfen.

3. September 1898.

Heute besuchte mich Mgundimtemi; es fiel mir auf, daß sie nicht mehr in Trauer geht, sie trägt wieder bunte Tücher, Ketten und Armbänder. Sie hat einen ehemaligen Msagira aus einer reinen Wahehefamilie geheiratet, Tom will ihn als Jumbe eines kleinen Bezirkes einsetzen.

Auf der Station treten die Pocken wieder auf, diesmal ziemlich bösartig. Die Leute sind zum Glück recht vernünftig, beim geringsten Anzeichen bringen sie ihre Kranken. Auch die ankommenden Karawanen werden genau untersucht. Etwa eine halbe Wegstunde von der Station entfernt ist ein Pockenhospital eingerichtet. Ich wünsche sehnlichst, die Lymphe käme endlich von der Küste an, damit wir uns alle impfen lassen können.

Von Quawas Grausamkeit werden immer mehr Beispiele bekannt. Als er damals von Luhota aus entfloh, hielt er sich einen Tag in der Nähe der Station versteckt; dort erschlug er einen seiner Anhänger, dem er nicht mehr traute, und schnitt ihm einen Fuß und ein Stück Schulterfleisch ab; die am Feuer gedörrten Stücke trug er dann stets bei sich; wirklich hat Feldwebel Merkl beides bei seiner Leiche gefunden.