um diesen Kern und trotzig, widerhaarig, in der Verlegenheit oft betont burschikos und maßlos wird diese Art Mensch, den die hastige Lieblosigkeit der Mitmenschen, in rascher Bequemlichkeit sub Eigenbrödler, Kauz oder verrücktem Sonderling registriert. Dort, wo der also Bezeichnete ein schöpferisch Werkender ist, fügt man noch für sein Verhalten in irgendeinem Falle die Erklärung „Künstlerlaune“ hinzu und glaubt damit auf der Höhe der Erkenntnis zu sein. Täuschen wir uns nicht. Gerade in den heutigen Läuften, wo man jede nur im geringsten regelwidrige Tat schon an großen Ausnahmegesetzen mißt, wo ebenso differenzierte und umfassende Kenntnisse wie geläuterte Menschlichkeit voranssetzende Erforschungs- und Heilungsmethoden wie die der (längst in ihrer Isoliertheit vom Entstehenszentrum unfruchtbar gewordene) Psychoanalyse in die Hände jedes Dilettanten geraten sind, gerade jetzt ist man an Hand rasch entwickelter und volkstümlich gewordener Schlagworte bereit, einen Menschen „wissenschaftlich“ abzustempeln. Vor lauter Wissen ist die menschliche Nähe gegenüber dem anderen verlorengegangen, vor lauter Resultaten das Forschungsbemühen lahm geworden. Man könnte manchmal das Heulen bekommen, wenn man liest, mit wieviel pharisäischem Hochmut jetzt oft ein Popularmediziner eine künstlerische Persönlichkeit im Netz einiger trockener Schemata einzufangen sucht und damit das redliche Werben vergleicht, mit dem mancher nun schon als unzeitgemäß verschollene Biograph um das Erkennen desselben Menschen warb.

Wo Lieblosigkeit der Grundzug einer Zeit ist, da müssen die großen menschlichen Kräfte, die in ihr sich auswirken, verkümmern. Denn Zeiten der Lieblosigkeit sind Zeiten der Disharmonie, in denen nur der Durchschnitt einen Anschluß an das alltägliche Glück findet, weil er in seiner Bedürfnislosigkeit nicht merkt, wie die Welt um ihn aus den geistigen Fugen

ist. Der Bewußte, vor allem aber der Künstler, merkt bald, wie wenig seine innere Welt außer ihm Gestalt annimmt, wie täglich mächtig wachsend die Distanz zwischen ihm und den anderen größer wird und der Riß immer klaffender sich auftut. Es ist ein Unglück, in solchen Zeiten des Übergangs zu leben. Zum mindesten für den Schaffenden, dessen innere Ganzheit Voraussetzung für sein Werk ist. Die aber fehlt, wo es an Kraft mangelt, härter als das harte Leben der chaotischen Umwälzung zu sein und es so formen zu können.

Wir sind im ersten Viertel dieses Jahrhunderts aus dem latenten Stadium der Krise, die seit Hegels, des letzten Systematikers, Tode begonnen hat, in das akute getreten. Die bürgerliche Sicherheit der Volksseele, im Glauben und in Ideologien verwurzelt, ist dahin. Der die Allgemeinheit einigende Grundzug, der große gemeinsame Nenner, ist die Unsicherheit geworden. Im Grunde gibt es heute überhaupt keine Bürger mehr, wenn auch noch Kämpfe gegen täuschend ähnliche Attrappen geführt werden. Wir haben verzweifelnde Gelehrte, Schieber, Ekstatiker, religiös inbrünstig Suchende, politische Fanatiker, aber keine Bürger. Wenigstens soweit irgendeine Aktivität in Frage kommt. Und alle ringen um eine neue Metaphysik, hoffen auf einen Propheten, erwarten den Retter schlechtweg.

Zeiten des Sturzes, Zeiten des Übergangs. Blickt man von ihnen ins Tal der Vergangenheit, wird man doppelt scharf die Gestalten gewahr, die in ähnlichem Zwielicht ihr Leben lebten. Über die verflammende Epoche der Klassik vor hundert Jahren fielen schon die Schatten des aufgehenden Zeitalters der Vertatsächlichungen, das bis zu unseren Stunden des völligen Zusammenbruchs jedes geistigen Himmels andauerte. (Um Mißverständnisse zu vermeiden: nicht unter dem fürchtenden Gesichtspunkt „Die Sintflut über uns“, sondern unter dem hoffenden

„Nach der Sintflut das Neue“ wird diese Entwicklung gesehen.) Die schaffenden Menschen dieser Epoche haben, in der Parallelität von Anfang und Ende, viel Gemeinsames mit uns. Nicht umsonst nehmen auf den Bühnen des Landes Georg Büchner, Grabbe und Friedrich Hebbel einen erstaunlich breiten Platz ein. Eine Zeit, die innerlich rauh und ungar ist, muß, gleich diesen Dichtern, wie Scherer einmal formulierte, immer nur den Schmerz der Schranke empfinden, ohne ihn durch den Reiz des Maßes zu besiegen. Aber Scherer sah nur die eine Seite dieses Mißverhältnisses, den unausgefüllten Raum zwischen Wollen und Können. Die unerhörte Intensität des Seins solcher Menschen, denen noch immer die Lösung der letzten Distanz von Leben und Werk mißlang, sie sah er nicht, sie, die aus dem eben nicht zum Werk herausgereiften Leben ein Drittes gestaltet, das oft fast kostbarer ist als die beiden Komponenten, die es schufen. Ein Mittelding nämlich, das, im Entstehungsprozeß erstarrt, als Lebensroman oder Romanleben, wie man es nennen mag, für den Sehenden eine Offenbarung über die Zeit ist, da es entstand, ein wunderlicher Embryo, an dessen bizarrer Form man der ihn gebärenden Natur das schöpferische Geheimnis ablesen kann. Die großen Ausgeglichenen, die weise Abgeklärten, sie sind uns heute in der untadligen Ferne ihrer Aussprüche und Maxime fremder als die Künstlervorfahren der raschen Entscheidungen, Festlegungen und Widersprüche. Diese sind uns näher, weil das doppelte Gesicht, das jeder Mensch hat, bei ihnen noch nicht zur Ruhe einer antiken Maske erstarrt ist, weil sich in ihren Mienen der ewige Zweiseelenkampf noch in seiner ganzen Ursprünglichkeit spiegelt.

Von ihnen, die uns heute nahe sind, hatte der am 11. Dezember 1801 in Detmold geborene Zuchtmeisterssohn Christian Dietrich Grabbe eines der schönsten und furchtbarsten Gesichter

zugleich. Schon wer äußerlich die Bilder mustert, die von ihm vorhanden sind, findet bald den Eindruck bestätigt, den Immermann in seinen „Memorabilien“ schildert. „Nichts“, schreibt er anläßlich der Schilderung seiner ersten Begegnung mit Grabbe in Düsseldorf, „stimmte in diesem Körper zusammen. Fein und zart — Hände und Füße von solcher Kleinheit, daß sie mir wie unentwickelt vorkamen — regte er sich in groben, eckigen, ungeschlachten Bewegungen. Die Arme wußten nicht, was die Hände taten, Oberkörper und Füße standen nicht selten in Widerstreit. Diese Kontraste erreichten in seinem Gesicht ihren Gipfel. Eine Stirn, hoch, oval, gewölbt, wie ich sie nur in Shakespeares (freilich ganz unhistorischem) Bildnisse von ähnlicher Pracht gesehen habe, darunter große, geisterhaft weite Augenhöhlen und Augen von tiefer, seelenvoller Bläue, eine zierlich gebildete Nase, bis dahin — das dünne, fahle Haar, welches nur einzelne Stellen des Schädels spärlich bedeckte, abgerechnet — alles schön. Und von da hinunter alles häßlich, verworren, ungereimt. Ein schlaffer Mund, verdrossen über dem Kinn hängend, das Kinn kaum vom Halse sich lösend, der ganze untere Teil des Gesichts überhaupt so scheu zurückkriechend, wie der obere sich stolz und frei hervorbaute.“

Dies merkwürdige Antlitz gibt, ohne daß damit die physiognomische Bedeutung übertrieben werden soll, die beste Illustration zu dem ganzen Wesen Grabbes. Er kommt aus einer Familie, die gerade den Fuß auf die unterste Stufe der Treppe zum sozialen Aufstieg setzte. Der Vater hat schon kleine Rentnergepflogenheiten, ein Fleckchen Grün vor der Stadt und im Herzen den Ehrgeiz, der Sohn solle etwas Besseres als er werden. Dumpfe Proletarierluft umwittert sein Gewerbe, und aus dieser Luft ist Grabbe der Sohn letzten Endes nie herausgekommen. Von früh an ist sein Inneres nächtig von Groll, und sein Streben trägt stets jenen Zug der Gewaltsamkeit,

mit der die Ankömmlinge neuer Stände an den Gattern der alten Bereiche zu rütteln pflegen.