Langsam läßt die Spannung nach, der Ton wird etwas heiterer, aber der ernste Unterton bleibt, und über dem ganzen Abend ruht ein Hauch weltschmerzlicher Sentimentalität.
„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden! Wann endlich“ — so schrieb mir vor einigen Jahren ein Homosexueller am Weihnachtsheiligabend — „Wann endlich wird man erkennen, daß auch zu uns der Erlöser kam, daß auch wir nicht ausgeschlossen sein sollten von seiner gütigen, edlen, barmherzigen, allumfassenden Liebe?“
Es war in der Frühe des letzten Weihnachtsmorgens, als ich zu einem urnischen Studenten im Westen Berlins gerufen wurde, von dem es hieß, daß er in der Nacht einen Tobsuchtsanfall gehabt hätte.
Als ich zu ihm kam, bot sich mir ein furchtbarer Anblick; das ganze Zimmer war erfüllt von Scherben und Möbelstücken, zerrissenen Tüchern, Büchern und Papieren, alles mit Blut, Tinte und Petroleum vermischt. Vor dem Bette befand sich eine große Blutlache, und auf der Bettstatt lag ein junger Mann mit wachsbleichem Gesicht, aus dem seltsam tiefe, flammende Augen hervorleuchteten, schwarze Strähnen umgaben die feingeschnittenen, regelmäßigen Züge. Um Stirn und Arme waren blutdurchtränkte Lappen geschlungen.
Er hatte sich wegen seines Uranismus mit seinem strengen Vater, einem angesehenen Bürger Berlins, überworfen, keiner gewann es über sich, dem andern gute Worte zu geben, und nun war er am Heiligabend, dem ersten, den er fern von der Familie verlebte, herumgeirrt durch die menschenleeren Straßen der Millionenstadt. Von der Gegenseite der Straße hatte er, in einem dunklen Gange sich herumdrückend, die glänzenden Lichter in der Wohnung der Eltern gesehen, das Lachen der jüngeren Geschwister war an sein Ohr gedrungen, und für einige Augenblicke schaute er die Umrisse der Mutter, die während des Kinderjubels sinnend ihre Stirn an die Fensterscheiben lehnte.
Als sie oben die Lichter löschten, war er in die nächste Budike gegangen, hatte an einem abgelegenen Ecktisch ein Schnapsglas nach dem andern geleert, in einer zweiten und dritten Destille das Gleiche getan und in verödeten Kaffeehäusern für schwarzen Kaffee mit Kirsch sein letztes Geld verausgabt.
Nachdem er dann in der kalten Winternacht heimgekehrt und die vier Treppen im Hofe heraufgewankt war, hatte sich seiner ein ungeheurer Erregungszustand bemächtigt. Er hatte alles zertrümmert und die brennende Lampe zerschlagen in der Erwartung, daß er sich an geöffneten Pulsadern verbluten würde. Ein von den Wirtsleuten eilends herbeigerufener Arzt hatte durch die Türspalte gelugt und rasch ein Attest zur Überführung in die Irrenabteilung der Charité geschrieben.
Ein Freund des Kranken holte mich zu ihm; ich wusch und verband ihm an jenem Weihnachtsvormittag eine Wunde nach der andern; er klagte nicht und sprach kein Wort, aber die flammenden Augen sprachen und die blassen Lippen sprachen und jede einzelne Wunde sprach von seinem tiefen Leide und der hohen, heiligen Aufgabe derer, die an dem Befreiungswerke der Uranier arbeiten. —
Neben den Privatgesellschaften, Diners, Soupers, Kaffees, 5 Uhr Thees, Picknicks, Hausbällen und Sommerfesten, die die Berliner Homosexuellen in nicht geringer Menge veranstalten, sind die Jours fixes zu erwähnen, von denen jeden Winter einige von Urningen und Uranierinnen für ihre Freunde und Freundinnen eingerichtet werden.
Sehr bekannt war jahrelang der Sonntag-Nachmittags-Empfang bei einem urnischen Kammerherrn, auf dem viele Personen von Rang und Stand erschienen. Die leibliche Bewirtung besteht hier meist in Tee und Gebäck, die geistige in musikalischen Darbietungen. Letzten Winter war es besonders der Jour fixe eines urnischen Künstlers, der sich großer Beliebtheit erfreute. Der überaus gastfreundliche Wirt empfing seine Gäste, unter denen sich viele homosexuelle Ausländer, namentlich aus den russischen Ostseeprovinzen und den skandinavischen Ländern, sowie auch oft homosexuelle Damen befanden, in einer Art Zwischenstufengewand, einem Mittelding zwischen Prinzeßrobe und Amtsrobe. Die Musikvorträge, zumal die Gesänge des Hausherrn in Baryton und Alt und das Klavierspiel eines dänischen Pianisten standen künstlerisch auf der Höhe. Man sah dort regelmäßig einen österreichischen Studenten der Chemie, der stets schweigsam und ernst dasaß, sich aber sichtlich unter Seinesgleichen wohl fühlte, da er immer wiederkam. Im Frühjahr, als die Zusammenkünfte zu Ende waren und der Russe Berlin verließ, ging jener Student eines Abends in eine Urningskneipe und ließ sich vom Klavierspieler Koschats „Verlassen“ spielen; als die melancholische Weise erklang, nahm er unbemerkt ein Stückchen Cyankali, das ihn in wenigen Sekunden leblos zu Boden streckte. „Selbstmord aus unbekannten Gründen“ verzeichnete der Polizeibericht, in Wirklichkeit der Selbstmord eines Homosexuellen, wie er sich in Berlin nur allzu oft ereignet.