Nicht vereinzelt kommt es in Berlin vor, daß urnische Junggesellen sich bei den Familien ihrer Freunde einmieten und dort wie Angehörige des Hauses angesehen werden. Es gibt Mütter, selbst wissende, die oft in überschwänglicher Weise das Glück preisen, daß ihr Sohn einen so großartigen Freund, ihre Tochter eine so ausgezeichnete Freundin gefunden; diese Freundschaft sei ihnen viel lieber, als wenn sich ihr Sohn mit Mädchen herumtreibe, ihre Tochter sich von Männern den Hof machen ließe. Verstieg sich doch einmal eine Mutter, die mich wegen eines geschlechtlich infizierten Sohnes aufsuchte, zu dem merkwürdigen Ausspruch: „Ich wünschte, mein zweiter Sohn wäre auch homosexuell.“ Manchmal liebt der Freund den Sohn des Hauses und wird von der Tochter geliebt, wie überhaupt zwischen den verschiedenen normalsexuellen und homosexuellen Personen desselben Kreises hie und da ganz sonderbare Verwicklungen vorkommen. Für den Psychologen und Schriftsteller, welcher das urnische Moment in den Beziehungen der Menschen untereinander zu erkennen weiß, erweitern sich dadurch die der Beachtung und Darstellung würdigen Konflikte in ungeahnter Weise.
Ich kannte in Berlin einen Uranier, der die Schwester eines Jünglings heiratete, nur um mit dem Bruder oft und unauffällig zusammen sein zu können. Die Ehe, welche in Wirklichkeit keine war, ging nach einigen Jahren auseinander, nachdem der normalsexuelle Bruder seinen Schwager — nicht etwa im Bösen, sondern im Guten — um sein ganzes beträchtliches Vermögen gebracht hatte.
Ein anderer Homosexueller liebte einen Mann, welcher mit einem Mädchen ein inniges Liebesverhältnis anknüpfte. Der Urning war auf das Mädchen sehr eifersüchtig, und auch diese war auf den Freund, der ihren Geliebten so viel in Anspruch nahm, nicht gut zu sprechen. Der Mann aber hielt auch dem Mädchen nicht die Treue und bereitete ihr ebenso wie dem Freunde durch seine leichtsinnigen Streiche vielen Kummer. Beide kannten sich nicht persönlich. Eines Morgens aber kam das Mädchen zu dem Urning, um ihm mitzuteilen, daß dem Freunde während der Nacht ein schwerer Unfall zugestoßen sei. Die gemeinsame Sorge machte sie allmählich zu Freunden. Da entzweite sich der Mann und sein Mädchen, sie war bitterböse und schien unversöhnlich, er aber hielt es vor Sehnsucht nicht aus, es trieb ihn immer wieder zu ihr, sie aber wies ihm die Türe. Schließlich wandte er sich hilfeflehend an seinen urnischen Freund, und dieser, der sich schon im stillen gefreut hatte, daß das so quälende Liebesverhältnis zu Ende sei, ging zu dem Mädchen und versöhnte beide.
Solche und ähnliche Falle könnte ich aus der lebendigen Quelle des Berliner Lebens in großer Zahl berichten — doch wir wollen jetzt von dem Leben und Leiden einzelner Urninge zu dem Leben und Treiben urnischer Gruppen übergehen.
Denn wenn auch viele Uranier in selbstgewählter Einsamkeit leben, die nirgends so erreichbar ist, wie in weltstädtischer Menschenfülle, andere wiederum sich ausschließlich einer einzigen Person widmen, so ist doch die Zahl derer nicht minder groß, welche mit anderen homosexuellen Personen und Kreisen Fühlung suchen, und auch hier bietet sich in Berlin überreichliche Gelegenheit.
Es ist recht bedauerlich, daß sich manche Urninge, die durch ihr Wesen und Wissen jedem Kreise zur Ehre gereichen würden, schließlich in normalen Gesellschaften überhaupt nicht mehr wohl fühlen. Die erheuchelten Komplimente und Interessen, die ihnen besonders häufig zuerteilten Damentoaste werden ihnen immer peinlicher, und wenn sie einmal die Geselligkeit kennen gelernt haben, in der sie sich frei geben können und Verständnis finden, ziehen sie sich aus andern Kreisen mehr und mehr zurück.
Daß gesellige Leben der Urninge untereinander pulsiert in Berlin in mannigfacher Gestaltung, sowohl in geschlossenen, als auch in allgemein zugänglichen Zirkeln ungemein lebhaft. Größere und kleinere Gesellschaften von Homosexuellen für Homosexuelle sind zu jeder Jahreszeit, namentlich aber im Winter, an der Tagesordnung.
Vielfach beschränken sich dieselben auf eine bestimmte soziale Schicht, auf gewisse Stände und Klassen, doch werden die Grenzen schon um der Freunde willen bei weitem nicht so streng innegehalten, wie dies bei Normalsexuellen üblich ist. Mancher Urning würde nichts so übel nehmen, als wenn man seinem Freunde, und sei er noch so einfachen Herkommens, die gesellschaftliche Ebenbürtigkeit absprechen würde.
Ich werde in Anerkennung meiner Arbeit für die Befreiung der Homosexuellen oft ersucht, Gesellschaften gleichsam als Ehrengast beizuwohnen, und wenn ich auch nur einen kleinen Teil dieser Aufforderungen annehme, so haben sie mir doch einen genügenden Einblick in das gesellige Leben der Berliner Urninge verschafft.
Einmal war ich in besagter Eigenschaft auf einer Gesellschaft unter lauter homosexuellen Prinzen, Grafen und Baronen. Außer der Dienerschaft, die nicht nur in Bezug auf die Zahl, sondern auch in Hinsicht auf ihr Äußeres besonders sorgfältig ausgewählt schien, unterschied sich die Gesellschaft in ihrem Eindruck wohl kaum von Herrengesellschaften derselben Schicht. Während man an kleinen Tischen sehr opulent speiste, unterhielt man sich anfangs lebhaft über die letzten Aufführungen Wagnerscher Werke, für welche fast alle gebildeten Urninge eine auffallend starke Sympathie hegen. Dann sprach man von Reisen und Literatur, fast gar nicht über Politik, um allmählich zum Hofklatsch überzugehen. Sehr eingehend verweilte man beim letzten Hofball, auf dem das Erscheinen des jungen Herzogs von X. viele Urningherzen hatte höher schlagen lassen, man schwärmte von seiner blauen Uniform, von seiner bestrickenden Liebenswürdigkeit und berichtete, wie man es erreicht hätte, seiner königlichen Hoheit vorgestellt zu werden. Dann erzählte man sich Anekdoten über abwesende Urninge der Hofgesellschaft, von denen mir eine, die besonders herzhaft belacht wurde, im Gedächtnis geblieben ist. Ein Fürst war kurz zuvor bei einem homosexuellen Magnaten, von dessen urnischer Natur er so wenig eine Ahnung hatte, wie von der anderer Herren seiner Umgebung, zur Jagd geladen. Der hohe Gast war des Morgens unerwartet früh aufgestanden, um sich im Schloßgarten zu ergehen. Als er den Korridor kreuzte, erblickte er seinen Gastgeber, der zu so zeitiger Stunde nicht auf diese Begegnung vorbereitet war, in einem höchst sonderbaren Anzuge oder besser Aufzuge; der allseitig sehr abgerundete Gutsherr trug eine rotsammtene, mit Blumen und Spitzen reichbesetzte Matinée. Der Anblick dieser Gewandung war so komisch, daß der fürstliche Besucher in einen förmlichen Lachkrampf verfiel.