In der Schule geht es los. Grabbe fühlt sich sofort im Gegensatz zu den anderen Kameraden, für die das Gymnasium die Regel ist. Für ihn ist es Ausnahme, Gnade, erlangt nicht ohne Hilfe von außen. Er lernt, liest, bohrt sich in die Dinge hinein, unbewußt dem alten Spruch vom Wissen als Macht nachgierend und erlangt im Handumdrehen jeden Vorsprung, der erreichbar ist. Gleichzeitig lodert die Phantasie seines Genies auf und verbrennt ihn bis ins Mark. Ausgerissene Schulheftseiten füllen sich mit Dramenentwürfen. Eine Sehnsucht nach Außerordentlichem läßt ihn schon jetzt die angelernten Formen zersprengen. Daneben wirkt sich in der Zwangsarbeit der Schule bunt die eben erfahrene Welt Shakespeares aus, und über manche Aufsätze schlägt der biedere Deutschlehrer, der Herr Rat Falkmann, voll Verwunderung die Hände über dem Kopf zusammen. „Grabbe, wo haben Sie das her?“ ruft er einmal aus. „Es ist ja, als ob man etwas von Calderon oder Shakespeare lese.“

Dies die eine Seite. Frühzeitig wird der Unreife gehuldigt. Kleinstädtische Glorie glänzt um den begabten Schüler auf. Aber er ist kein prinzlicher Liebling der Götter, der im Flug Kenntnisse und Lob am Wege aufliest. Schon der Sechzehnjährige sitzt bis tief in die Nacht hinein und hält sich mit Kaffee wach. Übermaß der Leistung fordert früh ein Übermaß der Anstrengung von ihm. Dabei wahrt er nach außen die leichte Geste. Präpariert aufs peinlichste exakt den Cäsar, kommt aber jemand, so deckt er Buch und Wörterlexikon mit alten Romanen zu. Dabei verachtet er im Grunde seine Mitschüler. Spielt abseits von ihnen in einsamen Zimmern mit Bohnen und Knöpfen die Schlachten der napoleonischen Weltgeschichtsgegenwart und mischt sich nicht in den albernen Übermut

primanerlicher Trinksitten. Da aber, wo er sich plötzlich in sie zufällig einbezogen sieht, trumpft er doppelt auf. Nur keine Schwäche zeigen. Dieser Pseudoheroismus aller Unsicheren wird sein Verderben. Er zwingt ihn, die Maske des doppelten Gesichts vom glücklichen Anfang bis zum traurigen Ende zu tragen.

Vorzügliche Zeugnisse in der Tasche, die Brust übervoll von Plänen zieht Grabbe nach Leipzig. Der Lärm von „Klein-Paris“ betäubt ihn. Erregt wirft er sich in den Strudel des großstädtischen Treibens. Aber bald finden wir ihn wieder abgeschwemmt. Soviel Briefe und Aufzeichnungen er geschrieben hat, unbedingte Ehrlichkeit ist nur selten in ihnen. Mit Kraftworten überstreicht er groß die Fassade seines Lebens, nur später, wenn ihn sein furchtbares Schicksal manchmal über jede Barmherzigkeit beutelt, schreit die gequälte Kreatur in ihm auf. Jetzt in Leipzig führt er sich als der geheimnisvolle Poet ein. Das von Brutalität und Sehnsucht überschäumende „Gothland“ ist in der Arbeit. Seine ersten Szenen platzen, eine Bombe, in das sentimentale Literaturidyll dieser Epigonenepoche, und als der Rauch sich vollzieht, zeigt sich der kleine Detmolder mit der olympisch hohen Stirn und den hungrigen Augen dahinter: der Proletarier, der täppisch durch die Salons stolpert und sich, die Eltern verleugnend, hinter einer „geheimnisvollen Abkunft“ verbirgt. Aber dem ungeheuren Eigensinn dieses Menschen wird auch das bald zu bunt. Was Burschenschaft, Jurisprudenz, Teenachmittage! Er speit die Zeit aus. Ohne ihre Gründe und Abgründe, aber auch ohne die ersten Weiser auf die Höhen wieder hinauf zu sehen. Im Messerummel, beim Schmatzen und Witzereißen bäurischer Wurstschmäuse strolcht er, Versblöcke im Busen, Wolkenfluggedanken hinter der Stirn, wohlig einher. Theater und Kneipe werden die Pole des Tages. Der Lebensberauschte verliert

schon jetzt jede Spur eines Gleichmaßes. Zu groß, das leere Geschwätz einer rein ästhetisierenden Gesellschaft zu ertragen, zu klein zur einsamen Arbeit, geht er den Mittelweg, ohne die Möglichkeiten seines Lebens auseinanderhalten zu können. Bald zeigt er sich als Diener am Werk, bald als Lakai des Erfolges. Bis aus dem Grund seiner schwankenden Seele die Faust des Schicksals hinauflangt und ihm das bunte Bild der Welt zerschlägt.

Einstweilen aber siedelt Grabbe als Dichter des „Gothland“ nach Berlin über, nachdem ein plötzlicher Versuch, am Leipziger Stadttheater Schauspieler zu werden, ergebnislos verlaufen war. Hier erfolgt die letzte Überarbeitung des Werkes. Die Aufnahme ist laut. Dem Einundzwanzigjährigen wird es schwindlig vor Augen. Er ist im Nu bekannt. Bezeichnend ist es, was er an seinen Vater schreibt: „Mein Werk schafft mir allmählich immer mehr Freunde, Bekannte und Bewunderer, besonders lerne ich dadurch viele Adlige kennen; einer ist darunter, mit dem ich fast alle Donnerstagabend esse. Das Stück ist aber so ausgezeichnet und groß, daß sie mir raten, ich müßte es nur außerordentlich geistreichen Männern zeigen, weil das gewöhnliche Volk es nicht verstünde. Ein Dr. Gustavs sagte mir, daß mir meine Sachen, wenn erst eins gedruckt wäre, sehr teuer bezahlt werden würden.“

Glück, Renommage, Taktik sind in diesen wenigen Zeilen zur Einheit verbunden. Das geschmeichelte Gefühl des sozialen Emporkömmlings verschwistert sich mit dem Wunsche, dem Vater auch den handgreiflichen Vorteil des statt des Studiums gewählten Berufs klarzumachen. Und der gute, alte Mann, von Gerüchten schon aufgestachelt, die dem Brief des Sohnes vorausgeeilt sind, geht auch ganz auf die Tonart ein: „Ein Seminarist hat erzählt, Du hättest eine Komödie gemacht, die erst nach Schillers Stil entworfen wäre; diese hättest Du

etwas umändern müssen und es wäre dann so gut ausgefallen, daß Dir der russische Kaiser dafür 3000 fl. zum Geschenk gemacht hätte.“ Man sieht ordentlich das Schmunzeln des verrunzelten Beamten, das jeden Federstrich mitzieht. Zugleich aber sieht man, von wem Grabbe die gläubige Kindsköpfigkeit erbte, die ewig über sein allertiefstes Wesen ausgebreitet war. Der Vater glaubt den Sohn schon reich und Freund allmächtigster Fürsten, während in der Kammer nebenan die Mutter am Spinnrocken sitzt, um etwas Geld für Porti und Tabak ihrem „leuwen Christian“ schicken zu können. Jene Mutter, eine brave, bürgerliche Frau, bescheidenen Gemüts, wenn auch von westfälischer Härte nach außen vielleicht, um die die zünftigen Literarhistoriker soviel Legende woben. Aber sie dürfte weder eine trinkfeste Hexe noch eine Gracchin gewesen sein, sondern ein biederer, nordwestdeutscher Mensch voll natürlicher Neigungen. Ehrgeiz und Kindlichkeit stammen sicherlich vom Vater, dem er kurze Zeit nach obigem Brief in einem (falschen) Anfall von Einkehr schreibt: „— darum werde ich aber nicht hochmütig, denn ich kenne meine Schwächen nur gar zu gut.“

Leider war dies durchaus nicht der Fall. Eine günstige Äußerung Tiecks bläst ihm Wind in die Segel des Übermuts. Die Saufgelage bei Lutter und Wegner, in dem von E. T. A. Hoffmann bis Matkowski als Musenstätte gültigen Weinkeller der Berliner Künstler, geben mit ihren historischen Mitspielern, den Koechy, v. Uechtritz, Heine u. a. den Hintergrund des Berliner Lebens Grabbes, das oft ein rasendes Arbeiten an den Vormittagen war — „Nannette und Marie“, die Shakspearo-Manie, — „Marius und Sulla“ entstehen, — oft aber auch ein Hindämmern in Kopfschmerz, Schnapsseligkeit und Weiberbetten. Inmitten des glänzenden Aufstiegs beginnt schon jetzt, noch vor den Hauptwerken, der innere Zusammenbruch

Grabbes. Schon sitzt ihm auch ein giftiger Pfeil aus dem Köcher der Venus im Fleisch, und das martialisch geträumte Leben wird ein Hungerleiderdasein. Bisweilen reckt er sich im finsteren Stolz des Abenteurers aus dem Volke auf und knirscht die Worte seines stolzen Marius wild durch die Zähne: „Sie heißen spöttisch mich den Bauer, und beim Gott der Rache, ich verstehe das Mähen.“ Aber dieser Geste kann er nicht nachleben. Zwar läßt er sich nicht den Mangel an fast allem, den er leidet, anmerken. Einem Bekannten fällt er bei einem nächtlichen Spaziergang ins Haus und schläft dort auf dem Stuhl ein. Nach dem Morgenfrühstück bekennt er tonlos, daß es der erste Bissen war, den er seit drei Tagen gegessen habe. Aber er wahrt das Gesicht des glücklichen Poeten. Wo es nicht mehr ging, rettete er sich in einen schmerzlichen Humor, von dem auch diese Erinnerung Heines, der immer für Grabbe eintrat, durchsetzt ist: „Beim Abschied, erzählte mir Grabbe, drückte ihm seine Mutter ein Paket in die Hand, worin . . . sich ein halb’ Dutzend silberne Löffel nebst sechs dito kleinen Kaffeelöffeln und ein großer dito Potagelöffel befand . . . Als ich Grabbe kennenlernte, hatte er bereits den Potagelöffel, den Goliath, wie er ihn nannte, aufgezehrt. Befragte ich ihn manchmal, wie es gehe, antwortete er mit bewölkter Stirn lakonisch: Ich bin an meinem dritten Löffel, oder, ich bin an meinem vierten Löffel. Die großen gehen dahin, seufzte er einst, und es wird sehr schmale Bissen geben, wenn die kleinen, die Kaffeelöffelchen, an die Reihe kommen, und wenn diese dahin sind, gibt’s gar keine Bissen mehr.“