Die Besitzer sind sich oft gewiß nicht darüber klar, daß sie dabei Gefahr laufen, mit dem Kuppeleiparagraphen des Strafgesetzbuches in Konflikt zu geraten. Vor kurzem erregte ein Prozeß wegen homosexueller Kuppelei ziemliches Aufsehen, der gegen einen alten Uranier angestrengt wurde, welcher mit einem Freunde im Westen der Stadt ein Pensions-Hotel führte, das überwiegend von homosexuellen Damen und Herren aufgesucht wurde. Trotzdem die Angeklagten — meines Erachtens nicht mit Unrecht — darauf hinwiesen, daß sie keine höheren Preise forderten und erhielten, wie sie in ähnlichen Etablissements üblich sind, ferner, daß sie sich nicht befugt hielten, zu kontrollieren, was ihre Gäste, zu denen ein vielgenannter Reichstagsabgeordneter gehörte, auf ihren Zimmern mit ihren Besuchern täten, wurden beide zu einer Gefängnisstrafe von einem Monat verurteilt.

Einer wieviel größeren Gefahr setzen sich die Hotelwirte aus, bei denen sich für wenige Stunden die männlichen Prostituierten mit ihren Herren einfinden, sowie die urnischen Absteigequartiere, deren es in Berlin eine ganze Anzahl geben soll. Diese Quartiere sind eine unmittelbare Folge der durch den § 175 geschaffenen Verhältnisse. Sie werden besonders von Uraniern vornehmer Gesellschaftskreise, auch viel von uranischen Offizieren auswärtiger Garnisonen benutzt, die sich aus wohlbegründeter Furcht, Erpressern, Verbrechern oder Verrätern in die Hände zu fallen, an diese Vertrauenspersonen wenden, die ihnen etwas „ganz Sicheres“ besorgen sollen.

In Brüssel wurde in diesem Sommer ein Schuhmacher mit seiner Frau verhaftet, bei dem man zahlreiche Albums mit Photographieen vorfand, die den Nachfragenden zur Auswahl vorgelegt wurden. Ähnliches kommt auch in Berlin vor. Wie mir verbürgt mitgeteilt wurde, gibt es Vermittler, bei denen sich Herren mündlich und schriftlich, ja sogar telegraphisch Personen unter Angabe aller möglichen fetischistischen Liebhabereien bestellen, einen Kürassier mit weißen Hosen und hohen Stiefeln, Männer in Frauen- und Frauen in Männerkleidern, einen Bierkutscher, einen Steinträger in Arbeitsanzug, ja sogar einen Schornsteinfeger. Fast alle finden dann zu der bestimmten Stunde das Erbetene vor. Auch für urnische Damen existieren ähnliche Vermittelungslokale.

Unbewußt leistet auch die Berliner Tagespresse den Urningen umfangreiche Mittlerdienste. In manchen Blättern findet man fast täglich mehrere Inserate, die homosexuellen Zwecken dienen, wie „junge Frau sucht Freundin“, „junger Mann sucht Freund“. Ich gebe hier einige Beispiele derartiger Annoncen wieder, die innerhalb kurzer Zeit Berliner Zeitungen verschiedenster Parteirichtung entnommen wurden.

Wie mir mehrfach versichert wurde, werden diese Inserate von denen, für die sie berechnet sind, sehr wohl verstanden.


Älterer Herr, kein Damenfreund, sucht Bekanntschaft mit Gleichgesinnten. Zuschr. erb. unt. S.O. 2099 an die Exped. d. Bl.


Älterer Junggeselle wünscht gleichgesinnten „Anschluß“, Morgenpost Bülowstraße.


Herr, 23, sucht Freund. Zuschriften unter „Sokrates“ an Hauptexpedition Kochstraße erbeten.


Junggeselle, gut. Ges., sucht freundschaftl. Verkehr m. led. gleichges. Herrn in ält. Jahr. Off. A. B. 11 Postamt 76.


Jung. geb. Mann, 29 Jahr, sucht freundschaftl. Verkehr m. energisch herrischem, gut situiertem Herrn. Briefe erb. unt. T. L. W. Expedit. d. Blattes.


Wir haben bereits wiederholt die männliche Prostitution erwähnen müssen und dürfen diese gewiß beklagenswerte Erscheinung nicht übergehen, wenn wir eine einigermaßen vollständige Schilderung der vielseitigen Gestaltungsformen geben wollen, in denen uns das urnische Leben Berlins entgegentritt.