berechtigt, seine Dramen zu korrigieren. Darüber lösen sich auch diese Bande Grabbes an die reale Welt. Er fühlt sich, das Nötigste entbehrend, nun ganz verlassen. Seine Briefe, in denen er um Hilfe fleht, sind die eines kranken Kindes. Es beginnt die letzte Epoche seines Lebens: der Aufenthalt in Düsseldorf bei Immermann, der sich den demütig gewordenen Poeten kommen läßt. Dessen Zeilen an ihn: „Ich habe Zutrauen zu Ihnen und hoffe auf Sie. Ich glaube nämlich, ich und eine alte Mutter sind verloren, wenn Sie mir nicht zu helfen suchen“, müssen ihn gerührt haben.
Das Verhältnis der beiden Dichter in Düsseldorf ist menschlich nicht ganz geklärt. Der formende Geist, dem aber der Funke fehlt, spannt den formlosen vor seinen Wagen. Der Theaterdirektor und Oberlandesgerichtsrat legt sich einen Herold zu, der in der Bestallung nur Anerkennung, nicht die zwecknützliche Absicht sieht. Einmal versucht Grabbe nun, ohne aufgesetzte Miene einherzugehen und ein kindlich offenes Gesicht zu zeigen. Er beugt sich vor dem Geheimrätlichen in Immermann und nimmt es als Väterliches, dem er sich offen aufschließt. Nun, da der Sand in seiner Lebensuhr mit letztem Rieseln rinnt, kommt eine vertrauensselige Einfachheit über ihn. Er schreibt Kritiken voll Eifer des Lobens, schreibt auch Rollen ab, um in mechanischer Arbeit sein ungezügeltes Temperament zu zähmen, feilt unter Immermanns stilstrengem Rat die ungefügen Kanten seiner Dramenblöcke ab und versucht das Wirtshaus zu meiden und in manierlicher Gesellschaft zierliche Konversation zu machen. Bis ihm plötzlich das rosenrote Bild schwarz erscheint, der Dienst an sich ein Dienst am Ruhme seines Wohltäters und ihm die Galle ins Blut tritt. Er erstarrt in alter Verbissenheit, Feindschaft bricht aus zwischen den beiden Männern, und doppelt heftig ist der Rückfall in die alte Wüstheit und Getriebenheit.
Aber das Gesicht wechselt nicht mehr mit. Die Muskeln, die es in seinen verschiedenen Zügen spannten, sind schlaff geworden. Die Schatten des Endes sind darüber gefallen. Es lohnt nicht mehr, sich einen Faltenwurf der Mienen zurechtzulegen. Das echte Antlitz bricht jetzt durch, das eines rasch gealterten, hilflosen Kindes. Das Leben Grabbes gleicht nun einem Marmorblock, aus dem der Schöpfer einen Kopf und zwei hungrig gen Himmel gestreckte Arme herausgemeißelt hat, aber alles übrige in der rohen Urform des Materials beließ. Und der beredte Mund wird stumm, da er nur noch die Wahrheit, die Erkenntnis des Vergeblichen aussprechen kann.
Typhusanfälle, Alkoholvergiftung, Rückenmarksschwindsucht sind die drei düsteren Plagen, die die Physis dieses Genies zermürben. Aber er weicht nicht. Mit der Beharrlichkeit proletarischen Trotzes sitzt er Abend für Abend ausgemergelt und hohl in der Kneipe „Zum Drachenfels“, im altmodisch braunen Frack, der dicht bis unter die Roßhaarkrawatte zugeknöpft ist, weil die Wäsche fehlt. Und ihm gegenüber, bis er unerwartet in Aachen stirbt, der geniale Musiker Norbert Burgmüller. Beide im Wein ihr hartes Los vergessend, beide stumm geworden. Dabei war innen in Grabbe noch blühenwollendes Land. Oder vielmehr nur der Abglanz einer Vision davon. Heimat und Vaterland locken und grüßen den dem Staube Zusinkenden noch einmal als Erde. Die Hermannschlacht, leuchtende Mythe seiner Generation, will er in Verse gießen, in ihrem Weh und Glück die grauen Farben der Zeit und die hellen der Zukunft aufleuchten lassen. „Ich betreibe jetzt die Vorstudien,“ schreibt er an einen Freund, „Teufel, da wächst was! Mein Herz ist grün vor Wald.“ Ein andermal: „Der Hermannschlacht unterliege ich fast. Die Studien dazu erschüttern mich fast.“ — „Das Stück zerreißt mir die Seele! Alle Täler, all das Grün, alle Bäche, alle Eigentümlichkeiten
der Bewohner des lippischen Landes, das Beste der Erinnerungen aus meiner Kindheit und Jugend sollen darin grünen, rauschen und sich bewegen. Es ist der schwierigste Stoff, den ich unter den Händen gehabt habe . . . Er ist in mir und über mir, wie ein Sternenmeer, wohl mein letzter Trost.“
Aber die Kraft fehlte. Um und um arbeitete Grabbe das Stück, und doch ward nur ein Schlachtenpanorama daraus, in dem Varus als bedeutend sympathischere Gestalt gegenüber einem Hermann steht, der unedel und im letzten Grunde auch unkühn ist. Da, wo unmittelbar an lippischen Boden die Sage verhaftet ist, haben ihre Gestalten Naturkraft. Wo der geistige Gegensatz aufklingt, klappert es bedenklich von Phrasen. Für Grabbe waren’s freilich silberne Trompeten, die sein versinkendes Glück umbliesen. Er ist wieder der Junge, der Weltgeschichte spielt, diesmal statt mit Vitsbohnen wie als Kind mit papierenen Dramenhelden.
In der Wirklichkeit des Alltags hat er nun jede Distanz verloren. Er schlüpft in Detmold wie ein krankes Tier unter. Sein Äußeres beschreibt Ziegler: „Er ging dahin, ein trauriger Aufzug. Seine Kleidung schien sehr abgetragen und saß sehr nachlässig. Der Rock war an den Ellenbogen sehr weiß geworden, und die weite schwarze Hose wehte melancholisch um seine dünnen Beine, die dunkle Weste war bis unter den Hals zugeknöpft, seine grobe Halsbinde ließ nichts Weißes sehen, und auf dem Kopf trug er eine alte grüne Mütze. In seinem ganzen Körper war kein Halt, er wankte so, daß man befürchten mußte, er möchte umfallen, nur langsam bewegte er sich fort, nach seiner Weise, wo er die Spitzen der Füße wie fühlend voraussetzte. — — Doch war in ihm ein schöner und edler Sinn, der nach freundlich edlen Lebensverhältnissen das heißeste Verlangen trug.“ Die aber sollten ihm nicht beschieden sein. In dem Hotel „Zur Stadt Frankfurt“, wo er
wohnte, da er vor den Keifereien in seinem Hause Ruhe haben wollte, dämmerte er an einem einsamen Seitentisch die Abende dahin, wenn das steigende Fieber ihn aus der Apathie des Tages vom Bett scheuchte. Und hier erlebte Christian Dietrich Grabbe sein letztes Abenteuer.
Es war ein regnerischer später Sonntagnachmittag. Der Wirtsraum erfüllt von einer trüben Stimmung, die schwer und körperlich sich zwischen den Wänden spannte. Auf den Tischen hatten die Biergläser ihre schlüpfrig breiten Ränderspuren zurückgelassen. Rauch zog dick durch die niedrige Stube. Am Boden breiteten sich kleine, schillernde Tümpel verschütteten Weines. Ganz Detmolds Honoratiorenschaft hockte dumpf und gelangweilt auf den fleckigen Schemeln. Man trank sich zu, die Köpfe schienen im Dunst größer, unförmiger zu werden. In einer Ecke flüsterten junge Burschen Politik und hielten zögernd inne, wenn der Fürstlich Lippesche Archivrat Binder seinen dicken Weißkopf wie horchend zu ihnen durch den Qualm bohrte. Mit sinkender Dunkelheit verrannen aber auch diese Gespräche in Einsilbigkeit. Nur das klippende Zusammenstoßen der Becher und das Klappern des Geschirrs in der Küche waren die einzigen hellen Laute in diesem Nebelmeer, das um die Köpfe der Zecher wogte. Die Zinkkannen auf dem Schenkbord blinkten wie Leuchtturmfeuer durch. Eine rot schwelende, stinkende Petroleumlampe kämpfte vergebens mit ihren kurzstrahligen Lichtfingern gegen die wallenden Schwaden.
Plötzlich wurde es am Mitteltisch laut. Eine grobe und eine ängstliche Stimme hoben sich deutlich ab. Dazwischen tönte Gelächter und Zuruf. Etliche sprangen auf, um zu sehen, um was man stritt. Der Archivrat Binder lag über den Tisch gebeugt und zerrte ein schmächtiges, vertrocknetes Männchen am Arm. Es wehrte sich ängstlich, und seine runden Knabenaugen, die tief in einem riesigen, von einem dünnblonden