Nicht immer ist die Homosexualität die direkte Ursache, aber fast stets ist der indirekte Zusammenhang zwischen der Homosexualität und dem gewaltsamen Ende leicht nachweisbar. Da ist ein urnischer Offizier, im Kadettenkorps erzogen, mit Leib und Seele Soldat, er hatte sich außerdienstlich eine homosexuelle Handlung zu Schulden kommen lasten, sie wurde lautbar, und ein schlichter Abschied war die Folge. Er hat nichts anderes gelernt, als sein Kriegshandwerk, nun sucht er kaufmännische Stellungen, sucht, findet und verliert eine nach der andern, die Familie will nichts mehr von ihm wissen, er steht allein, verliert jeden Halt, sinkt immer tiefer, greift zum Alkohol, zum Morphium und endlich zur erlösenden Waffe. So kenne ich viele Tragödien; erst vor wenigen Wochen endete ein früherer Leutnant auf diese Weise. „Ursache: Schulden“, schrieben die Zeitungen; jawohl, Schulden, aber die Grundursache lag tiefer, es war der Verlauf, wie ich ihn soeben schilderte; — an der Homosexualität war er zu Grunde gegangen.
Vor einigen Tagen nahm ich einem homosexuellen Lehrer, der mich aufsuchte, ein Fläschchen Blausäure fort. Er hatte keine strafbare Handlung begangen, sich nie gleichgeschlechtlich betätigt; er war eben erst in den Schuldienst getreten, als dem Direktor ein anonymes Schreiben zugegangen war, der neue Lehrer sei ein Päderast; der Chef ließ ihn kommen, und auf Befragen gab er zu, homosexuell veranlagt zu sein. Man gab ihm den wohlmeinenden Rat, auf seine Entlassung anzutragen, er tat es, fand aber nicht den Mut, es seiner alten Mutter zu sagen, die gedarbt hatte, damit er Lehrer werden könne. Nun irrte auch er nach Stellung umher in dem großen Berlin, in dem es so viele Stellen, aber so viel mehr Stellenlose gibt.
Es sind gewiß mehr als zwanzig Homosexuelle, die ich im Laufe der letzten acht Jahre vor dem Selbstmord bewahren konnte; ob ich ihnen einen guten Dienst erwies, ich weiß es nicht, und doch erfüllt es mich mit stiller Freude, daß ich ihnen das Leben und sie dem Leben erhalten konnte. —
Einen den geschilderten Jourfixen ähnlichen, wenn auch schon mehr vereinsartigen Charakter tragen die regelmäßigen Zusammenkünfte, wie sie von Homosexuellen an bestimmten Abenden in bestimmten Lokalen veranstaltet werden; auch hier ist es gewöhnlich eine Person, um die sich die anderen gruppieren, nur bewirtet sich jeder aus eigenen Mitteln. Vielbesucht war lange Jahre der Klub „Lohengrin“, welcher sich um einen unter dem Namen „Die Königin“ bekannten Weinhändler zusammenfand. Während hier die Unterhaltung in musikalischen und deklamatorischen Darbietungen bestand, tragen manche dieser Vereinigungen, wie die „Gemeinschaft der Eigenen“, die „Platen-Gemeinschaft“, einen mehr literarischen Charakter. Auch ein Kabaret, das von Urningen geleitet und hauptsächlich von diesen besucht wird, gibt es in Berlin.
Auf allen diesen Veranstaltungen tritt die eigentliche Sexualität genau so zurück wie in den entsprechenden normalsexuellen Kreisen. Das Bindemittel ist lediglich das aus der Gemeinsamkeit der Lebensschicksale sich ergebende Gefühl der Zusammengehörigkeit.
Haben alle die genannten Gesellschaften einen mehr geschlossenen Charakter, so ist die Zahl derer, die allgemein zugänglich sind, noch viel bedeutender. Daß manche Restaurationen, Hotels, Pensionate, Badeanstalten, Vergnügungslokale, trotzdem sie jedermann offen stehen, fast ausschließlich von Urningen besucht werden, wird weniger merkwürdig erscheinen, wenn man bedenkt, daß viel weniger scharf gekennzeichnete Gruppen in Berlin ihre Lokale haben, die fast ganz von ihnen existieren; so gibt es Restaurationen, in denen nur Studenten, nur Schauspieler, nur Artisten verkehren, andere, die nur von Beamten, nur von Kaufleuten bestimmter Waren, von Liebhabern bestimmter Spiele und Sports leben, wieder andere, die nur von Buchmachern, Falschspielern oder irgend einer Verbrecherkategorie besucht werden.
Man kann Lokalitäten unterscheiden, die von Urningen bevorzugt, aber auch von anderen Personen aufgesucht werden, und solche, die lediglich von jenen frequentiert sind. Zu ersteren gehört ein sehr großes Münchener Bierrestaurant der Friedrichstadt, in dem seit Jahren zu bestimmten Stunden stets an hundert Homosexuelle und mehr zu finden sind. Auch in bestimmte Kaffeehäuser ziehen sich die Urninge mit Vorliebe hin, wobei alle paar Jahre ein Wechsel zu beobachten ist; oft sind es Lokale, wo der Wirt oder ein Kellner selbst urnisch sind, meist werden bestimmte Abteilungen der Wirtschaften besonders bevorzugt. Die urnischen Damen treffen sich vielfach in Konditoreien; so befindet sich im Norden der Stadt eine, die täglich zwischen 4 und 6 Uhr nachmittags von urnischen Israelitinnen zahlreich besucht wird, welche hier Kaffee trinken, plaudern, Zeitungen lesen, Skat und mit Vorliebe Schach spielen.
Im Sommer sind es stets gewisse Gartenlokale, in denen sich die Urninge in großer Zahl einfinden, während sie andere, wenigstens in Gruppen, meiden. In einigen dieser Konzertgärten macht sich neben der weiblichen auch die männliche Prostitution bemerkbar.
In einem der vornehmsten Berliner Konzertlokale war vor einigen Sommern das Treiben der Homosexuellen so arg geworden, daß Kriminalbeamte hinbeordert wurden, um dem rücksichtslosen Gebahren, das nicht schwer genug gerügt werden kann, ein Ende zu bereiten.
Es muß der Berliner Polizei zu ihrem Lobe nachgesagt werden, daß agents provocateurs bei ihr außerordentlich selten sind. Es wäre den Beamten gewiß leicht, Homosexuelle herauszufinden, indem sie sich selbst als homosexuell gerierten; es soll dies in früheren Zeiten auch vorgekommen sein; mir ist nur ein Fall bekannt, und zwar spielte sich dieser in dem erwähnten Konzertlokal ab, in dem ein Urning den ihn beobachtenden Kriminalbeamten für Seinesgleichen hielt, glaubte, daß ihm Avancen gemacht würden, und keinen kleinen Schreck bekam, als er auf seine zärtliche Berührung hin arretiert, zur Wache gebracht und später dann auch wegen „tätlicher Beleidigung“ verurteilt wurde.