Die urnischen Freunde sorgen, daß fleißig geübt wird, die plastische Schönheit der Bewegungen, das Spiel der Muskeln wird von den sachverständigen Gönnern eifrig verfolgt, jeder „Gang“ auf das lebhafteste kritisiert.

Manche Homosexuelle verbinden sich mit den Athleten besonders auch deshalb, um, wenn sie irgendwie belästigt oder infolge des unglücklichen § 175 erpreßt werden, handfeste, unerschrockene Männer zur Verfügung zu haben, auf deren Schutz und „tatkräftige“ Freundschaft sie sicher bauen können.

Von einigen Wirten urnischer Lokale, aber durchaus nicht von diesen allein, werden namentlich im Winterhalbjahr große Urningsbälle veranstaltet, die in ihrer Art und Ausdehnung eine Spezialität von Berlin sind. Hervorragenden Fremden, namentlich Ausländern, die in der jüngsten der europäischen Weltstädte etwas ganz Besonderes zu sehen wünschen, werden sie von höheren Beamten als eine der interessantesten Sehenswürdigkeiten gezeigt. Sie sind auch bereits wiederholt beschrieben, so neuerdings von Oskar Méténier in „Vertus et Vices allemands, les Berlinois chez eux“. [2] In der Hochsaison von Oktober bis Ostern finden diese Bälle in der Woche mehrmals, oft sogar mehrere an einem Abend statt. Trotzdem das Eintrittsgeld selten weniger als 1,50 M. beträgt, sind diese Veranstaltungen meist gut besucht. Fast stets sind mehrere Geheimpolizisten zugegen, die acht geben, daß nichts Ungeziemendes vorkommt; soweit ich unterrichtet bin, lag aber noch nie ein Anlaß vor, einzuschreiten. Die Veranstalter haben Ordre, möglichst nur Personen einzulassen, die ihnen als homosexuell bekannt sind.

Einige der Bälle erfreuen sich eines besonderen Renommées, vor allem der kurz nach Neujahr veranstaltete, auf dem die neuen, vielfach selbst gefertigten Toiletten vorgeführt werden. Als ich diesen Ball im letzten Jahr mit einigen ärztlichen Kollegen besuchte, waren gegen 800 Personen zugegen. Gegen 10 Uhr abends sind die großen Säle noch fast menschenleer. Erst nach 11 Uhr beginnen sich die Räume zu füllen. Viele Besucher sind im Gesellschafts- oder Straßen-Anzug, sehr viele aber auch kostümiert. Einige erscheinen dicht maskiert in undurchdringlichen Dominos, sie kommen und gehen, ohne daß jemand ahnt, wer sie gewesen sind; andere lüften die Larve um Mitternacht, ein Teil kommt in Phantasiegewändern, ein großer Teil in Damenkleidern, manche in einfachen, andere in sehr kostbaren Toiletten. Ich sah einen Südamerikaner in einer Pariser Robe, deren Preis über 2000 Frcs. betragen sollte.

Nicht wenige wirken in ihrem Aussehen und ihren Bewegungen so weiblich, daß es selbst Kennern schwer fällt, den Mann zu erkennen. Ich erinnere mich, daß ich auf einem dieser Bälle mit einem auf diesem Gebiet sehr erfahrenen Kriminalwachtmeister ein Dienstmädchen beobachtete, von dem der Beamte fest überzeugt war, daß sie ein richtiges Weib sein müsse, auch ich hatte nur geringe Zweifel, um in der Unterhaltung mit ihr aber doch wahrzunehmen, daß sie „ein Mann“ war. Wirkliche Weiber sind auf diesen Bällen nur ganz spärlich vorhanden, nur dann und wann bringt ein Uranier seine Wirtin, eine Freundin oder — seine Ehefrau mit. Man verfährt im allgemeinen bei den Urningen nicht so streng wie auf den analogen Urnindenbällen, auf denen jedem „echten Mann“ strengstens der Zutritt versagt ist. Am geschmacklosesten und abstoßendsten wirken auf den Bällen der Homosexuellen die ebenfalls nicht vereinzelten Herren, die trotz eines stattlichen Schnurrbartes oder gar Vollbartes „als Weib“ kommen. Die schönsten Kostüme werden auf ein Zeichen, des Einberufers mit donnerndem Tusch empfangen und von diesem selbst durch den Saal geleitet. Zwischen 12 und 1 Uhr erreicht der Besuch gewöhnlich seinen Höhepunkt. Gegen 2 Uhr findet die Kaffeepause — die Haupteinnahmequelle des Saalinhabers — statt. In wenigen Minuten sind lange Tafeln aufgeschlagen und gedeckt, an denen mehrere hundert Personen Platz nehmen; einige humoristische Gesangsvorträge und Tänze anwesender „Damenimitatoren“ würzen die Unterhaltung, dann setzt sich das fröhliche Treiben bis zum frühen Morgen fort.

In einem der großen Säle, in welchem die Urninge ihre Bälle veranstalten, findet auch fast jede Woche ein analoger Ballabend für Uranierinnen statt, von denen sich ein großer Teil in Herrenkostüm einfindet. Die meisten homosexuellen Frauen auf einem Fleck kann man alljährlich auf einem von einer Berliner Dame arrangierten Kostümfest sehen. Das Fest ist nicht öffentlich, sondern gewöhnlich nur denjenigen zugänglich, die einer der Komiteedamen bekannt sind. Eine Teilnehmerin entwirft mir folgende anschauliche Schilderung: „An einem schönen Winterabend fahren von 8 Uhr ab vor einem der ersten Berliner Hotels Wagen auf Wagen vor, denen Damen und Herren in Kostümen aller Länder und Zeiten entsteigen. Hier sieht man einen flotten Couleurstudenten mit mächtigen Renommierschmissen ankommen, dort hilft ein schlanker Rokokoherr seiner Dame galant aus der Equipage. Immer dichter füllen sich die strahlend erleuchteten weiten Räume; jetzt tritt ein dicker Kapuziner ein, vor dem sich ehrfurchtsvoll Zigeuner, Pierrots, Matrosen, Klowns, Bäcker, Landsknechte, schmucke Offiziere, Herren und Damen im Reitanzug, Buren, Japaner und zierliche Geishas neigen. Eine glutäugige Carmen setzt einen Jockey in Brand, ein feuriger Italiener schließt mit einem Schneemann innige Freundschaft. Die in buntesten Farben schillernde fröhliche Schar bietet ein höchst eigenartiges anziehendes Bild. Zuerst stärken sich die Festteilnehmerinnen an blumengeschmückten Tafeln. Die Leiterin in flotter Sammetjoppe heißt in kurzer kerniger Rede die Gäste willkommen. Dann werden die Tische fortgeräumt. Die „Donauwellen“ erklingen, und begleitet von fröhlichen Tanzweisen, schwingen sich die Paare die Nacht hindurch im Kreise. Aus den Nebensälen hört man helles Lachen, Klingen der Gläser und munteres Singen, nirgends aber — wohin man sieht — werden die Grenzen eines Kostümfestes vornehmer Art überschritten. Kein Mißton trübt die allgemeine Freude, bis die letzten Teilnehmerinnen beim matten Dämmerlicht des kalten Februarmorgens den Ort verlassen, an dem sie sich unter Mitempfindenden wenige Stunden als das träumen durften, was sie innerlich sind. Wem es je vergönnt war, schließt Frl. R. ihren Bericht, ein derartiges Fest mitzumachen, wird aus ehrlicher Überzeugung sein Leben lang für die ungerecht verleumdeten Uranierinnen eintreten, denn er wird sich darüber klar geworden sein, daß es überall gute und schlechte Menschen gibt, daß die homosexuelle Naturveranlagung aber ebensowenig wie die heterosexuelle von vornherein einen Menschen zum Guten oder Bösen stempelt.“

Nicht weniger wie die Bälle, sind auch die „Herrenabende“ besucht, theaterartige Veranstaltungen, welche von Zeit zu Zeit von Urningen für Urninge gegeben werden. Gewöhnlich sind sämtliche auftretenden Künstler „Zwischenstufen“; besonders beliebt ist es, berühmte Literaturwerke homosexuell zu parodieren, und es erregt nicht geringe Heiterkeit, wenn die Engeln als Marthe Schwertlein, die Harfenjule als Salome oder gar Schwanhilde, als Maria Stuart, Königin Elisabeth und Amme in einer Person auftritt.

Außer den Restaurants gibt es in Berlin auch Hotels, Pensionate und Badeanstalten, die fast ausschließlich von Homosexuellen besucht werden; dagegen habe ich ein von Pastor Philipps neuerdings, wie bereits früher, erwähntes Berliner Gemeinschaftshaus der Homosexuellen bisher nicht ermitteln können.

Die Homosexualität in Badeanstalten ist in Berlin bei weitem nicht so verbreitet, wie in anderen Großstädten, namentlich in St. Petersburg und Wien. In der österreichischen Hauptstadt befindet sich ein Bad, das durch den ganz außerordentlich starken Zusammenfluß von Homosexuellen an bestimmten Tagen, zu gewissen Stunden einzig dastehen dürfte. In Berlin weiß ich von vier mittelgroßen Badeanstalten, die nur von homosexueller Kundschaft leben. Auch einige Schwimmbassins sind zu bestimmten Tageszeiten Treffpunkte der Homosexuellen.

Vielfach sind in diesen Anstalten, ebenso wie in den Restaurationen und Hotels, der Besitzer oder ein Angestellter homosexuell. Dieselben sind ursprünglich meist nicht in der Absicht gegründet, urnische Bekanntschaften zu vermitteln oder gar der Unzucht Vorschub zu leisten (im Sinne des § 180 R.-St.-G.-B.), vielmehr hat es sich allmählich herumgesprochen, daß der Eigentümer oder der Oberkellner oder ein Masseur „so“ ist, worauf sich dann viele Urninge dorthin ziehen, weil sie sich dort ungenierter fühlen.