Eine andere Gesellschaft, der ich beiwohnte, fand in den Sälen eines der vornehmsten Berliner Hotels statt. Ein wohlhabender Uranier feierte sein Namensfest. Es waren mit geringer Ausnahme nur Freundespaare zugegen, von denen die meisten schon seit Jahren zusammenlebten; jeder führte sein „Verhältnis“ zu Tisch. Dem Festmahl ging im Nebensaal auf einer aufgeschlagenen Bühne eine Theatervorstellung voraus, bei der ausschließlich Homosexuelle mitwirkten. Nach einigen Soloscherzen trug der Gastgeber vortrefflich in Maske und Spiel eine Szene als Falstaff aus den Lustigen Weibern von Windsor vor, dann gab man Nestroys Wiener Posse: „Eine Vorlesung bei der Hausmeisterin“. Alle weiblichen Rollen, an denen es in diesem Stücke nicht fehlt, lagen in den Händen femininer Urninge, namentlich erregte ein bekannter Baron in der Titelrolle durch seine natürliche Darstellungsweise stürmische Heiterkeit. Nach dem Diner folgte Tanz, und trotzdem die Weine reichlich flossen, geschah nichts Indezentes. Da einige Gäste in Damentoilette waren, machte man sich den harmlosen Spaß, Urningen, die sich besonders männlich vorkamen, weibliche Kleidungsstücke, wie Hüte und Shawls anzulegen; manche machten gute Miene zum bösen Spiel, andere aber wurden recht verdrießlich, denn man findet Urninge, denen alles, was zum Weibe gehört, so wenig zusagt, daß ihnen der Gedanke, selbst Weibliches an sich zu haben, unerträglich ist.

Auch in minder bemittelten Urningskreisen sind Gesellschaften in Berlin sehr beliebt und verbreitet. Ich greife auch hier ein Beispiel ans der Erinnerung heraus. Ein mit Glücksgütern nicht sehr gesegneter Homosexueller beging seinen Geburtstag. In einer kleinen Vorortskneipe hatten sich die Geladenen, darunter seine zwei normalsexuellen Brüder, eingefunden. Man tat sich an Bockwürsten, Kartoffelsalat und Schweizerkäse gütlich, während der Sohn des Wirtes die Gassenhauer des Tages auf dem Klaviere zum besten gab. Dann trat „Schwanhilde“, auch „Herr Schwan geborene Hilde“ genannt, ein bekannter Berliner Urning, auf. Er stellte eine Berliner Köchin, welche zum Theater gehen wollte, dar und wirkte besonders belustigend, als er zum Schluß die Barfußtänzerin Isadora Duncan parodierte. Ein Damenimitator niedrigster Gattung, der zufällig im Vorraum der Wirtschaft saß, wurde gebeten, sein Repertoire vorzutragen. Dazwischen trat ein echter Mann auf, ein Kohlenträger vom Landwehrkanal, ein „schwerer Junge“, mit tätowierten Armen, glattangelegtem Scheitel, gestricketem Sweater und jener eigentümlichen Mischung von Plumpheit und Grazie, wie sie den Arbeitern dieser Gattung eigen zu sein pflegt. Er sang eine große Reihe nicht eben dezenter Lieder im Berliner Volkston, ohne eine Spur von Stimme, mit vielen Sprachfehlern, jeden Satz unterstützt von grotesken Bewegungen, denen zwischen den Versen Drehungen des Körpers folgten, alles in seiner Ungeschicklichkeit so zusammenpassend, daß es nicht ohne Wirksamkeit war. Allmählich rückte man Tische und Stühle bei Seite und ging zum Tanze über, bei dem sich eine Episode von schwer wiederzugebender Situationskomik ereignete. Als man mitten im Tanzen war, trat plötzlich — die Polizeistunde war längst überschritten — ein Schutzmann mit strenger Amtsmiene ein. Nur einen Augenblick stockte die fröhliche Stimmung, dann faßte einer der Anwesenden — ein urnischer Musiker — den Schutzmann rasch entschlossen um die Taille und walzte mit ihm los. Dieser war so verblüfft, daß er kaum Widerstand entgegensetzte, eifrig mittanzte und sich bald mit dem Wirtssohn und dem Kohlenträger in die Rolle des begehrtesten und aufgefordertsten Tänzers teilte.

Es gibt natürlich auch viele urnische Gesellschaften, die einen ungleich ernsteren Charakter tragen. So sammelte ein alter Berliner Privatgelehrter jeden Winter mehrere Male einen kleinen Kreis um sich in seinem künstlerisch ausgestatteten Heim. Es waren meist zehn bis zwölf Herren aus akademischen Ständen zugegen, von denen nur zwei bis drei nicht homosexuell waren. Der Alte, welcher seine Gäste mit schweren Südweinen, Austern, Hummern und ähnlichen Leckerbissen bewirtete, hatte noch Alexander v. Humboldt und Iffland gekannt, war mit Hermann Hendrichs und Karl Ulrichs befreundet gewesen und schien unerschöpflich in der Wiedergabe seiner Erinnerungen. Die Gespräche berührten fast ausschließlich das homosexuelle Problem. Da debattierte ein jüngerer katholischer Geistlicher mit einem schon ergrauten evangelischen Pfarrer über Uranismus und Christentum; mehrere Philologen stritten sich über Shakespeares Sonette, während die Juristen und Mediziner die Frage erörterten, inwieweit sich der § 51 des R.-St.-G.-B., welcher von dem Ausschluß der freien Willensbestimmung handelt, schon jetzt zu Gunsten der Homosexuellen verwenden ließe.

Den ernstesten Charakter unter den Gesellschaften der Berliner Urninge tragen die am Weihnachtsheiligabend veranstalteten Zusammenkünfte. Mehr als an jedem anderen Tage fühlt an diesem Feste des Familienglücks der urnische Junggeselle sein einsames Los. Viele würden den Abend noch trauriger verleben, wenn unter den wohlhabenden Homosexuellen nicht stets einer oder der andere wäre, der die Heim- und Heimatlosen um sich sammelte.

Ich greife auch hier ein Bild aus der Großstadt heraus.

Schon am Tage vor dem Fest hatte der Hausherr den Weihnachtsbaum, eine große Silbertanne, selbst geschmückt; alles Bunte wurde vermieden, zwischen den weißen Wachskerzen sind Silberguirlanden, Eiszapfen, Schneeflocken, Glaskugeln und Engelhaar, das sich wie Spinngewebe von Ast zu Ast zieht, geschmackvoll angebracht, und hoch am Wipfel ist ein großer Silberstern befestigt, auf dem ein Posaunenengel im lichten Tüllgewand „Friede den Menschen auf Erden“ verkündigt. Dann wurden die kleinen Geschenke fein säuberlich in Seidenpapier geschlagen und um den Baum herumgelegt, für jeden etwas: ein Kalender, ein Buch, ein kleiner Schmuckgegenstand, wohl gar ein Kettenring, ein Taschenspiegel, eine Schnurrbartbinde. In der Frühe des Vierundzwanzigsten hat der Hausherr das große Tischtuch von feinstem Leinen aus dem Schranke hervorgeholt, mit dem Diener die Tafel gedeckt, das Silber verteilt, die Servietten gefaltet, mächtige Obstschalen gefüllt, jeden Teller mit einem Blumensträußchen versehen und vor den Kristallgläsern zierliche Tischkarten gelegt. Dabei kommt man manchmal bei diesem ober jenem der Eingeladenen in nicht geringe Verlegenheit, wenn man sich seines wirklichen Namens nicht entsinnen kann. Man hat ihn das ganze Jahr mit einem weiblichen Spitznamen angeredet, von dem man aber an diesem Abend gern Abstand nehmen möchte.

Noch eine zweite Tafel wird im Korridor gedeckt, dort sollen die Kinder und das Dienstpersonal ihr Weihnachtsmahl einnehmen — jawohl die Kinder — ein seltener Anblick im Urningsheim. Man hat nämlich zur Bescheerung die zwei Kleinen der Waschfrau und die drei Enkel des Portiers geladen. Es wird Wert darauf gelegt, daß am Nebentisch dieselben Gerichte wie an der Haupttafel genossen werden und daß auch hier alles recht feierlich aussieht.

Der Beginn ist erst auf 8 Uhr festgesetzt, da einige vorher in einem verwandten oder befreundeten Hause der Bescheerung angewohnt haben, ehe sie in den Kreis ihrer Freunde kommen. Endlich, als alle eingetroffen, verschwindet der Hausherr in den bis dahin verschlossenen Salon, zündet die Kerzen an, wirft noch einen Blick auf die Geschenke und ruft zunächst die Kinder und jenen Gast herein, der ihre Weihnachtslieder am Klavier begleiten soll. Nun werden die Doppeltüren geöffnet, und hell tönen die Kindergesänge von der stillen, heiligen Nacht und der seligen, fröhlichen Weihnachtszeit.

Tiefer Ernst liegt auch auf allen Zügen, in manchem Auge blinkt eine Träne, selbst die „lange Emilie“, der sonst immer lustige Damenkonfektionär, kann seine Rührung nicht bemeistern. Weit, weit zurück ziehen die Gedanken der Uranier in jene Zeiten, in denen ihnen dieser Tag auch ein Familienfest war, als noch nichts gemahnte, daß ihr Geschick sich so ganz anders gestalten würde, wie das der längst verheirateten Geschwister; erst ganz allmählich öffnete sich die Kluft, die sie von den Ihren trennte, dann kamen die langen Jahre, wo sie diesen Abend friedlos und freudlos im Restaurant oder bei „einem guten Buch“ im „möblierten Zimmer“ verbrachten. Manche gedenken ihrer zerstörten Hoffnungen, was hätten sie leisten können, wenn sich nicht alte Vorurteile ihrer Laufbahn hindernd in den Weg gestellt hätten, und andere in angesehenen Stellungen gedenken der schwer auf ihnen lastenden Lebenslüge! Viele gedenken der Eltern, die tot oder für die sie tot sind, und alle in inniger Wehmut des Weibes, das sie über alles liebte und das sie über alles liebten — ihrer Mutter.

Jetzt sind die Kinderstimmen verklungen, man reicht sich die kleinen Gaben, beschenkt besonders reichlich die Kinder und die Dienstboten und setzt sich zu Tisch. Die Tafelgespräche sind nicht so fröhlich wie sonst; man spricht von dem guten X., der letztes Jahr noch am heiligen Abend teilnahm, und den nun auch schon die Erde deckt.