Viele dieser Namen sind lediglich weibliche Umgestaltungen der entsprechenden männlichen Vornamen; so wird aus Paul Paula, aus Fritz Frieda, aus Erich Erika, aus Georg Georgette, aus Theodor Dorchen oder Thea, aus Otto Ottilie oder auch Otéro. In einem Berliner Urningsliede, in welchem geschildert wird, wie eine Mutter auf die Nachricht, ihr Sohn sei „pervers“, in großer Besorgnis zu ihm eilt, und dieser sie beruhigt, indem er ihr als Zeugnis seiner Normalität die an ihn gerichteten Liebesbriefe vorzeigt, welche die Unterschrift „Luise“ tragen, heißt es am Schlusse:

„Beim Abschiedskuß an meiner Tür,
Da dachte ich dann still bei mir:
Wie gut, liebe Mutter, daß Du nicht weißt,
Daß meine Luise — Ludwig heißt.“

Oft sind diese weiblichen Namen noch mit Unterscheidungszusätzen verbunden; so gibt es eine Näsenjuste, eine Schmalzjuste, eine Klammerjuste, Klamottenjuste, Handschuhjuste und Blumenjuste, eine Lange-Anna, Ballhausanna und Blaueplüschanna, eine Hundelotte und eine Quietschlotte, eine Spitzenkaroline und eine Umsturzkaroline (weil er durch seine lebhaften Armbewegungen jeden Abend mindestens ein Glas Bier „umstürzen“ soll), eine Butterriecke, eine Käseklara, eine Lausepaula, eine Harfenjule und eine Totenkopfmarie.

Viele Urninge erhalten altdeutsche Beinamen, wie Hildegarde, Kunigunde, Thusnelda, Schwanhilde und Adelheid, oder klangvolle Adelsnamen, wie Wally von Trauten, Berta von Brunneck, Asta von Schönermark oder noch hochtönendere; so findet man in diesen Kneipen neben der Markgräfin, der Landgräfin, der Burggräfin und der Kurfürstin (weil sie in der Markgrafen-, Landgrafen-, Burggrafen- und Kurfürstenstraße wohnen) die Marquise de la place d'Alexandre (wohnt am Alexanderplatz), die Herzogin von Aschaffenburg, die Herzogin d'Angoulème, die Großfürstin Olga, die Königin Natalie, die Carmen Sylva, die Kaffeekönigin, die Polenkönigin, die Oberstallmeisterin, die Excellenzfrau, die Kaiserin Messalina und die Kaiserin Katharina.

Manche führen ihre Namen von ihrem Beruf; so wird ein urnischer Ballettänzer „Jettchen Hebezeh“, ein Damenschneider „Jenny Fischbein“ und ein Damenkomiker „Pokahuntas, die hinterindische Nachtigall“ genannt.

Ich bemerke, daß sämtliche hier angeführten Spitznamen von zwei Gewährsmännern innerhalb kurzer Zeit in einem einzigen Berliner Urningslokal gesammelt wurden. Von Beinamen, die der Zoologie entstammten, fanden sie unter anderen: die „Schweizerkuh“, das „Meerschweinchen“, „die Gipskatze“ (weil er sich stark pudert), „die Krückente“, „die Ententrittsche“ (weil er beim Gehen „watschelt“), „die schwarze Henne“, „die Nebelkrähe“, „die Spitzmaus“, „die Brillenschlange“ und „die Kreuzspinne“; von botanischen Bezeichnungen: „das Blauveilchen“, „das Apfelröschen“, „das Resedaköpfchen“, „Paprika“ (auch „Papp-Rieka“ genannt), „die Rosine“ und „die Weintraube“ (weil er so leicht gerührt ist).

Mit großer Vorliebe wird den Titeln oder hervorstechenden Eigenschaften ein „in“ oder „sche“ oft in sehr origineller Weise angehängt; der Direktor wird zur „Direktorin“, der Geheimrat zur „Geheimrätin“, ein Rechtsanwalt heißt „die Anwaltsche“, ein vornehmer Urning, der mit seinen Freunden häufig im Chambre separée speisen soll, heißt „die Chambreseparéesche“, ein anderer, der viel das Sonnenbad besucht, „die Lichtluftbadsche“, während ein Klavierspieler „die Klaviersche“, einer der sich stark schminkt „die Zinnobersche“ und ein Elektrotechniker kurzweg „die Elektrische“ genannt wird.

Eine Gruppe für sich bilden die „Soldatentanten“, welche vielfach ihre Spitznamen nach denjenigen Truppenteilen bekommen, für die sie sich besonders interessieren; so gibt es eine „Ulanenjuste“, eine „Dragonerbraut“, eine „Kürassieranna“, eine „Kanoniersche“, ja sogar eine „Schießschulsche“, der seinen Namen davon führt, weil er mit Vorliebe die Wirtschaften in der Umgegend der Schießschule aufsucht.

Von anderen Berliner Spitznamen, die weniger leicht zu rubrizieren sind, erwähne ich noch: „Minehaha, das lächelnde Wasser“, „Rebekka, die Mutter der Kompagnie“, „Anita mit dem Giftzahn“, „Cleo die Marode“, „Traudchen Hundgeburt“, „Die heilige Beryllis“, „Die Genossin meiner Schmach“, „die freie Schweizerin“, die „gute Partie“, „die hohe Frau“, „die Rollmopstante“, „Susanne in der Wanne“, „die weiße Wand“ (pudert sich stark), „Rotundelein“, „Locusblume“, (Namen zweier Urninge, denen man nachsagt, daß sie öfter, als notwendig, die Bedürfnisanstalten aufsuchen), „das Waldmensch“, „die Mutter Wolffen“, „Violetta“, „Aurora“, „Melitta“, „Rosaura“, „Kassandra“, „Goulasch“, „die Ahnfrau“, „die Grabesbraut“, „der Abendstern“ und „die Morgenstunde“, weil er Gold im Munde, nämlich mit Goldplomben versehene Zähne hat.

Auch die Uranierinnen führen in ihren Kreisen, besonders auch in ihren Lokalen, deren es ebenfalls eine Reihe gibt, analoge Namen. Nur findet man bei ihnen im Gegensatz zu den Männern meist einfache Vornamen, selten Beinamen, die sich auf irgend eine besondere Eigenschaft ihrer Trägerin beziehen; bevorzugt werden einsilbige Namen, wie Fritz, Heinz, Max, Franz, namentlich Hans; doch findet man auch solche, die Arthur, Edmund, Theo, Oskar, Roderich, Rudolf genannt werden.