Vorstehend sind in erster Linie unsere Wander- und Kriegsfahrten geschildert worden. Wir, mein Mann und ich, sind seitdem friedliche Pflanzer geworden. Wir haben uns in der Fremde eine neue Heimat gegründet und sie sehr lieb gewonnen. Unser Heim Sakkarani liegt im gebirgigen West-Usambara, und von ihm, wie es entstand und wuchs, von den kleinen Leiden, aber auch von den großen Freuden deutscher Kulturpioniere will ich nachstehend erzählen.
Mein Mann hatte als alter, erfahrener Afrikaner alle Vorbereitungen sorgsam erwogen, und wir gingen mit reichlicher Ausrüstung ans Werk. Vielleicht in manchem mit allzu reichlicher. Man verfällt leicht in den Fehler, möglichst viel Wagen, Pflüge, Maschinen usw. gleich aus Europa mit hinüber zu bringen, weil man glaubt, es sei vorteilhafter, sie persönlich auszusuchen, als sie später schriftlich zu bestellen und lange auf sie warten zu müssen. Man vergißt dabei aber, daß man all das Gerät im Anfang schwer unterbringen kann, und man muß dann mit Schmerzen sehen, wie es Wind und Wetter und Ameisen ausgesetzt verdirbt, ehe man es in Gebrauch nehmen kann. Als Kuriosum möchte ich übrigens noch erwähnen, daß die Fracht für die bewegliche Habe, mit der wir in Dar-es-Salaam landeten, von dort nach Tanga, von wo aus wir ins Innere vorrückten, den gleichen Preis kosten sollte, den wir von Hamburg bis Ostafrika bezahlt hatten! Im Interesse der schnelleren Besiedelung der Kolonie wird eine Ermäßigung der enorm hohen Frachtsätze sehr zu wünschen sein.
Wir fanden im übrigen bei den Behörden das bereitwilligste Entgegenkommen. Dankbar gedenke ich der Liebenswürdigkeit des damaligen stellvertretenden Gouverneurs v. Estorff, der jetzt in Deutsch-Südwestafrika sich frische Lorbeeren errang, und der Gastfreundschaft, die ich in Wilhelmsthal beim Bezirkshauptmann v. Keudell fand, während mein Mann „Land suchend“ ins Innere vorausging. Schon nach wenigen Tagen holte er mich aber ab, und wir zogen hoffnungsvoll in die Berge, der Stätte unserer Zukunft entgegen.
Ich kann es nicht genug betonen, wie mich damals trotz aller begeisterten Schilderungen, die ich schon vorher gehört hatte, die Schönheit unserer neuen Heimat überraschte. Die Fülle der Naturherrlichkeiten, die sie bietet, und die wunderbar ozonreiche Luft, die das Höhenklima auch hier mit sich bringt, — es ist immer wieder, als könne die Brust sich nicht stark genug weiten, um sie einzuatmen — begeisterten mich förmlich. Schon in jenen ersten Tagen träumten wir von Luftkurorten und Sanatorien in den Bergen Usambaras für die armen Landsleute, die in der heißen Steppe oder an der Küste das kostbarste aller Güter, die Gesundheit, einzubüßen Gefahr laufen.
Es war Anfang Oktober; um diese Zeit herrscht überall in Ostafrika Trockenheit, alles Gras ist gelb und verdorrt. Hier oben aber, auf etwa 1500 Meter Höhe, wo mein Mann seine Wahl getroffen hatte, mutete das Gelände noch frisch an, der Boden atmete Fruchtbarkeit und erfüllte uns zukünftige Landwirte mit froher Zuversicht. Einige Kopfschmerzen machte uns dafür zunächst das geringe pflugfähige Land auf den meist ziemlich steilen Hängen. Es war auch ein recht ermüdendes Klettern, ehe wir ans Ziel gelangten und unsere Zelte bei unserem nächsten Nachbar, dem Jumben Mtangi, aufschlagen konnten. Der Mann gefiel uns schon deshalb, weil er Verstand genug gehabt hatte, seinen Sitz auf mäßig steiler Höhe zu nehmen, anders als die anderen Waschambaas, die ihre Hütten meist auf den unzugänglichsten Bergspitzen bauen; ein Erbteil aus der Zeit vor der deutschen Herrschaft, als die räuberischen Massais ihnen mit steten Einfällen drohten.
Es galt nun zunächst, das abzuholzende, für die Pflanzungen vorzubereitende Gelände genau kennen zu lernen. Vor den steilsten Bergkuppen schreckten wir dabei nicht zurück, um Einblick in unser Gebiet zu gewinnen. Das Land selbst ist ja noch spottbillig, aber es richtig auszunutzen, darauf kommt es an. Auf alles mögliche muß man achten, z. B. auch auf die Einwirkung des Windes. Denn nicht selten stellt sich, nachdem der Wald geschlagen ist, heraus, daß auch eine scheinbar ganz geschützte Stelle dem Winde so sehr ausgesetzt ist, daß man nachher mit Kosten und Mühen Windschutzbäume anpflanzen muß.
Ich muß einiges über unsere Arbeiter einschalten. Eine Arbeiterfrage gibt es ja auch in Ostafrika, wenn sie auch anders gestaltet ist, als im lieben alten Deutschland.
Man muß da unterscheiden zwischen den Tagearbeitern und dem angeworbenen Arbeiterstamm, den kein Pflanzer entbehren kann. Jene kommen aus der Nachbarschaft und arbeiten nur auf Tage, höchstens auf eine Woche; dann gehen sie wieder nach Hause, um das eigene Feld zu bestellen oder, richtiger gesagt, zuzuschauen, wie das ihre Frauen besorgen, Pombe zu trinken und zu schwatzen. Nur wenn sie Geld für irgendein Kleidungsstück gebrauchen, verdingen sie sich wieder auf einige Tage. Das Kleid kann allerdings auch für ihre Bibi (Frau) sein.