Auch der folgende ausführliche Bericht eines keuschen Uraniers über das erste Erwachen seiner Liebe — er rührt von einem mir bekannten Studenten her, der sich noch nie sexuell betätigt hat — bestätigt den Satz, daß sich der homosexuelle Trieb wohl in seiner Richtung und Bedeutung, nicht aber in seiner Naturwüchsigkeit von der normalsexuellen Liebe unterscheidet.
„Ich bin in dem „Sündenbabel“ Berlin aufgewachsen, habe mit vielen gleichalterigen Kameraden eine öffentliche Schule besucht, bin sogar in einer Pension gewesen, wo es sicher nicht sehr zart herging, und habe mir trotzdem gerade in sexueller Beziehung merkwürdig lange meine Kindlichkeit bewahrt. Ich habe nie, wie andere Kinder, Vergnügen daran gefunden, darüber zu reden und zu grübeln, „woher die Kinder kommen“, ich hatte sogar eine merkwürdige Scheu, deren Ursachen mir noch jetzt unerklärlich sind, über solche Dinge reden zu hören. So galt ich noch mit 15 Jahren, und zwar mit Recht, unter meinen Kameraden für „unschuldig“; an den Klapperstorch glaubte ich ja nicht gerade mehr, aber ich hatte keine Ahnung von dem Wesen des Unterschiedes der Geschlechter und von irgend welchen sexuellen Beziehungen. Natürlich verstand ich auch nichts von den bekannten Witzen, die über dieses Thema gemacht wurden, was am meisten dazu beitrug, den Ruf meiner „Unschuld“ zu verbreiten.
In dieser Zeit, ich war 17 Jahre, faßte ich eine eigenartige Zuneigung zu einem meiner Mitschüler, dem Primus der Klasse; ich war nicht so befreundet mit ihm, wie mit meinen speziellen Schulfreunden, und doch hatte ich immer eine ganz besondere Freude daran, einmal mich länger mit ihm zu unterhalten, auf dem Schulhofe mit ihm zusammen zu gehen, oder gar einmal in der Stunde neben ihm zu sitzen. Gerade dies erreichte ich zu meinem Schmerz nur sehr selten, fast immer saß ich dritter, also noch ein anderer zwischen uns, und ich mußte mich begnügen, ihn so oft wie möglich anzusehen, wobei ich mir Mühe gab, das von ihm nicht bemerken zu lassen. Überhaupt nahm ich mich aufs äußerste in acht, daß niemand meine Beziehungen zu ihm, die übrigens völlig einseitig waren und blieben, bemerkte; ich wußte es damals nicht und weiß mir auch jetzt noch keinen rechten Grund dafür anzugeben, warum ich meine Zuneigung jedem Menschen gegenüber und besonders vor dem Geliebten selbst geheim hielt. Ich hatte wahrscheinlich das richtige Gefühl, doch nicht verstanden zu werden, und außerdem war ich mir meines Zustandes selbst nur ganz dunkel bewußt, ich hätte wohl gar nicht aussprechen und in Worte fassen können, was ich da eigentlich dachte und fühlte. Und doch war es so herrlich schön, sich vorzustellen, wenn wir beide so recht sehr befreundet wären, immer zusammen sein könnten, die Schularbeiten gemeinsam machten und uns nie zu trennen brauchten. Und wenn ich dann abends im Bett lag, malte ich mir alle möglichen Ereignisse aus, die eintreten müßten, damit wir recht eng befreundet werden könnten; da konnte doch z. B. sein Haus abbrennen, dann würde er keine Wohnung haben, und ich würde ihn auffordern, bei uns zu wohnen; und dann würde er sogar bei mir im Bett schlafen, so daß ich ihn so recht fest umarmen und an mich drücken könnte, um ihm zu zeigen, wie lieb ich ihn habe.
Wohlgemerkt: Diese Gedanken kamen mir und erfüllten mich mit größter Seligkeit, ohne daß ich eine Ahnung hatte von den sexuellen Beziehungen der Geschlechter. Mein Gemüt war vollständig rein, unverdorben durch unsaubere und schmutzige Geschichten, wie sie andere Großstadtkinder oft allzu früh zu hören bekommen, meine Phantasie war nicht erregt durch derartige Dinge. Und dennoch kamen mir diese „unsittlichen, unzüchtigen“ Vorstellungen? Nein, es lag nicht das geringste Unsittliche in diesen Gedanken, konnte gar nicht darin liegen, und diese Tatsachen, die ich an mir selbst erlebt habe, die ich gefühlt und gedacht habe mit meinem innersten Herzen, sind mir der sicherste und unumstößlichste Beweis dafür, daß in der Homosexualität an sich keine Spur von dem enthalten ist, was Unwissenheit und Unkenntnis hineinlegen wollen. Es sei denn, daß man das Geschlechtliche überhaupt als etwas Unsittliches ansieht, daß man die natürliche Weltordnung anzutasten versucht, indem man das Heiligste im Menschenleben in den Schmutz zieht, dann kann man die gleichgeschlechtliche Liebe gleich mit verdammen. — Jetzt weiß ich, daß das, was sich damals in mir abspielte, nichts anderes war, als das erste Erwachen der Liebe in einem noch kindlichen Gemüt, das nicht wußte, was in ihm vorging, und doch von dieser neuen Herrlichkeit gänzlich erfüllt war.
Und wie hier beim ersten Male der Gegenstand meiner Liebe ein männliches Wesen war, so ist es bei mir bisher geblieben. Wenn andere „normale“ Männer auf der Straße ein hübsches Mädchen sehen, so blicken Sie sich unwillkürlich danach um; mir ergeht es genau so mit schönen Jünglingen, denen ich ebenso unwillkürlich nachsehe. Trete ich in eine Gesellschaft, komme ich auf einen Ball &c., so geschieht es oft, daß mir ganz unbewußt irgend einer der jungen Leute, den ich nicht kenne, auffällt, und ich ertappe mich nachher dabei, daß ich fortwährend darauf geachtet habe, was der Betreffende tut, mit wem er tanzt &c. &c.
Jene erste Liebe wurde nach einiger Zeit abgelöst durch eine andere größere Leidenschaft, die mich zu einem anderen Mitschüler ergriff, der zwar ein ganzes Jahr älter war als ich, aber in einer tieferen Klasse saß. Ich kann mich darauf besinnen, wie ganz allmählich die ersten Zeichen dieser Liebe bei mir auftauchten, wie ich jede mögliche Gelegenheit benutzte, mit ihm zusammen zu sein: auf dem Schulhofe, auf der Straße, bei den Turnspielen u. s. w. Und dabei war es noch besonders schwierig, diesen Verkehr reger werden zu lassen; nicht nur, daß er in einer anderen Klasse war, sondern es gab auch eigentlich gar keine gemeinsamen Interessen zwischen uns, wir hatten keine gemeinsamen Freunde, und er war gerade im Kreise meiner nächsten Freunde besonders unbeliebt. Um so auffälliger mußte es sein, wenn ich mich mit ihm näher befreundete, und ich suchte die verschiedensten Vorwände, diese Annäherung zu erklären, nicht nur vor anderen, sondern besonders vor mir selbst, der ich noch immer nicht ahnte, was in mir vorging. Aber gerade in dieser Zeit, ich war 18 Jahre, ging mir das Licht über die wahre Bedeutung der Sache auf, in dieser Zeit, wo ich regelrechte Fensterpromenaden vor seinem Hause machte, die Zeit abpaßte, wann er herauskam, um ihm zufällig zu begegnen, und an nichts anderes dachte als an ihn. Ja, ich wußte bald, ich ihn wirklich und regelrecht liebte, aber es ihm zu sagen, dazu hatte ich nicht den Mut, ja, ich gab mir sogar noch lange Zeit Mühe, es ihn nicht einmal merken zu lassen. Unser Verkehr wurde aber reger, obgleich ich wußte, daß er sich nicht allzu viel aus mir machte; ich benutzte jede Gelegenheit, unsere Beziehungen enger und freundschaftlicher zu gestalten, was auch äußerlich gelang, ohne daß es jedoch trotz größter Anstrengung meinerseits zu einer wirklichen Freundschaft kam. Es lag überhaupt in K.'s Wesen, daß er keine Freunde besaß, und so hatte ich in dieser Zeit eigentlich nur einmal Gelegenheit, die Qualen der Eifersucht kennen zu lernen; doch gerade diese Eifersuchtsanwandlung, die mir ordentlich zu schaffen machte, brachte mir gleichzeitig volle Gewißheit über meine homosexuelle Liebe. Schließlich wurde das Gefühl, das mich zu ihm hinzog, so übermächtig, und ich wurde der Heuchelei vor ihm und vor mir selbst so müde, daß ich ihm eines Abends, als wir in seinem Zimmer zusammen arbeiteten, um den Hals fiel, ihn mit Küssen überschüttete und ihm alles beichtete. Er nahm diesen Ausbruch etwas verwundert, aber doch ganz ruhig hin, jedenfalls ohne zu begreifen, um was es sich eigentlich handelte.
Die nun folgenden Wochen waren die bisher schönsten meines Lebens, fast jeden Abend waren wir zusammen, ich half ihm bei allen seinen Schularbeiten, und wenn wir damit fertig waren, saßen wir eng aneinander geschmiegt und sprachen über alles und nichts. Doch es waren leider nur wenige Wochen; denn genau zur selben Zeit stellte sich auch bei meinem K. die Liebe ein — aber nicht zu mir, sondern zu einem kleinen Mädchen. Und wenn ich jetzt nachmittags zu ihm kam, dann hatte er mir von nichts anderem zu erzählen, als von ihr, und auf dem Schulwege sprach er mit mir von ihr, und abends ging ich mit ihm fort dahin, wo er sie treffen wollte, und wartete, bis sie kam, sprach ein paar Worte mit ihr, ging ein paar Schritte mit und verabschiedete mich dann, um die beiden allein zu lassen — ich war ja überflüssig. Ich kann nicht gerade sagen, daß ich auch hier eifersüchtig war, im Gegenteil: es floß wohl auch ein Teil meiner Liebe zu K. auf seine Freundin über, da sie es ja war, die ihn glücklich machte. Aber das Herz blutete mir doch, wenn er mir z. B. seine Tagebücher gab, in denen nur von ihr stand, was sie tat und sagte und dachte, und wo ich kaum mal mit einem Worte erwähnt wurde. Am meisten jedoch schmerzte mich, daß er sich energisch weigerte, meine Küsse und Zärtlichkeiten weiter zu dulden; denn gerade weil ich ihm klar gemacht hatte, daß meine Empfindungen zu ihm wahre Liebe seien, weil ich ihn mit allen Mitteln, die mir damals zu Gebote standen, überzeugt hatte, daß meine Liebe zu ihm etwas Berechtigtes sei, wie die zwischen Mann und Weib, gerade darum behauptete er, ihr untreu zu werden, wenn er sich noch ferner von mir küssen ließe. „Freunde können wir ja bleiben“, sagte er, „denn ich habe dich ganz gern, aber nicht anders wie andere Freunde wollen wir sein.“
Und so blieben wir Freunde noch zwei Jahre lang, und ich schmeichle mir, wenigstens in der ersten Zeit einen recht guten Einfluß auf ihn ausgeübt zu haben; nicht nur, daß ich ihm bei seinen Arbeiten half, sondern ich versuchte auch, ihm etwas höhere Interessen beizubringen, als er sie leider besaß, ihn zu veranlassen, sich auch mit wissenschaftlichen, politischen &c. Fragen zu beschäftigen, auf die ihn die Erziehung, die er gehabt hatte, das Milieu, in dem er lebte, und seine eigene Interesselosigkeit bisher nicht hingewiesen hatten. Meine Liebe zu ihm blieb lange Zeit mit unverminderter Stärke bestehen, und noch heute bin ich von dieser Leidenschaft nicht ganz geheilt.
Im Laufe dieser Jahre bin ich allmählich auf meine Veranlagung aufmerksam geworden, zuerst wohl nach der negativen Seite hin. Wenn meine Mitschüler allmählich anfingen, von ihren Liebsten zu erzählen, deren Namen in die Schulbänke einzukratzen, bei jeder Gelegenheit ihnen Ansichtskarten zu schreiben, so dachte ich zunächst, besonders da ich immer einer der Jüngsten in der Klasse war, das würde mit der Zeit bei mir auch noch kommen. Und dabei ahnte ich nicht, daß die Zuneigung zu meinem K. nichts anderes als wirkliche, wahrhaftige Liebe war, stärker vielleicht und tiefer, als sie die meisten anderen zu ihren Mädels empfanden. Erst durch einige Analogieen, die mir zufällig auffielen, kam nur eine Ahnung des wahren Sachverhalts. Wie jeder richtig Verliebte machte ich meine Fensterpromenaden, ging täglich, so oft wie möglich, und wenn es die größten Umwege kostete, an seinem Hause vorbei und war glücklich, wenn er mal am Fenster stand. So dämmerte es in mir auf, und nun einmal aufmerksam geworden, unwillkürlich weitere Anhaltspunkte suchend, kam ich bald zur Klarheit über mich. Ich entsinne mich z. B. noch genau, welch tiefen Eindruck es auf mich machte, als meine Mutter einmal scherzend zu mir sagte: „Paul, Paul, wer immer so allein spazieren geht, der ist verliebt“; ich hatte ja tatsächlich meinen Bruder nur darum nicht mitnehmen wollen, um, wenn ich ihn treffen sollte, allein mit ihm zu sein.“
„Feste Verhältnisse“ homosexueller Männer und Frauen, oft von sehr langer Dauer, sind in Berlin etwas ganz außerordentlich Häufiges.
Man muß an vielen Beispielen wahrgenommen haben, mit welcher Innigkeit in solchen Bündnissen häufig der eine an dem anderen hängt, wie sie für einander sorgen und sich nach einander sehnen, wie sich der Liebende in die ihm oft so fern liegenden Interessen des Freundes hineinversetzt, der Gelehrte in die des Arbeiters, der Künstler in die des Unteroffiziers, man muß gesehen haben, welche seelischen und körperlichen Qualen diese Menschen nicht selten infolge Eifersucht erleiden, wie ihre Liebe alles überdauert und alles überwindet, um allmählich inne zu werden, daß kein „Fall widernatürlicher Unzucht“ vorliegt, sondern ein Teil jener großen Empfindung, die nach der Ansicht vieler dem Menschendasein erst Wert und Weihe giebt.
Ich behandelte einst eine adelige Dame, die seit einer Reihe von Jahren mit einer Freundin zusammen lebte, an einem schweren Nervenleiden. Weder vorher noch nachher habe ich in meiner Krankenpraxis ein so liebevolles Aufgehen eines Gesunden in einen Kranken gesehen, wie in diesem Fall, weder unter Ehegatten, noch selbst bei Müttern, die sich um ihre Kinder bangten. Die gesunde Freundin war keine angenehme Mitbürgerin, sie hatte viel Rücksichtsloses und Eigenwilliges, wer aber diese wahrhaft ergreifende Liebe und Sorgfalt sah, dieses unablässige Bemühen bei Tage und bei Nacht, hielt ihr um dieses starken und schönen Gefühls willen vieles zu gute. Sie war mit ihrer Freundin tatsächlich wie verwachsen, berührte man ein schmerzhaftes Glied der Kranken, so zuckte sie reflektorisch zusammen, jedes Unbehagen der Leidenden spiegelte sich in ihrem Gesicht wider, mangelhafter Schlaf und schlechter Appetit übertrugen sich auf die gesunde Freundin. Der Fall war übrigens auch dadurch bemerkenswert, daß auch das Personal der Patientin, sowohl die Krankenschwester, wie das Dienstmädchen, einwandfrei urnisch waren.
Unweit diesem Paare lebte ein anderes. Er war Referendar, sein etwa 18jähriger Freund Damenschneider. Dieser war so feminin, daß ich dem Referendar einmal bemerkte, so gut wie in dieses Neunzehntel-Weib hätte er sich doch auch in ein ganzes Weib verlieben können. Unter anderem war seine Stimme so weiblich, daß, wenn er telephonisch nach mir verlangte, was im Interesse seines Freundes einige Male vorkam, mein Sekretär stets meldete. „Eine Dame wünscht sie zu sprechen.“ Beide lebten in großer Harmonie, tags ging jeder seinem Berufe nach, der eine auf das Gericht, der andere in die Schneiderwerkstatt. Als der Referendar Berlin verließ, nahm er den Freund mit sich. Dieser hatte zuvor seinen Vater, einen biederen Berliner Handwerker, um eine aufklärende Unterredung gebeten, bei der, wie er mir schamhaft erzählte, das Zimmer verdunkelt werden mußte. Der Vater war garnicht verwundert, er habe schon längst ähnliches vermutet, und erklärte sich mit allem einverstanden.
Der kleine Damenschneider hatte einen Arbeitskollegen, der nicht minder mädchenhaft war, wie er selbst. Ihr Beruf ist mehr wie irgend ein anderer in Berlin von urnischen Elementen durchsetzt. Dieser Kollege verliebte sich in den Bruder des Referendars, einen Ingenieur, der kurz vorher wegen unglücklicher Liebe zu einem Studenten einen ernsthaften Selbstmordversuch unternommen hatte. Als er schwer verletzt im Krankenhause lag, hatten sich die beiden gleichveranlagten Brüder, die bis dahin nichts von einander wußten, zu erkennen gegeben. Allmählich entwickelte sich nun zwischen dem Ingenieur und dem anderen Damenschneider ein zweites Liebesbündnis, und es entbehrte nicht einer gewissen Drolligkeit, wenn die beiden schön und stark gewachsenen Brüder mit ihren Schneiderlein Willi und Hans — nicht viel anders wie andere mit ihren Putzmacherinnen — am Sonntag den Grunewald durchstreiften.
Daß sich die Eltern mit der urnischen Natur, ja sogar mit dem homosexuellen Leben ihrer Kinder abfinden, ist in Berlin durchaus nichts Seltenes.
Vor kurzem wohnte ich auf einem Berliner Vorortkirchhof der Beerdigung eines alten Arztes bei. Am offenen Grabe standen der einzige Sohn des Verstorbenen, zur Rechten die bejahrte Mutter, an der andern Seite der zwanzigjährige Freund, alle drei in tiefster Trauer. Als der Vater, bereits über 70 Jahre alt, vom Uranismus seines Sohnes hörte, war er der Verzweiflung nahe, er suchte mehrere Irrenärzte auf, die ihm mancherlei raten, aber nicht helfen konnten. Dann vertiefte er sich selbst in die Litteratur über den Gegenstand und erkannte mehr und mehr, daß sein Sohn, den er über alles liebte, von Geburt an homosexuell gewesen war. Bei seiner Niederlassung hatte er nichts dagegen, daß er den Freund zu sich nahm, ja die guten Eltern übertrugen ihre volle Liebe auf den jungen Mann, der aus einfachstem Stande hervorgegangen war. Beide hatten auf einander sichtlich einen guten Einfluß; während sie einzeln nur schwer imstande gewesen wären, vorwärts zu kommen, gelang es ihnen zu zweit vortrefflich, indem das Wissen und die Liebenswürdigkeit des einen in der Energie und Sparsamkeit des anderen ihre Ergänzung fanden.
Auf dem Sterbelager nahm der alte Doktor von seiner Frau und seinen „beiden Jungen“ Abschied und der Anblick dieser drei Menschenkinder, wie sie unter den Klängen des Mendelsohnschen Liedes: „Es ist bestimmt in Gottes Rat“ ihre Tränen und Trauer vereinigten, griff ungleich tiefer in die Seele, als die Rede des jungen Pfarrers, der in schrillem Tonfall die Taten des ihm gänzlich unbekannten Toten pries.