Merkwürdig viele Namen von Uranierinnen sind der Geschichte und Litteratur entnommen; ich nenne von Berlinerinnen: Napoleon, Nero, Cäsar, Heliogabal, Caligula, Antinous, Gregor, Carlos, Posa, Mortimer, Götz, Tasso, Egmont, Armin, Teja, Blücher, Ofterdingen, Karl Moor, Franz Lerse, Jörn Uhl, Don Juan, Puck und Hiddigeigei.

Weniger schöne Spitznamen weiblicher Urninge sind Bubi, Rollmops, Kümmelfritze und Schinkenemil.

Besondere Berücksichtigung verdienen unter den Berliner Urningslokalen die „Soldatenkneipen“, welche, meist in der Nähe der Kasernen gelegen, in den Stunden vom Feierabend bis zum Zapfenstreich am besuchtesten sind. Um diese Zeit sieht man in diesen Wirtschaften meist gegen 50 Soldaten, darunter auch Unteroffiziere, die hingekommen sind, um sich einen Homosexuellen zu suchen, der sie freihält, und selten kehrt jemand in die Kaserne zurück, ohne das Gewünschte gefunden zu haben. Diese Lokale sind meist von kurzem Bestand. Fast immer werden sie dem Militär nach kurzer Zeit durch Regimentsbefehl verboten, nachdem irgend ein Unbekannter, gewöhnlich aus Brotneid oder Rachsucht, „gepfiffen“ hat. Es tun sich dann stets bald wieder ein oder zwei, auch mehrere ähnliche Lokale in derselben Gegend auf. Erst vor kurzem flog wieder im Südwesten der Stadt eine typische Soldatenkneipe auf, die „zur Katzenmutter“ genannt wurde; ich weiß nicht, ob der sonderbare Name von der alten Wirtin herrührte, in deren schleichendem Gang und rundem, schnurrbartgeziertem Gesicht etwas unverkennbar Katzenartiges lag, oder von den Katern und Katzen, die zwischen Tischen und Stühlen herumsprangen und deren Bildnisse die Wände des seltsamen Lokals schmückten.

Würde ein Normalsexueller derartige Lokale betreten, er würde sich vielleicht wundern, daß dort so viele fein gekleidete Herren mit Soldaten sitzen, im übrigen aber wohl kaum jemals etwas Anstößiges finden. Die hier bei Bockwurst mit Salat und Bier geschlossenen Freundschaften zwischen Homosexuellen und Soldaten halten oft über die ganze Dienstzeit, nicht selten darüber hinaus vor. So mancher Urning erhält, wenn der Soldat schon längst als verheirateter Bauer fern von seiner geliebten Garnison Berlin in heimatlichen Gauen das Land bestellt, „Frischgeschlachtetes“ als Zeichen freundlichen Gedenkens. Es kommt sogar vor, daß sich diese Verhältnisse auf die nachfolgenden Brüder übertragen; so kenne ich einen Fall, wo ein Homosexueller nach einander mit drei Brüdern verkehrte, die bei den Kürassieren standen.

Gewöhnlich kommt der Soldat, wenn der Dienst zu Ende, in die Wohnung seines Freundes, der ihm bereits sein Lieblingsessen eigenhändig gekocht hat, dessen gewaltige Mengen hastig verschlungen werden. Dann nimmt der junge Krieger in gesundheitsstrotzender Breite auf dem Sofa Platz, während der Urning, bescheiden auf einem Stuhle sitzend, ihm die mitgebrachte zerrissene Wäsche flickt oder die Weihnachtspantoffeln stickt, mit denen jener eigentlich überrascht werden sollte, die aber zu verheimlichen, die Beherrschungskraft des glücklichen Liebhabers um ein Beträchtliches übersteigt.

Währenddem werden alle die kleinen Einzelheiten des königlichen Dienstes besprochen; was der „Alte“ (Hauptmann) beim Apell gesagt hat, was morgen für Dienst ist, wann man auf Wache muß und ob man ihn nicht am nächsten Tage irgendwo vorbeimarschieren sehen könnte. Schließlich geleitet man ihn bis in die Nähe der Kaserne, nicht ohne vorher die Feldflasche mit Rotspohn gefüllt und die Butterstullen eingepackt zu haben.

Am Parademorgen aber steht der Urning in der Belle-Alliancestraße an der verabredeten Stelle schon ganz früh, um ja noch in der ersten Reihe Platz zu bekommen. Hoffentlich ist sein Soldat Flügelmann, daß man ihn auch ganz genau sieht. Und nachher wird ausgeharrt, bis er zurückkommt, und abends hat er dann Urlaub, dann geht es zu „Buschen“ in den Cirkus, nachdem er zuvor die 50 Pfennige, die er an diesem Tage als Extrasold erhielt, in die bei seinem Freunde stationierte Sparbüchse versenkt hat.

Ein noch größerer Feiertag aber ist das „Kaisersgeburtstagskompagnievergnügen“. Da geht der Homosexuelle als „Cousin“ mit seinem Freunde hin. In rührender Glückseligkeit tanzt er mit dem Mädchen, mit welchem gerade zuvor sein Soldat getanzt hat, er hat keine Ahnung, wie sie aussieht, denn er hat nur auf ihn gesehen und während er das Mädchen umfaßt hielt, nur an ihn gedacht. Womöglich spricht auch der Hauptmann mit ihm als Cousin seines Gefreiten oder Unteroffiziers. Es kann sich aber auch ereignen, daß der Homosexuelle zu seinem Leidwesen diesem Festtage fern bleiben muß, wenn er nämlich einige Tage zuvor mit einem der anwesenden Offiziere irgendwo an demselben Diner teilgenommen hat.

Die Gründe, welche den Soldaten zum Verkehr mit Homosexuellen veranlassen, liegen nahe; es ist einmal der Wunsch, sich das Leben in der Großstadt etwas komfortabler zu gestalten, besseres Essen, mehr Getränke, Zigarren und Vergnügungen (Tanzboden, Theater &c.) zu haben; dazu kommt, daß er — der oft sehr bildungsbedürftige Landwirt, Handwerker oder Arbeiter — im Verkehr mit dem Homosexuellen geistig zu profitieren hofft, dieser gibt ihm gute Bücher, spricht mit ihm über die Zeitereignisse, geht mit ihm ins Museum, zeigt ihm, was sich schickt und was er nicht tun soll; das oft drollige, komische Wesen des Urnings trägt auch zu seiner Erheiterung bei; wenn sein Freund ihm abends Couplets vorsingt oder ihm gar, mit dem Lampenschirm als Kapotte und einer Schürze weiblich zurecht gestutzt, etwas vortanzt, amüsiert er sich in seiner Naivität über alle Maßen. Weitere Momente sind der Mangel an Geld oder an Mädchen, die dem Soldaten nichts kosten, die Furcht vor den beim Militär sehr übel accreditierten Geschlechtskrankheiten und die gute Absicht, der daheim bleibenden Braut treu zu bleiben, der man beim Abschied die Treue geschworen und die in jedem „Schreibebrief“ ängstlich an diesen Schwur gemahnt.

In der Nähe der geschilderten Kneipen befindet sich vielfach auch der „militärische Strich“, auf dem die Soldaten einzeln oder in Paaren gehend Annäherung an Homosexuelle suchen. Ich will hier auf eine wichtige Erscheinung hinweisen, auf die mich ein weit gereister Homosexueller aufmerksam machte, und deren Richtigkeit mir auf Befragen seitdem von zuverlässigen Gewährsmännern übereinstimmend bestätigt wurde. Die „Soldatenprostitution“ ist in einem Lande um so stärker, je mehr die Gesetze die Homosexualität verfolgen. Offenbar hängt diese Tatsache damit zusammen, daß man in Ländern mit Urningsparagraphen von den Soldaten am wenigsten Erpressungen und andere Unannehmlichkeiten zu fürchten hat.