So ist die Sammlung eines Stammes ständiger Arbeiter von der höchsten Wichtigkeit. Ihn zusammenzubringen ist aber nicht so einfach. Es bedarf dazu genauer Landeskenntnis und vieler Geduld. Wenn man mit der Absicht, eine Pflanzung anzulegen, nach Ostafrika kommt, wird man wohl oder übel schon an der Küste eine Anzahl Leute anwerben müssen. Aber das ist fast stets unzuverlässiges, aus allerlei Stämmen zusammengelaufenes Volk und bildet nur den Anfang und den Übergang zu besseren Leuten. Man richtet dann meist auf die Wanyamwesi und die Wassukuma ein besonderes Augenmerk und findet auch sonst von den anderen Volksstämmen den einen oder anderen brauchbar. Während von dem von der Küste mitgebrachten Volk die schlechten Elemente bald das Weite suchen, gibt man den Vertrauen Erweckenden Anwerbegeld in die Hand und schickt sie auf „Leutesuche“. Oft kommen die Entsendeten nicht wieder, und man ist geprellt, oft auch bringen sie unbrauchbares Material, das bald wieder davonläuft. Anfangs wird man leicht nervös, wenn es wieder und wieder heißt: „Heut sind vier — sechs — zehn Arbeiter verschwunden.“ Man denkt auch wohl, das läge an falscher Behandlung. Gewiß — auch die Behandlung des Negers will gelernt sein. Der Hauptgrund aber ist doch der unausrottbare, zigeunerhafte Wandertrieb des Negers, der gar zu gern von Tür zu Tür zieht, um auszuprobieren, wo er sich am bequemsten von der leidigen Arbeit drücken kann. Dabei kommt eine Abart des europäischen „Zug nach dem Westen“ in Ostafrika, nämlich zur Küste, zur Geltung. Man ist dem gegenüber nur zu wehrlos. Ich hatte mir auch mein Ideal zurechtgezimmert; ich wollte Herz für unsere Arbeiter haben, mich um ihr Wohl und Wehe kümmern, ihnen in der Not meinen Beistand, bei Krankheiten ungebetene Pflege und Hilfe bringen. In der ersten Zeit hab’ ich das auch treulich gehalten — aber als ich sah, daß sie nachher doch davonliefen, beschränkte ich mich darauf, ihnen nur dann Verband und Arznei zu geben, wenn sie darum baten. Jetzt läuft uns nie ein Arbeiter fort; es sei denn: „Cherchez la femme.“ —
Bei unseren Geländeerkundungen hatten wir endlich auch unsere zukünftige Hausstelle gefunden und siedelten mit unserem Zeltlager, nachdem der Platz einigermaßen gesäubert war, zu ihr über. Eine Robinsonade im Freien begann damit, voller Entbehrungen und viel harter Arbeit — und doch denke ich gerade an sie so gern und freudig zurück. Oft genug hatten wir nicht einmal frisches Fleisch, denn die Eingeborenen waren noch so mißtrauisch, daß sie uns nur spärlich ihre Ziegen und Hühner verkauften. Es mag auch originell genug um unsere provisorische Niederlassung ausgesehen haben: Staub in den Zelten gab’s freilich nicht zu wischen, aber dafür mußte immer darauf gedacht werden, den bösen Schimmel von Kleidungsstücken und Geräten fernzuhalten oder zu entfernen. Sobald die Sonne herauskam, wurden Kisten und Koffer geöffnet, der Inhalt ausgebreitet, die Kleider und Decken über Sträucher und auf die Bäume gehängt — manchmal kam mir’s vor, als wäre das alles ein Warenhaus im Freien.
Ziegeltrocknen in der Sonne.
Im Hintergrunde die Schuppen.
(Zu [S. 223].)
Landschaft in West-Usambara.
Im Mittelgrund Wasser tragender Küchenboy.
(Zu [S. 226].)
Die Arbeit in der nächsten Umgebung begann. Ringsum erschallten die Axtschläge, die Bäume krachten nieder. Manchmal fiel’s uns schwer genug, solch altem ehrwürdigen Riesen zu Leibe zu gehen, und einigemale siegte die Sentimentalität. Aber wir haben das später bereut, denn solch ein geschonter Urwaldbaum verträgt es nicht, allein zu stehen; er geht bald ein, wird zur Unzierde, und seine herabfallenden Äste richten Schaden an.
Dann folgte die Periode des „Abbrennens“. Die Axt allein wäre ja des Waldes nicht Herr geworden. In dieser Zeit dünkte ich mich oft wie eine tränende Räucherware, denn der beizende Rauch war entsetzlich. Unsere Gesichter waren gar nicht mehr rein zu erhalten, unsere Hände gleich denen eines Schornsteinfegers, alle Kleider wurden ruiniert; wo man ging und stand, streifte man an verkohlte Äste, Zweige, Unkrautstengel, und die ganze Luft war mit schwarzen Staubteilchen erfüllt. Heilfroh war ich, als die Brandfackel aus der Umgebung des Zeltlagers weitergetragen wurde. Aber die helle Freude dann, als ich die mitgebrachten Apfel- und Zitronenbäumchen in das erste frisch gewonnene Land einpflanzen konnte, an deren Früchten wir uns jetzt schon erquicken! Das Roden machte ja noch unsägliche Arbeit, doch bald kamen auch Kartoffeln in die Erde, und Gemüsebeete wurden angelegt. Auf diesem zuerst gerodeten Stück Land von etwa 30 Hektar liegen heute unser Haus, Garten, Arbeiterwohnungen und unsere Wiese, deren frisches Grün wir sehr lieb haben und die sich so schön, wie eine rechte Alpenmatte, aus dem sie umgebenden Busch- und Kaffeeland abhebt.
Unser „Haus“, schrieb ich soeben stolz. Soweit waren wir aber lange noch nicht. An die Stelle der Zelte trat zunächst noch die „Hütte“. Gewaltige Lasten Malamba, verwelkte, getrocknete Bananenblätter nämlich, brachten die Negerinnen auf ihren Köpfen herangeschleppt. Mit Bindfaden wurden die Umfassungslinien der Hütte abgesteckt, längs des Fadens wurde Erde ausgehoben; von zwei zu zwei Metern kam ein stärkerer Stamm zu stehen, die Zwischenräume füllten dünnere, mit Lianen verflochtene Stämme; ähnlich entstand das Dach; unter vielen Schweißtropfen, mit unendlichem Ach und Weh, Zureden, Stöhnen kam der starke Dachfirststamm hinauf, und schließlich wurde das Gerippe überall mit den Bananenblättern durchwoben, wie man in einen Smyrnateppich die Fäden einzieht, und das Ganze innen und außen mit einem dicken Brei nasser Erde verklebt.