Auf drei weit auseinander gelegenen Wegen halten sich Weiber, auf zweien Männer feil. Während in der Stadt die weibliche und männliche Prostitution durcheinander flutet, hat hier jede ihren „Strich“ für sich, von den männlichen ist der eine allabendlich fast nur von Kavalleristen erfüllt, deren Säbel in der Finsterniß seltsam aufblitzen, während der andere, eine ziemlich lange Strecke, größtenteils von den verwegenen Burschen eingenommen wird, die sich im Berliner Volkston mit Vorliebe selbst „keß und jemeene“ nennen. Hier ist eine jener alten halbrunden Tiergartenbänke, auf der in den Stunden vor Mitternacht an dreißig Prostituierte und Obdachlose dicht nebeneinander sitzen, manche sind fest eingeschlafen, andere johlen und kreischen. Sie nennen diese Bank die „Kunstausstellung.“ Dann und wann kommt ein Mann, steckt ein Wachsstreichholz an und leuchtet die Reihe ab.

Nicht selten tönt in das Juchzen der Jungen ein greller Schrei, der Hilferuf eines im Walde Beraubten oder Gemißhandelten, oder ein kurzer Knall schallt in die von den entfernten Zelten in vereinzelten Stößen herüberdringende Musik — er kündet von einem, der sein Leben verneinte.

Und wer Originale sucht, von denen sehr zu Unrecht behauptet wird, sie seien in der Großstadt ausgestorben, im Tiergarten sind sie reichlich zu finden. Seht Ihr die Alte dort mit den vier Hunden am Neuen See? Seit vierzig Jahren macht sie mit kurzer Sommerunterbrechung zu derselben Stunde denselben Spaziergang, nie von Menschen begleitet, von jener Zeit ab, da ihr am Hochzeitstage zwischen der standesamtlichen und kirchlichen Trauung der Mann am Blutsturz verschied; seht Ihr dort die ausgedörrte, gekrümmte Gestalt im struppigen Graubart? Das ist ein russischer Baron, der erspäht sich abends eine einsame Bank, dort läßt er sich nieder und schreit „rab, rab, rab“, ähnlich wie ein Rabe krächzt; aus unsichtbaren Wegen tauchen auf diesen Lockruf einige „kesse Schieber“ hervor, es sind seine Freunde, unter denen er die „Platten“, gewöhnlich drei bis fünf Mark, verteilt, die ihm von seinem Tageszins geblieben sind.

Die männlichen Prostituierten zerfallen in zwei Gruppen, in solche, die normalgeschlechtlich und in solche, die „echt“, d. h. selbst homosexuell sind. Letztere sind zum Teil stark feminin, und einige gehen auch gelegentlich in Weiberkleidern aus, was jedoch in den Kreisen der weiblichen Prostituierten übel vermerkt wird. Es ist dies zwischen beiden fast der einzige casus belli, denn die Erfahrung hat sie gelehrt, daß sie ohne diese Vorspiegelung falscher Tatsachen einander nicht die Kundschaft fortnehmen. Eine ziemlich gebildete Prostituierte, die ich einmal nach einer Erklärung des guten Einvernehmens zwischen den weiblichen und männlichen Prostituierten fragte, antwortete mir: „Wir wissen doch, daß jeder „Freier“ nach seiner Façon selig werden will.“

Unter den Berliner Prostituierten kommen vielfach eigentümliche Paarungen vor. So tun sich normale männliche Prostituierte, die sogenannten Pupenluden, nicht selten mit normalen weiblichen Prostituierten zu gemeinsamer „Arbeit“ zusammen, auch von zwei Geschwisterpaaren ist mir berichtet, von denen sowohl die Schwester wie der Bruder diesem erniedrigenden Gewerbe obliegen; sehr häufig leben zwei weibliche und nicht selten auch zwei männliche Prostituierte zusammen, und endlich kommt es auch vor, daß sich homosexuelle weibliche Prostituierte mit homosexuellen männlichen Prostituierten als Zuhältern verbinden, die sie für weniger brutal halten, als ihre heterosexuellen Kollegen.

Bekannt ist es, daß es unter den weiblichen Prostituierten eine große Anzahl homosexueller gibt, man schätzt sie auf 20%. Mancher wundert sich über diesen scheinbaren Widerspruch in sich, da doch das käufliche Dirnentum vor allem der sexuellen Befriedigung des Mannes dient. Vielfach meint man, es liege hier eine Übersättigung vor, das ist aber in Wirklichkeit nicht der Fall, denn es läßt sich nachweisen, daß diese Mädchen gewöhnlich schon homosexuell empfanden, ehe sie sich der Prostitution ergaben, und es beweist die Tatsache ihrer Homosexualität eigentlich nur, daß sie den Verkauf ihres Körpers lediglich als ein Geschäft betrachten, dem sie mit kühler Berechnung gegenüberstehen.

Merkwürdig ist das Verhältnis der sich liebenden Prostituierten untereinander. Bis in diese Kreise ist das System der doppelten Moral gedrungen. Denn während der männliche, aktive Teil, der „Vater“ sich frei fühlt und sich auch außerhalb seines gemeinschaftlichen Schlafgemachs weiblichen Verkehr gestattet, verlangt er von der weiblich passiven Partnerin in Bezug auf homosexuellen Umgang die vollkommenste Treue. Bei entdecktem Treubruch setzt sich sein Verhältnis den schwersten Mißhandlungen aus, es kommt sogar vor, daß der männliche Teil dem weiblichen während der Zeit ihres Liebesbündnisses verbietet, ihrem Gewerbe nachzugehen.

Die weibliche Straßenprostitution Berlins unterhält auch vielfach Beziehungen mit urnischen Frauen besserer Gesellschaftskreise, ja sie scheut sich nicht, Frauen, die ihr homosexuell erscheinen, auf der Straße Anerbietungen zu machen. Dabei ist zu bemerken, daß die Preise für Frauen durchgängig geringere sind, ja, daß in vielen Fällen jede Bezahlung abgewiesen wird. Mir berichtete eine junge Dame, die allerdings einen sehr homosexuellen Eindruck macht, daß ihr auf der Straße Prostituierte Angebote von 20 Mark und mehr gemacht hätten.

Sowohl die weibliche, wie die männliche Prostitution bedrohen durch ihr böses Beispiel nicht nur die öffentliche Sittlichkeit, nicht nur die öffentliche Gesundheit — denn es ist durchaus nicht selten, daß auch durch männliche Prostituierte ansteckende Krankheiten von der Skabies (Krätze) bis zur Syphilis übertragen werden — sondern auch in hohem Maße die öffentliche Sicherheit.

Prostitution und Verbrechertum gehen Hand in Hand; Diebstähle und Einbrüche, Erpressungen und Nötigungen, Fälschungen und Unterschlagungen, Gewalttätigkeiten jeder Art, kurz alle möglichen Verbrechen wider die Person und das Eigentum sind bei dem größten Teile der männlichen Prostituierten an der Tagesordnung, und besonders gefährlich ist es, daß diese Delikte von den verängstigten Homosexuellen in den meisten Fällen nicht zur Anzeige gebracht werden.