Wer gut unterrichtet ist, bemerkt auf den Straßen, in den Lokalen Berlins bald nicht nur Männer und Frauen im landläufigen Sinn, sondern vielfach auch Personen, die von diesen in ihrem Benehmen, oft sogar in ihrem Äußeren verschieden sind, so daß man geradezu neben dem männlichen und weiblichen von einem dritten Geschlecht gesprochen hat.

Ich finde diesen Ausdruck, der schon im alten Rom gebräuchlich war, nicht gerade glücklich, aber immerhin besser, als das jetzt so viel angewandte Wort homosexuell (gleichgeschlechtlich), weil dieses der weit verbreiteten Anschauung Nahrung gibt, es müßten, wenn irgendwo mehrere Homosexuelle zusammen sind, sexuelle Akte vorgenommen oder doch wenigstens beabsichtigt werden, was den Tatsachen in keiner Weise entspricht.

Man möge, wenn in den folgenden Schilderungen von Homosexuellen die Rede ist, nicht an geschlechtliche Handlungen irgend welcher Art denken. Kommen diese vor, so entziehen sie sich nicht nur wegen ihrer Strafbarkeit, sondern vor allem wegen des natürlichen Scham- und Sittlichkeitsgefühls, welches bei den Homosexuellen ebenso ausgeprägt ist wie bei den Normalsexuellen, der Beobachtung, keineswegs sind sie das Hauptsächliche, sie fehlen sogar häufig. Das Wesentliche ist das Wesen des Uraniers — so wollen wir in dieser Schrift den homosexuell Empfindenden mit Ulrichs nennen — sein Verhalten gegenüber dem männlichen und weiblichen Geschlecht sind die aus seiner Naturbeschaffenheit sich ergebenden Sympathieen und Antipathieen.

Aber selbst für den, der viele typische Eigenschaften urnischer Menschen kennt, bleiben doch sehr viele verborgen, sei es, weil ihnen, was nicht selten vorkommt, tatsächlich bemerkbare Anzeichen fehlen, sei es, weil sie ihre Lebenskomödie, die oft mehr eine Lebenstragödie ist, mit großem Geschick spielen, indem sie sich den Normalen in allen Gewohnheiten anpassen und ihre Neigungen wohlweislich zu verheimlichen wissen. Die meisten legen viel Wert darauf, daß „man ihnen nichts anmerkt“. Ich kenne in Berlin Homosexuelle, auch solche, die durchaus nicht enthaltsam sind, welche Jahre, Jahrzehnte, ja ihr ganzes Leben lang ihre Umgebung über ihre Natur täuschten; besonders verbreitet ist es auch, wenn den Kameraden über Liebesabenteuer berichtet wird, ähnlich manchen Übersetzern antiker Schriftsteller, die männliche Person in eine weibliche umzuwandeln.

Die örtlichen Verhältnisse Berlins erleichtern diese Umwandlung ungemein. Wer im Osten wohnt, dort seine geschäftlichen und verwandtschaftlichen Beziehungen hat, kann sich mit seinem Freunde jahrelang im Süden treffen, ohne daß man in seiner Gegend etwas davon weiß. Es gibt viele Berliner im Westen, die nie den Wedding sahen, viele am Kreuzberg, die nie das Scheunenviertel betraten. Ich behandelte lange eine alte Berlinerin, die die Witwe eines Musikers war; sie hatten ein einziges Kind gehabt, einen Sohn, der nicht gut tun wollte, früh hinter die Schule ging, Tage lang fortblieb und vagabondierte. Die Eltern suchten ihn immer wieder, schließlich als er 21 Jahre alt war, verloren sie die Geduld und ließen ihn laufen. 26 Jahre lang hatte die Mutter nichts mehr von ihrem Jungen gehört und gesehen; sie hatte die Siebzig überschritten, ihr Mann war längst gestorben, da tauchte er eines Tages wieder bei ihr auf, ein vorzeitig gealterter 47jähriger Mann mit struppigem Vollbart, ein Pennbruder, dessen „Organismus durch Alkohol vergiftet“ war; er wollte fragen, ob sie nicht noch „von Vatern ein paar alte Kleider hätte“. Das Eigenartige war, daß Mutter und Sohn in den 26 Jahren Berlin nie verlassen hatten. In einer Kleinstadt würde ein solcher Fall nicht möglich sein.

Man sollte es kaum glauben, wie viele Personen in der preußischen Hauptstadt, die als ein Muster der Ordnung gilt und es auch im Vergleich mit anderen Weltstädten ist, leben, ohne daß die Behörden von ihnen wissen. Ich habe mit Erstaunen wahrgenommen, wie lange sich oft ausgewiesene Ausländer unbeanstandet in Berlin aufhalten, noch mehr, wie Personen, die polizeilich gesucht werden, Monate und Jahre unangemeldet hier verweilen, nicht etwa in entlegenen Stadtvierteln, sondern häufig auf den Sammelplätzen des Verkehrs, wo man sie am wenigsten vermutet.

Wart Ihr schon einmal im Zimmer 361 auf dem Polizeipräsidium am Alexanderplatz? Es ist eine der merkwürdigsten Stätten in dieser an eindrucksvollen Örtlichkeiten gewiß nicht armen Stadt. Hoch über den Dächern der Großstadt gelegen, befindet sich dieser Raum inmitten einer Flucht von Zimmern, in denen alphabetisch geordnet zehn Millionen Blätter aufgestapelt sind. Jedes Blatt bedeutet ein Menschenleben. Die noch leben, liegen in blauen, die Verstorbenen ruhen in weißen Pappkartons. Jedes Blatt enthält Namen, Geburtsort und Geburtstag von jeder Person, die seit dem Jahre 1836 in einem Berliner Hause eine Wohnung oder ein Zimmer inne hatte. Alle An- und Abmeldungen, jeder Wechsel der Wohnungen wird sorgsam verzeichnet. Es gibt Bogen, die dreißig Wohnungen und mehr enthalten, andere, auf denen nur eine steht; es sind Personen darunter, die ihre Berliner Laufbahn in einem Keller des Ostens begannen und im Tiergartenviertel endeten, und andere, die anfangs vorn im ersten Stock wohnten und im Hof vier Treppen ihre Tage beschlossen. Nach Zimmer 361 werden alle diejenigen verwiesen, die in Berlin jemanden suchen. Von morgens 8 bis abends 7 Uhr wandern Hunderte und Hunderte, im Jahre viele Tausende die hohen steinernen Treppen empor. Jede Auskunft kostet 25 Pfennig. Es kommen nicht nur solche, die Geld zu fordern haben, Leute, für die ein Mensch erst dann Wert bekommt, wenn er ihnen etwas schuldet, nein, so mancher klimmt hinauf, der aus fernen Landen heimgekehrt ist und nun nachforscht, ob und wo noch einer seiner Verwandten und Jugendgefährten lebt. Die ersten Jahre schrieben sie einander noch, dann schlief der Briefwechsel ein, und nun hat der Fremdling noch einmal die alte Heimat aufgesucht. Bangen Herzens schreibt er den Namen und die letzte ihm bekannte Wohnung seiner Mutter auf den Auskunftszettel — sie ist lange verstorben; er fragt nach Brüdern, Schwestern und Freunden, alle, alles dahin, und tief bekümmert wandert der Vereinsamte die schmalen Treppen wieder hinunter. Wie viele erkundigen sich da oben vergebens, Eltern, die verlorene Söhne suchen, Schwestern, die nach ihren Brüdern fragen, und Mädchen, die nach dem Vater des Kindes forschen, dessen Zukunft in ihrem Schoße ruht. „Ist nicht gemeldet“, „unbekannt verzogen,“ „ausgewandert“, „verstorben,“ meldet der stets gleichmütige Beamte, wenn er nach einer halben Stunde wiederkehrt und die Wartenden aufruft, welche still, ernst und verzagt, nur selten frohen Mutes herabsteigen, um wieder unterzutauchen in das Häuser- und Menschenmeer des gewaltigen Berlin.

Die Leichtigkeit, in einer Stadt von 2½ Millionen Einwohnern unsichtbar zu versinken, unterstützt sehr jene Spaltung der Persönlichkeit, wie sie auf sexuellem Gebiete so häufig vorkommt. Der Berufsmensch und der Geschlechtsmensch, der Tag- und Nachtmensch sind oft zwei grundverschiedene Persönlichkeiten in einem Körper, der eine stolz und ehrbar, sehr vornehm und gewissenhaft, der andere von allem das Gegenteil. Das gilt für Homosexuelle ebenso wie für Normalsexuelle. Ich kannte einen urnischen Rechtsanwalt, der, wenn er abends sein Bureau im Potsdamer Viertel oder eine Gesellschaft seiner Kreise verlassen hatte, seine Stammkneipe im südlichen Teil der Friedrichstadt aufsuchte, eine Kaschemme, in der er mit dem Revolverheini, dem Schlächterherrmann, dem Amerikafranzl, dem tollen Hunde und anderen Berliner Apachen die halben Nächte spielend, trinkend und lärmend verbrachte. Die rohe Natur dieser Verbrecher schien auf ihn eine unwiderstehliche Anziehungskraft auszuüben. Noch weiter ging ein anderer, ein früherer Offizier, der einer der ersten Familien des Landes angehört. Dieser vertauschte zwei- bis dreimal die Woche abends den Frack mit einer alten Joppe, den Zylinder mit einer Schiebermütze, den hohen Kragen mit einem bunten Halstuch, zog sich den Sweater, Schiffer- oder Manchesterhosen und Kommißstiefel an und trieb sich etliche Stunden in den Destillen des Scheunenviertels umher, deren Insassen ihn für Ihresgleichen hielten. Um vier Uhr früh fand er sich im Hammelstall, einer vielbesuchten Arbeitslosenkneipe unweit des Bahnhofs Friedrichstraße, zum „Kaffeestamm“ ein, nahm sein Frühstück für zehn Pfennig mit den ärmsten Vagabonden, um nach einigen Stunden Schlaf wieder zum Leben eines untadeligen Kavaliers zu erwachen.

Auch eine homosexuelle Dame ist mir erinnerlich, die in einem ganz ähnlichen Doppelleben oft als Köchin die Tanzlokale von Dienstboten besuchte, in deren Mitte sie sich außerordentlich wohl fühlte.

Besonders merkwürdig ist diese Halbierung oder — wenn man will — Verdoppelung der Persönlichkeit in denjenigen Fällen, wo sie zugleich mit einer Spaltung in zwei Geschlechter verbunden ist.