Tanzen hätte ich vor Freude mögen, als ich zum ersten Male den festgestampften glatten Boden der Hütte unter mir fühlte! Möbel hatten wir, durch frühere Erfahrungen gewitzigt, nicht mitgebracht. Aus Kisten und Kasten wurde aber bald das Notwendigste an Stühlen, Tischen, Regalen zurechtgezimmert. Es ging ganz gut, trotzdem wir zunächst sogar auf Fenster verzichteten und uns mit Vorhängen behalfen.

Nicht lange, und wir hatten auch eine Sägerei und damit etwas sehr Wichtiges, nämlich Bretter. Anfangs wollten die Neger an das Sägen absolut nicht heran, oder sie sägten so ungleichmäßig und langsam, daß man die Bretter ebenso billig hätte aus Berlin beziehen können. Allmählich fanden sie aber Geschmack an der Arbeit, und mit den ersten brauchbaren Brettern kleideten wir die Innenwände unseres Heims aus und legten Dielen. Als dann Gardinen, Decken und allerhand kleiner Krimskrams aus den Kisten herausgeholt war, hatte ich’s bald wohnlich und täglich neue Freude an jedem Fortschritt.

In Europa, gar nun in der Großstadt, kennt man solche Freuden gar nicht, wie sie das Schaffen auf dem unberührten Urwaldboden mit sich bringt. Wie froh waren wir, als wir den ersten breiten Weg gebahnt hatten; wie empfanden wir’s, als wir — das Angenehme immer gern dem Nützlichen zugesellend — uns auch einen Spazierpfad in ein verborgenes Stück Waldesherrlichkeit anlegen konnten! Mitten durch die Urwaldriesen mit ihren Lianen, durch mächtige Baumfarne bis zu einer wunderbaren Fernsicht, von der das Auge weit, weit über den grünen Wald, über romantische Felswände fortschweift. Heut noch ist uns dieser Weg vor allem wert. Und ich muß immer wieder daran denken, wie wir ihn zum ersten Male in der Nacht gingen, durch die tiefe Stille, während der Wald sich mit Myriaden von Leuchtkäferchen geschmückt hatte, von denen jedes sein Laternchen auf dem Rücken trug, die Luft magisch durchflimmernd. Es war so recht eine Stunde, in der sich das Herz mit Dankbarkeit gegen den Schöpfer füllte!

Inzwischen war wacker an der Plantagenanlage gearbeitet worden.

Des Morgens in aller Frühe schellt die Glocke. Die Leute treten an, der Assistent — wir würden in Deutschland Verwalter oder Inspektor sagen; natürlich ein Weißer — trägt ihre Namen in das Arbeitsbuch ein. Am Abend werden dann, um das vorweg zu nehmen, die Namen verlesen, und jeder erhält sein Poscho, das Geld für den Tagesbedarf, und eine Marke; diese Marken werden später gegen Geld eingelöst. — Nach dem Aufschreiben geht’s an die Arbeit. Die ausgesucht kräftigsten Leute ziehen zum Axtschlag hinaus. Bei ihnen bildet sich bald eine besondere Art der Arbeit heraus. Die Axt wird im Takt geschwungen, und während sie sich mit tänzelnder Pose in den Hüften wiegen, dringt der Schlag tief in den Leib des Riesen ein, Hieb auf Hieb, bis die Schwere der Baumkrone nicht mehr das Gleichgewicht halten kann, der Baum niedersaust, im Fallen schwächere Stämme mit sich reißend. Im letzten Augenblick springen die Schläger — sechs Mann z. B. bei einem Stamm von etwa drei Meter Umfang — geschickt zur Seite und begleiten das Niederkrachen mit wildestem Freudengeheul. Manchmal bleiben die Stämme aber auch, durch Lianen gehindert, hängen, und dann wird das Niederlegen besonders gefährlich. Verletzungen kommen häufig vor, ernste Unglücksfälle doch selten, und die erstaunliche „Heilhaut“ des Negers hilft ihm über leichtere Verwundungen schnell hinweg.

Sind vom Assistenten die kräftigsten Männer abgeteilt, so kommen die schwächeren an die Reihe, die Leute für das Reinigen und Gießen der schon fertigen Saatbeete, die Leute für meinen Garten, die Steinschläger und Ziegelformer — denn wir arbeiten ja nun auf das wirkliche Haus los —, endlich der große Trupp, der den Spuren der Axtschläger folgt. Es beginnt der erste Kleinschlag am gemordeten Walde. Alle großen Baumkronen werden zerschlagen, damit das Holz enger zusammenzuliegen kommt und später um so besser brennt.

Denn wenn das Schlagen ein gut Stück vorwärts gerückt ist, folgt wieder die Brennperiode; bei gutem Trockenwetter bald, bei schlechtem Wetter erst nach sechs Monaten. Überall lodert’s dann, die Flamme züngelt übers Feld, hier offen fast einer glitzernden Schlange gleich, dort unter dem Blattwerk verborgen fortschleichend. Und darüber ballt sich der Rauch in allen Schattierungen. Oft ist die ganze Anlage in undurchdringlich dichten Rauch gehüllt, darüber erhebt er sich zu Wolken, die aus weiterer Entfernung wie ungeheure Gewitterwolken ausschauen.

Ist der Boden ausgekühlt, so schreitet man zum zweiten Kleinschlag. Der Brand hat bereits alles Blattzeug und die kleineren Äste fortgeräumt. Jetzt wird außer den größten Stämmen der ganze Rest in kleine, leicht bewegbare Stücke zerschlagen. Schließlich müssen die Stämme und alles übrige zu Haufen geschafft werden, meist in den Schluchten, und über diese Haufen geht nun noch einmal die vernichtende Flamme hin. Es ist dies keine leichte Arbeit, und zumal das Schieben und Rollen der ganz großen Stämme kostet ungezählte Schweißtropfen. Der beaufsichtigende Assistent hat es oft verzweifelt schwer dabei, denn unsere guten Neger verstehen die Drückebergerei aus dem ff! Es gilt aufzupassen und überall einzugreifen, anzufeuern. Auch die schwarzen Vorarbeiter, die Simamissis, die freilich mit ihren Untergebenen nicht selten gemeinsame Sache machen, müssen ihr Teil dazu tun, wobei bisweilen ein nicht ganz sanftes deutsches Schimpfwort, das bei ihnen Anklang fand, höchst drollig dem Gehege ihrer Zähne entflieht. Ein gröberes wird angewandt, um die Widerspenstigen, bei denen allzu große Faulheit Pate stand, zur Vernunft zu bringen. Und wird geschlagen? Ich kann es mit gutem Gewissen aussprechen: der weiße Mann mit der Knute existiert nur in der Phantasie mit den Verhältnissen absolut nicht vertrauter Europäer. Geschlagen darf nur bei grober Frechheit gegen den Weißen werden: dann ist ein schneller Schlag allerdings meiner Ansicht nach unentbehrlich und von der besten Wirkung. Sonst aber ist man von den Arbeitern viel zu abhängig, um sie durch Schläge zu reizen, und man kommt auf die Dauer ohne das leidige Prügeln viel, viel besser aus. Streng muß der Neger, der ein Kind ist und bleibt, behandelt werden, für Milde und nachsichtige Güte hat er wenig Verständnis und deutet sie stets als Schwäche. Aber auf gleichmäßig gerechte Behandlung hat er Anspruch, und sie wirkt stets am besten auf ihn!

Ist endlich das Feld gereinigt, so geht es an die Beetanlage. Wir bauten zunächst nur Kaffee, und von ihm allein spreche ich daher hier. Das Land wird in rechteckige Gärten eingeteilt; mit eingeknoteten Stricken, die von zwei Leuten in gleichmäßigem Zwischenraum gespannt werden, während ein dritter bei jedem Knoten einen Stock in die Erde stößt, werden die Pflanzlöcher bezeichnet, die 75 cm tief und 60 cm breit auszuheben und dann mit fruchtbarer, lockerer Erde auszufüllen sind. Dabei terrassiert man zugleich gewissermaßen die Beete, denn die Pflanzen müssen stets auf flachem Boden stehen. Hat sich nach einiger Zeit der Boden gesackt und ist schönes, feuchtes Wetter, so kommt endlich das Pflanzen an die Reihe. Die Pflänzchen, die in den Saatbeeten ¾ bis 1½ Jahre alt geworden sind, werden herausgenommen und sorgsam eingepflanzt. Und nun hebt die Sorge für sie an mit unaufhörlichem Reinigen von Unkraut usw. — aber ich will hier keine Schilderung der Kaffeekultur geben. Sei’s daher mit dem Gesagten, das ja auch nur ein sehr grobliniges Bild der Arbeiten ist, genug.

Gut ist’s nur, daß der Kaffee wenigstens nichts von dem gefährlichsten Feinde aller afrikanischen Kulturen zu fürchten hat — von der Heuschrecke nämlich. Uns haben diese bösen Gesellen auch einmal gründlich heimgesucht, und sie erschienen unter Umständen, die mich noch weit mehr überraschten, als das Auftreten der Heuschrecken selber. Dem Storch ist die Heuschrecke eine besondere Leckerei, wie übrigens dem Neger auch, der sie, nachdem er ihr Beine und Flügel abgerissen hat, in der Sonne dörrt und dann mit Wonne verspeist. Eines Tages kamen nun als Vorläufer einige Störche bei uns in Sicht, und die Neger verkündeten gleich, daß die Heuschrecken folgen würden. Aber noch vor ihnen zogen gleich schweren, dicken Wolken Riesenschwärme von Störchen, die einzigen, die ich in zehn Jahren in Afrika sah, heran. Sie mußten schon eine weite Reise hinter sich haben, denn sie setzten sich ermüdet auf Dächer und Bäume. Es waren unzählige. Ich übertreibe nicht: der Wald sah schließlich weiß von ihnen aus, wie eingeschneit. Ich hätte nicht geglaubt, daß es in der ganzen Welt so viele Störche gäbe. Am nächsten Morgen waren sie verschwunden. Ein paar Tage darauf aber bedeckten Myriaden von Heuschrecken die ganze Gegend, und als diese endlich weiterzogen, starrten die Äste im Walde kahl und öde gen Himmel, und in meinem armen Garten sah es nicht besser aus; unsere liebe, saftige Wiese war eine trockene, gelbe Grasfläche geworden. —