Und doch war er kein Toggenburg etwa. Er empfand sein Mißverhältnis zur Frau nicht als unterlegener, bittender Jüngling, sondern als geistiger Mann. Aber es war keine Sicherheit in ihm. Das machte ihn doppelt unbeholfen, zwang ihn auch hier, sein wahres Gesicht zu verstecken. Er suchte im Grunde keine Geliebte, sondern die Wirtschafterin, war aber zu feige, sich das einzugestehen. So mimte er voll Eifer, der ihm selbst Ernst dünkte, den unglücklichen Liebhaber vor zwei braven Köchinnennaturen, einer ungebildeten und einer halbgebildeten kleinbürgerlichen Frau. Die noch dazu von strammen Schenkeln waren und denen der von frühen Lüsten ausgezehrte Grabbe keine großen Freuden bieten konnte. Aber beide reizte sein Ruhm. Aber was soll man zu einem Grad der Dummheit sagen, die Szenen macht, weil auf einem Spaziergang Grabbe, der als Auditeur Offiziersuniform trägt, einem Posten das Salutieren abwinkt und das Bräutchen dadurch um eine untertänige Habt-Acht-Stellung kommt. Die Verlobung mit diesem Mädchen, das schließlich einen Blaufärber heiratet, geht unter fürchterlichen Szenen und Nervenkrisen auf beiden Seiten zu Ende. Aber Grabbe ist nicht gewarnt. Instinktlos tappt er im März 1832 in die Ehe mit Luise Clostermeier.

Sie wird eine der kläglichsten Tragikomödien. Wie in keiner grotesken Szene seiner Dichtung erreicht er nun in Wirklichkeit

den Gipfel eines bizarren und bei allem Auf und Ab geradewegs in den Untergang hineinführenden Lebens. Sicherlich mag vieles, was über diese Ehe geschrieben worden ist, nur aus Kleinstadtklatsch herrühren. Fest steht, daß nur eine im Gefühl geniale, geistig hochstehende Frau dieses Mannkind Grabbe glücklich gemacht hätte. Diese egoistische Provinzlerin dagegen, verzogen im Elternhaus und auf Phrasen abgerichtet, dabei von einer nur allzubald langweilenden Durchschnittsschöne, eingebildet auf den Besitz an einigen Batzen Geld und Fremdwörtern, mußte zum Hausdrachen werden. Der unsichere Grabbe verliert, nun nicht bloß im alles schablonisierenden Dienst, sondern auch im eigenen Heim dauernden Reizungen ausgesetzt, völlig jede Haltung. Vor der Ehe hatte ihm die Frau u. a. etwa folgenden Brief geschrieben:

„Hochgeschätzter Herr Auditeur!

Goethe schmückte zu Weimar vor einem Jahr den Sarg des Pius Alexander Wolff mit einer Blumenleier; wenn Sie sterben, schmücke ich denselben mit einer ähnlichen, umwinde sie aber noch mit einem weißen Atlasband, auf welchem mit großen goldenen Buchstaben Horazens Worte geschrieben: non omnis moriar!

Die Hoffnung, in nicht gewöhnlicher Umgebung mich einst rühmen zu dürfen, aus der eigenen Hand des Dichters der Hohenstaufen sein Werk (Grabbe hatte ihr den Barbarossa geschenkt) empfangen zu haben, beglückt mich jetzt schon, und nach diesem Geständnis wollen Sie die Größe meiner Dankbarkeit messen.“

Diese Frau schloß ihm nach der Ehe die Haustür zu, wenn er zu spät heimkam, graulte seine Mutter mit Schimpfkanonaden aus dem Haus und steigerte sich bis ins Megärenhafte, wenn es um Geld ging. Jene berühmte Szene, da sie dem

Mann in einer Gewitternacht, in der er krank und schwach zu Bett liegt, einen Siegelring, um den sie tagsüber gestritten haben, beim Aufleuchten der Blitze vom Finger zieht und eine gelle Lache des Triumphes über den Ohnmächtigen schüttet, hat etwas von Strindbergs unheimlichen Ehebildern. Und derartige Augenblicke der Todfeindschaft gab es viele. Eifersucht und Niedertracht machen den in der Seele tödlich verwundeten Dichter fast zum Tollhause reif. Kein Wunder, daß Grabbe innerlich und äußerlich zusammenbricht. Er ist schludrig in seinem Amt, merkt es, will sich rechtzeitig salvieren und richtet an den Fürsten ein Gesuch — um Einstellung in die Armee als Hauptmann. Es kann kaum sein Ernst sein. Von Krankheit geschwächt, geistig fast aufgerieben, setzt er ein martialisches Gesicht auf. In Wirklichkeit bebt die Angst dahinter und die Hoffnung, mit der Absage zugleich die Pensionierung zu bekommen. Es ist ein für den Dichter typischer Umweg. Aber es hilft nichts. Er bekommt eine ungnädige Ablehnung, und Treibereien wartender Nachfolger drängen ihn aus dem Posten.

Die Ehe zerbricht nun ganz. Das höhnische Wutlächeln der Frau und die Schadenfreude des Detmolder Spießertums verschmelzen zu einem furchtbaren Gesicht, vor dem er kopfüber nach Frankfurt flieht. Im Reisesack schleppt er den „Hannibal“, die „Tragödie des verratenen Genies“, mit sich. Er sieht nicht nach rückwärts. Aber was er litt, schreit aus dem Satz, den er flehentlich an seine Frau in einem Brief nach Hause schreibt: „Laß meine Mutter, die soviel für mich getan hat, in Ehren! — Wärst du gut, wie vor der Ehe, könnte manches anders sein . . .“

Als ein Verwüsteter langt Grabbe in der Stadt Goethes an. Und das Schicksal hat sogleich einen neuen Blitz für ihn bereit. Sein Verleger Kettembeil fühlt sich als gefestigter Bürger