Sie waren schließlich dahin. Riesige Entwürfe im Herzen türmend, doch mit dürren, vom Entbehren unsicheren Fingern schreibt Grabbe, nicht imstande sich eine Feder zu kaufen, mit einem abgebrochenen Streichhölzchen jenen grandiosen, allerdings nicht abgeschickten Brief der Verzweiflung an den Kronprinzen

von Preußen, der in den Schrei ausklingt: „Viele nannten mich genial, ich weiß indessen nur, daß ich wenigstens ein Kennzeichen des Genies besitze, den Hunger.“ Dann kommt der letzte Versuch Grabbes, sich in der großen Welt zu halten. Tieck, der durch den „Gothland“ auf Grabbe aufmerksam geworden war, läßt ihn nach Dresden kommen. Von neuem keimt der Schauspielergedanke. Aber Dresden wird zur Katastrophe. „Es war im Frühling 1823,“ erzählt Tiecks Biograph Köpke, „als ein Fremder zu Tieck ins Zimmer trat, eine schwächliche Figur, ein bleiches Gesicht, von Sorge und Leidenschaft zerstört. Verlegen und unbehilflich kündete er mit polternder Stimme an, er sei Grabbe. Kaum konnte es eine größere Selbsttäuschung auf der einen und Enttäuschung auf der anderen Seite geben. Es war schwer, mit ihm zu verkehren. Die Gegenwart anderer war ihm lästig. Er war bald scheu, bald hochfahrend. An keinem Gespräch nahm er teil; oft stand er oder er saß stumm auf einer Stelle, oder er sah, unbekümmert um die Gegenwärtigen, zum Fenster hinaus.“ Man sieht den eingeschüchterten Dichter vor sich. Er fühlt die Brände in der Brust drinnen, weiß, daß eines seiner Werke die ganze morsche Bühnenliteratur seiner Zeit aufwiegt, aber im praktischen Getriebe der Theaterkanzleien und Direktorenzimmer ist ihm der Mund wie zugenäht. Er flüchtet in die Bierwirtschaften an der Elbe zu Spießern und Knechtseelen und baut sein Reich des Glanzes vor blinden Augen auf. Er wird bald fallen gelassen und kehrt, nach weiteren mißglückten Versuchen, in Braunschweig, Bremen, Hannover eine Anstellung zu finden, nach Detmold, in das Inferno seiner Zukunft, zurück. Voll rührender Ehrlichkeit ist sein Brief an Tieck: „So schlich ich mich nachts 11 Uhr in das verwünschte Detmold ein, weckte meine Eltern aus dem Schlafe und ward vor ihnen, denen ich ihr ganzes kleines Vermögen weggesogen,

die ich so oft mit leeren Hoffnungen getäuscht, die meinetwegen von der halben Stadt verspottet werden, mit Freudentränen empfangen. Ja, ich mußte noch obendrein mich mit der plumpsten Grobheit waffnen, weil ich sonst in das heftigste Weinen ausgebrochen wäre und eine öffentliche Szene aufgeführt hätte.“

Das ist der ganze Grabbe, der Mensch mit dem doppelten Gesicht, von dem nie jemand wußte, ob das zur Stunde aufgesetzte das innerlich wahre war, das war der Grabbe, der sich in Leipzig einen wohlmeinenden Rat, der ihn überdies mit seiner Tochter verbinden wollte, in Gohlis beim Essen anschnob: „O Gott, o Gott! lassen Sie mich zufrieden — der schöne Eierkuchen wird mir ganz kalt durch Ihr ewiges Sprechen — ich habe jetzt keine Zeit zu hören!“

Einstweilen zeigte sich freilich das Schicksal noch freundlich. Grabbe reißt sich zusammen, macht sein Staatsexamen, wird bald Auditeur in der Lippeschen „Armee“ und ist für die Bürgerschaft der „berühmte Sohn der Stadt“, nach dem sich die Köpfe bei Bällen, Konzerten und im Theater umwenden. Und Grabbe festigt seinen jungen Ruf. Hatte er sich in „Gothland“ im tumultuösen Donner angekündigt, so macht er sich jetzt freier von Lärm und Schlacke. Es ist merkwürdig, daß die Mediziner und Literaturgeschichtsschreiber, die alles auf Neurasthenie und Jugendgenialität abstellen, immer im innerlich, wenn auch nicht künstlerisch unreifsten Werk schon steckenbleiben. Man sieht eben Grabbe nur als Kuriosum, nicht als Menschen, der sich entwickelt wie jeder andere, freilich unter den Bedingungen seiner Zeit, die man bis jetzt fast gar nicht beachtet hat. Um die Dreißig herum sprüht seine Kraft am stärksten und erschöpft sich fast auch zugleich. Er vollendet „Don Juan und Faust“, die beiden Hohenstaufendramen „Heinrich der Sechste“ und „Friedrich Barbarossa“ und

schließlich den „Napoleon“. An der gefährlichsten Alterswende, wo es sich entscheidet, ob man alt werden oder jung bleiben wird, steht Grabbes großer, krampfhafter Versuch zur Synthese. Der Stoff bleibt ungar. Es wetterleuchtet, aber es schlägt nicht ein. Das Ungeheure der Gegenwart, die damals in der Welt begann, das Auseinanderfallen von Idee und Sein, war kaum spürbar. Grabbes Brust war empfindlichster Seismograph für das anhebende Weltbeben. Er faßte es allerdings noch nicht. Zwar richtete es ihn zugrunde. Aber er wußte nicht, woran er starb. Aus dem Konflikt des Überganges rettete er sich in die Geschichte, zu den großen Gestalten. Das deutsche Schicksal, bald darauf das Schicksal des großen Einzelnen, ward ihm das Land seiner dichterischen Erlösung. Hatte er im „Don Juan und Faust“ (wozu Lortzing die Musik schrieb) sein gedoppeltes Sein nach außen ins Zwiefache geteilt, so ist er im „Napoleon“ weiter gereist. Hinter den großen Stationen des Individuums, der Rebellion, dem Kampf um die Frau, der Bewältigung der Historie kommt die Frage nach Sinn und Möglichkeit des machtvollen Seins. Menschliches wie Politisches verlangt jetzt weitere Synthese. Im Napoleon findet Grabbe sie: dieser Korse ist ein Sohn der Revolution, aber über sie hinaus Diktator der neuen Zeit, der Mensch aus der Masse ihr Herrscher, die Besiegung einer verluderten Namensaristokratie endet mit einer wirklichen Aristokratie. Gigantisch loht Grabbes Feuergeist auf dem graugrämlichen Hintergrund der Zeit der deutschen Reaktion, die nach den blutigen Begeisterungsstürmen der Freiheitskriege angebrochen war, jener Zeit der tiefen Resignation und der perfiden Geheimkanzleidiktatur Metternichscher Diplomatentricks, mit denen man das rasende Pferd Europa zu kirren versuchte. Heute, wo es zerschmettert im Abgrund liegt, wächst ins Bergehohe die Schuld jener Sekretärsnaturen, die im Schatten eines

blinden Gottesgnadentums die Völker verfeilschten, die Ideen ins Unproduktive verfälschten und den Geist an die Phrase verrieten. Grabbe litt unter dieser Zeit. Aber dadurch, daß es ihm unbewußt blieb, wurde der Austrag des Kampfes mit der zerfallenden Welt vom Werk ins Persönliche verschoben. Das Leben wurde wichtigeres Dokument als das Werk. Dies verfiel. Der Dichter kam aus der Atmosphäre des Tages, aus dem Einzelfall der kleinlichen Stunde gar nicht mehr heraus. Im „Hannibal“, diesem kunstlosen, aber wuchtig hingemeißelten Denkmal des Untergangs der Größe, ist der Sprung ins Objektive noch einmal gelungen. Aber nur die These kommt recht eigentlich heraus. Von einer Elastizität des Geistes, künstlerischer Schwingung, seelischer Spannung ist nicht mehr viel in das Drama hineingerettet. Wie blockiges, finsteres Gestein ragt dies Werk in die fahle Sonne des endgültigen Untergangs des Dichters hinein. Im Grunde ein Meer von Schreien, ein letztes Schwenken der Fahne der Empörung gegen eine Welt von Spießern, in deren wimmelndem Gewühl der Dichter versinkt. Grabbe stirbt seiner Zeit ein langes voraus. Und darum ist auch sein persönliches Schicksal den meisten immer wesentlicher gewesen als sein geistiges. Weil sich in jenem sichtbarer der Riß zeigte, der durch sein ganzes Wesen ging, der Riß, der klaffend die letzten hundert Jahre durchzieht und nichts anderes bedeutete als die Trennung von Wirklichkeit und Idee, von Geist und Körper, von realem Verhaltensprinzip und metaphysischer Forderung.

Ohne Milderung ist das Leben für Grabbe. Keine Frauenhand liegt tröstend und die heiße Schläfe kühlend auf seiner Stirn. Frauen pflegen solchen Menschen auszuweichen. Ihnen fehlt das Empfindsame, das sie mit der grotesken Wildheit und animalischen Lust versöhnt. Ihnen fehlt auch das Unnahbar-Heroische. Danton und Robespierre konnten Frauen

haben. Sie lagen bei jenem und schauten zu diesem auf. Grabbe hatte weder den liebenswürdigen Charme noch den eisernen Willen der Höhe. Er schäumte in den Träumen nach Frauenfleisch, vergrübelte sich schon als Jüngling in überhitzte Visionen und suchte die dumpfe Nähe bereitwillig geöffneter Betten. Er kennt keine Liebeslyrik, keine Zeiten des Werbens. Er hat erst den infernalischen Hunger des Kraftkerls, und später, als er, in einer betäubenden Stunde auf einem Leipziger Kokottenlager vergiftet, krank am Boden liegt, vernichten ihm die Kuren und allmählich ausartenden Nervenanfälle jede stillere Stunde. Kommt hinzu, daß Grabbe ein so männlicher Mann ist, daß er geistig sofort jede Empfindung in ihre realen Motive zerlegt und im Rausch schon die Tristitia nahe fühlt. Wenn er schließlich doch erst um Henriette Meyer, später um die Tochter seines alten Gönners, um Luise Clostermeier wirbt, so ist das im Grunde die Flucht eines bereits wrack Gewordenen unter das Dach täglicher Fürsorge. Er weiß es zwar nicht. Aber außer einigen sehr groben, sinnlichen Reizen bieten beide nichts, was die Entschlüsse Grabbes rechtfertigen könnte, als eine gewisse Mütterlichkeit, die sich im ordentlichen Haushalten erschöpft. Grabbe will einfach heiraten. Er erhofft sich davon eine Regelung der trostlosen Junggesellenwirtschaft und unternimmt die Herzensattacken mit der gleichen, künstlich angehitzten Leidenschaftlichkeit, mit der er Verleger bestürmt oder günstige Kritiken erstrebt. Es gibt Funken, aber es ist kaltes Feuer, das aus den erregten Briefen und Szenen aufblitzt. Um Henriette müht er sich in seiner bekannten Art. Wenn sie im Zimmer ist, spricht er laut und so zynisch zu anderen, daß sie rot und blaß vom Zuhören wird. Das sind Grabbes Blumensträuße und Serenaden. „Das war“, meint sein geduldiger, liebevoller Zeitgenosse und Mitbürger Ziegler, „so seine Natur. Er war anfangs einem schönen Mädchen gegenüber

fast immer verlegen, seine Gefühle zogen sich da in ihn zurück, und seine Zärtlichkeit konnte nicht in Fluß kommen und sich nicht in leichten Wendungen bewegen; dem hierüber entstandenen empfindlichen und gepreßten Gefühl suchte dann der Stolz, der sich in ihm rege machte, durch Witz und Spötterei ein Gegengewicht zu geben, die über jedes Bedenken hinwegsetzten, ob auch ein fremdes feines Gefühl verletzt werden könnte; er vergaß sich in blinder Genialitätssucht und verletzte, was er gewinnen wollte.“