Ich besitze die Photographie eines Mannes in eleganter Damentoilette, der jahrelang unter den Weibern der Pariser Halbwelt eine Rolle spielte, bis durch einen Zufall ans Licht kam, daß „sie“ in Wirklichkeit ein Mann und zwar nicht einmal ein homosexueller Mann war. Auch in Berlin sind wiederholt Männer aufgegriffen, die der weiblichen Prostitution oblagen. Mehr als eine Frau ist mir in Berlin bekannt, die zu Hause vollkommen als Mann lebt. Eine der ersten, die ich sah, war mir während einer Feier in der Philharmonie durch ihre tiefe Stimme und ihre männlichen Bewegungen aufgefallen. Ich machte ihre Bekanntschaft und bat, sie besuchen zu dürfen. Als ich am folgenden Sonntagnachmittag in der Dämmerstunde an ihrer Tür klingelte, öffnete mir ein junger Mann, der von einem Hunde umsprungen wurde, die dampfende Zigarre in der Hand hielt und nach meinem Begehr fragte. „Ich wünsche, Fräulein X. zu sprechen, bringen Sie ihr, bitte, meine Karte.“ „Treten Sie nur näher,“ erwiderte lachend der junge Bursche, „ich bin es ja selbst.“ Ich erfuhr, daß das Mädchen in ihrer Häuslichkeit vollkommen als Mann lebte; es war eine wackere Person, die den Kampf mit dem Leben tapfer aufgenommen, manche Heirat, durch die sie „gut versorgt“ worden wäre, abgelehnt hatte, weil sie „keinen Mann betrügen“ wollte.
Die Spaltung der Persönlichkeit kann so weit gehen, daß der Tagesmensch sich über die Lebensführung seines nächtlichen Ichs sittlich entrüstet und heftig dagegen eifert. Es ist nicht immer bloße Heuchelei gewesen, wenn jemand, der sich in den schärfsten Ausdrücken gegen die Homosexualität wandte, eines Tages mit dem § 175 R.-Str.-G.-B. in Konflikt geriet.
Wenn übrigens auch in Berlin trotz der verhältnismäßigen Bequemlichkeit und Sicherheit sexuellen Verkehrs eine große Anzahl Uranier enthaltsam leben — was zweifellos der Fall ist —, so geschieht dies weniger aus Angst, als weil ihre sonstige Charakterveranlagung sie zur Enthaltsamkeit führt und ihnen dieselbe ermöglicht. Viele dieser Homosexuellen leben als Junggesellen völlig einsam; manche bringen durch intensive geistige Beschäftigung ihren Sexualtrieb zum Schweigen, einige gelten als Sonderlinge, haben auch in der Tat häufig etwas Schrullenhaftes, Altjüngferliches, andere entwickeln einen großen Sammeleifer, der sich nicht selten auf Gegenstände erstreckt, die mit ihrer Neigung in einem gewissen Zusammenhang stehen; so weiß ich von einem urnischen Prinzen in Berlin, welcher mit einer wahren Leidenschaft Soldaten-Darstellungen aller Zeiten und Länder sammelte. Wieder andere suchen und finden eine Ablenkung und Befriedigung ihres sexuellen Triebes darin, daß sie Stätten aufsuchen, Schwimmbäder, Turnhallen, Sportplätze, wo sie Gelegenheit haben, sich am Anblick ihnen sympathischer Gestalten zu erfreuen, oder aber sie schließen sich aus denselben Grunde Vereinen an. Namentlich in den eingeschlechtlichen Vereinen Berlins, wie den Turnvereinen und den Vereinen christlicher junger Männer, ebenso auch in den Frauenklubs und Frauenvereinen — vom Dienstboten- bis zum Stimmrechtsverein — sind urnische Mitglieder nichts Seltenes, oft ist sogar das urnische Element die treibende Kraft des Vereins. Vielfach sind sich die Betreffenden ihrer Urningsnatur gar nicht oder nur wenig bewußt und werden erst aufmerksam, wenn ein dritter, meist mehr im Scherz als im Ernst, Bemerkungen macht, wie. „Du benimmst Dich ja wie ein warmer Bruder.“
Vor einiger Zeit suchte mich einmal ein Mitglied eines spiritistischen Vereins auf, um sich zu vergewissern, ob er homosexuell sei; ein Vereinsbruder habe ihm bei einem Streite zugerufen: „Schweig, Du Zwitter.“ Dieser stark feminine und offenbar recht nervöse Jüngling berichtete mir, daß er im gewöhnlichen Leben weder zum Weibe, noch zum Manne sinnliche Regungen verspüre, nur wenn er in den Trance-Zustand verfiele, was leicht der Fall sei, fühle er sich als eine Indierin und empfände als solche eine starke Liebe zu einem seiner Vereinsbrüder.
Trotzdem sich die Urninge in ihren Vereinen meist gut zu beherrschen wissen, kommt es doch hie und da zum „Skandal“, namentlich wenn sich unter der Wirkung leichter Alkoholmengen die Zügel lockern, welche sie ihrer wahren Natur sonst anzulegen wissen. Ich will ein in mehr als einer Hinsicht lehrreiches Beispiel anführen.
Vor etwa zehn Jahren veranstaltete ein Missionar in einem religiösen Zwecken dienenden Hause große Versammlungen und Feiern, die sich eines ungewöhnlich regen Zuspruches erfreuten. „Das gewinnende, liebenswürdige Wesen dieses Mannes zog wie ein Magnet.“ Er war eine Persönlichkeit von angenehmstem Äußern, Mitte der Dreißig, sehr begabt und ein trefflicher Redner. „Er brauchte nur zu bitten, und die Gaben flossen in Massen; überall war er maßgebend, geliebt und verehrt, besonders bei den Frauen.“ Man fand nicht Worte genug über seine Herzensgüte; er selber berichtete in den Versammlungen häufig, wie er in den Gefängnissen so oft und gern Trost spendete, wie er nachts junge Menschen in den Anlagen ohne alle Mittel gefunden, sie mit nach Hause genommen und bei sich beherbergt habe. Er hatte dabei ein im Grunde fröhliches Gemüt. Wer ihn auf den sommerlichen Ausflügen des Vereins beobachtete, wie er mit seinen Schülern Kampfspiele veranstaltete, mit ihnen rang und ausgelassen tollte, freute sich ohne Argwohn der anscheinend so harmlosen Freudigkeit des unermüdlichen Gottesstreiters. Eines Tages aber bemächtigte sich tiefe Betrübnis und große Entrüstung des frommen Vereins. Herr W. war wegen unsittlicher Handlungen mit jungen Männern verhaftet worden. Bei der Gerichtsverhandlung bekundeten zwölf Jünglinge, daß W. sie unzüchtig berührt habe, sogar hinter der Kanzel, an der Orgel und in der Sakristei habe er solches getan und jedesmal hinterher mit ihnen gebetet. Er wurde zu einer schweren Freiheitsstrafe verurteilt.
Ich verdanke diesen Bericht einem sehr ehrenwerten Uranier, der demselben christlichen Verein angehörte. „Nie hätte ich,“ so schreibt er mir, „geglaubt, daß dieser geehrte Herr so jäh aus seiner Höhe stürzen könnte, daß meine inneren Empfindungen, die ich in harten Kämpfen unterdrückte, um deren Überwältigung willen ich jene fromme Gesellschaft aufgesucht hatte, so denen ihres Leiters glichen. Als sich das geschilderte Trauerspiel zutrug, dachte ich in Demut: „Herr, sei mir Sünder gnädig“, und bin mit vielen anderen aus dem schwer geschädigten Verein geschieden.“
Vielfach widmet sich der homosexuelle Platoniker nicht sowohl einer Vereinigung, als vielmehr einer einzigen Person, an der er Gefallen gefunden hat. Wie viele dieser Männer lassen nicht ihre Schützlinge ausbilden, studieren, nehmen sie auf Reisen mit, setzen ihnen Renten aus, adoptieren sie, bedenken sie in ihrem Testament, bemühen sich um sie in intensivster Weise, ohne daß es je zu einem Kusse kommt, ja, ohne daß sich die Betreffenden der sexuellen Grundlage ihrer Neigung bewußt werden, wiewohl sie die Briefe ihrer Freunde nicht weniger sehnsüchtig erwarten, nicht minder begierig lesen, wie ein Bräutigam die seiner Braut. Und noch seltener ist sich der Empfangende in solchen Verhältnissen über die wahre Natur seines „väterlichen“ Freundes klar. Wohl ist er und seine Familie über „das gute Herz“ ihres besten Freundes des Lobes voll, das hindert aber den jungen Mann nicht, gelegentlich recht weidlich über die Homosexuellen zu schelten, ohne zu ahnen, wie schwer er jenen trifft, den er gewiß am wenigsten verletzen möchte.
Ich will hier ein Gedicht eines Berliner Urnings an seinen Freund zur Kenntnis bringen, das recht anschaulich zeigt, wie schwer die unmerklich in einander übergehenden Grenzen zwischen den geistigen, seelischen und körperlichen Äußerungen des in Form und Stärke, nicht aber in seinem Wesen verschiedenartigen Gefühls zu ziehen sind. Es lautet:
„Ihm in die tiefen, treuen Augen sehen,
Mit ihm vereint an meinem Fenster stehen,
Zu lehnen mein Gesicht an seine Wange,
Ganz still, recht fest und lange, lange,
Ist das nicht Glück genug —
Ihm sanft die Hände zu berühren,
Den Atem seiner Brust zu spüren,
Mit meinem Haupt an seinem Herzen liegen
Und meinen Mund an seine Lippen schmiegen,
Das ist doch Glück genug —
Zu schauen, wenn er lacht und froh sich regt,
Zu merken, wenn er ernst und tief bewegt,
Zu sehen, wie in allem, was er treibt,
Er stets sich gleich an Kraft und Schönheit bleibt,
Ist das nicht Glück genug —
Die Ansicht mit ihm auszutauschen,
Dem Wohllaut seiner Stimme lauschen,
Sein Leben schöner zu gestalten,
Wenn Leid ihn quält, treu zu ihm halten,
Das ist doch Glück genug —
Ihm sagen können, daß er mir das Höchste,
Von ihm vernehmen, daß ich ihm der Nächste,
Ihm schildern dürfen, wie sehr ich ihn liebe,
Den Wunsch zu hören, daß sein Freund ich bliebe,
Das ist doch Glück genug —
O, wenn ich es doch nie erlebte,
Daß ich noch mehr an Glück erstrebte,
Als mir so reichlich ist beschieden,
Dann hätten er und ich den Frieden
Und beide Glück genug.“