Haarbusch überwehten Schädel lagen, lugten hilflos von einem zum anderen. Sein Kinn war unter dem breiten Trinkermund wie weggesackt, und der Kopf schien wie eine von Kinderhand verschnittene Kartoffel auf dem dürren Leibe hin und her zu wippen. „Also los, Grabbe, zieren Sie sich nicht. Lesen Sie uns ihr neuestes Opus vor. Schließlich will man doch, wenn man so ein Genie in seiner Stadt hat, auch Anteil nehmen an seinem Schaffen und Werken.“ Beifällig schmunzelte die Tafelrunde . . . Man erwartete sich einen Hauptspaß, und keiner war dabei, der diesem größenwahnsinnigen, versoffenen Poeten, auf den die ehrsamen detmoldischen Bürger mit einer selbstbewußten Verachtung blickten, nicht aus vollem Herzen einen demütigenden Denkzettel gegönnt hätte. Grabbe, den der Wein schon nicht mehr klar sehen ließ, der aber instinktiv fühlte, daß man ihn in eine Falle locken wollte, kreuzte die abgezehrten Hände wie schützend über der Brust. Seine Stimme klang weinerlich: „Aber Herr Rat, ich habe doch nichts hier. Ich kann ja auch gar nicht vorlesen.“ Binders Gesicht warf höhnische Falten. „Ihr nicht vorlesen, der Ihr vor Tieck und Könneritz spieltet?!“ Alles kicherte vor Entzücken. Grabbe, dieser halbblinde, lahmbeinige Held! „Ihr nichts bei Euch haben, der nicht einen Fidibus sieht, ohne ihn zu beschreiben?!“ Mit diesen Worten schob der Rat, dessen verkniffene Augen vor Vergnügen funkelten, ein mächtiges Glas Rum vor den Dichter. Der starke Geruch betäubte schnell die Widerstandskraft. Er stürzte die brennende Flüssigkeit schnell hinunter. Dann begann er in seiner Brusttasche zu wühlen.
„Also lest, Christian Dietrich, wir hören!“ Die Ellenbogen stemmten sich würdig in Positur, man stieß sich gegenseitig an, kicherte in sich hinein. Endlich zogen Grabbes zitternde Hände mehrere Bogen engbekritzelten, schmutzigen und eingerissenen Papiers hervor. Er glättete sie liebevoll, schob die Flaschen und
Krüge beiseite und beugte sich sehr tief über die Blätter, denn er sah sehr schlecht. Seine knollige Nase schien fast auf dem Papier zu liegen. Langsam bewegte er die Zunge, sie saß ihm wie geschwollen im Mund. Die Schriftzeichen verschwammen vor seinen Augen. Er stammelte den Titel: „Die Hermannschlacht.“ „Auf den Spuren Klopstocks und Kleists also?“ grölte Binder. Die übrigen brüllten vor Lachen. Diesen windschiefen Trunkenbold sich in einer Verbindung mit dem gigantischen Germanenringen zu denken, schien ihnen aber auch zu komisch. Grabbe sah Binder verständnislos an. Er begriff diese Lustigkeit nicht. War er nicht der Dichter des „Gothland“, des „Napoleon“? Was hatten diese dummkrötigen Gesellen zu lachen, wenn er vorlas. Wut stieg in ihm auf. Aber der Wein ließ ihn nicht zum Verstehen durchdringen. Er feuchtete schmatzend die Lippen, zuckte mit den spitzen Achseln und blinzelte den Archivrat ratlos an. Der fühlte vor diesem stehenden Blick etwas wie Scham. „Laßt Euch nicht stören durch meine Frage. Fangt an!“
Und der Dichter fing an. Stockend, holpernd wand er sich von Satz zu Satz, von Szene zu Szene. Mitunter irrten seine Gedanken ab. Dann unterbrach er sich und flocht irgendeine Zote hinein. Die Tischgenossen quittierten dankbar mit einem Stampfen der Gläser. Sonst aber zogen sie enttäuschte Mienen. Über das Stottern und Rülpsen konnte man sich nicht allzulange ergötzen, und was dieses abgemagerte Rauhbein sonst las, schien recht verständlich, vernünftig, sogar auch, was man in Berlin und Düsseldorf „dichterisch“ genannt hatte, zu sein. Einige gähnten. Binder stützte leicht den Kopf in die Hand, um nicht zu zeigen, daß er die Augen geschlossen hatte. Allmählich wurde Grabbe sicherer. Seine Trunkenheit verflog vor dem kalten Hauch, der aus seinem Drama stieg. Noch einmal hatte er in dieses letzte Werk, das seine müde Seele
sich abgerungen hatte, all sein Wünschen und Hoffen verströmt, seinen Haß gegen die Herrschaft geschäftlicher Nüchternheit, gegen die Kleinheit diplomatischer Windmachereien entkettet. Des Teutoburger Waldes Eichen rauschten über ihm, er zog mit eisenstarrenden Legionen durch das sumpfige Gebirg’, litt mit den unter römisches Recht gebeugten Freien, flog an der Spitze der Bructerer zum Kampf an die Werra und küßte Thusnelda auf das goldene Haupt, das wie schwerer Weizen im Mittag glänzte. Grabbes Stimme wurde klar. Nur noch die in scharlachnem Rot leicht aufgewellten Backen zeugten von seinem Rauschfieber. Er reckte sich. Die gelblich-pergamentene Hand fuhr gebieterisch aus dem blauen Ärmelaufschlag. Fast schön leuchteten die Augen, die in unsichtbare Fernen kreisten. Er riß sich den Kragen auf. Auf seine Bartstoppeln trat leichter Schweiß. Rings um ihn saßen nicht Detmolds Bürger. Er war wieder zwanzigjähriger Student und pokulierte mit seinen Kumpanen in Luther und Wegeners verräucherten Gewölben. Da unten links stand ja der lockige Heine mit seinem traurig-spöttischen Lächeln um den schmalgekrümmten Mund; hinter einem bauchigen Faß lag von Uechtritz’ lange Gestalt und hörte schon wieder nichts mehr von dem, was um ihn her vorging, während der besonnene Koechy mit heiterer Stirn neben Heine saß und bedeutungsvolle, auf ihn, den Dichter, den neuen Shakespeare, gemünzte Blicke mit Gustorff und dem blaßwangigen Bruder der göttlichen Rahel, Ludwig Robert, wechselte. Grabbe sprang auf. Er breitete die Arme. Der Pfeifendampf legte sich wie ein bestaubter Lorbeerkranz um sein Haupt. Das war nicht mehr der kranke, kümmerliche Poet, der grämlich und bissig seine Tage verschlief und seine Nächte verzechte, das war Armin selbst, seinen Reitern vorandonnernd, den sausenden Nordwind in Haarbusch und Brünne.
Da schlug ihm der Qualm eines niedergebrannten Stummels beizend in den Hals. Er schluckte, hustete, mußte sich unterbrechen. Als er seine Stimme nicht mehr hörte, weckte ihn die Stille jäh aus seinem herrlichen Traum. Fassungslos blickte er um sich. Die Tische mit den abgegessenen Tellern, die halbgeleerten Gläser, die umhergestreute Asche brachten ihn zur Besinnung. Nur wenige Gäste waren noch geblieben. Und die lagen, die Köpfe auf den Tischplatten, und schliefen. Eine Glatze blinkte fahl und wie höhnisch in dem ungewissen Licht. Der Rat Binder lag friedlich in seinen Stuhl zurückgelehnt und schnarchte. Ein schaler, abgestandener Geruch durchsäuerte die Luft. Grabbe wurde bis zum Hals hinunter totenweiß. Seine Finger knifften das Papier messerscharf zusammen. In der stickigen Hitze begann ihn zu frieren. Die Atemzüge der Schlafenden kreuzten sich und verflossen ineinander. Der Dichter sah immer noch mit einem halb verlegenen, halb verdutzten Lächeln um sich. Dann begriff er’s. Er hatte vor tauben Ohren gelesen. Das Blut schoß ihm mit solchem Ruck in Stirn und Wangen, daß es durch die Haut zu brechen schien; er wollte schreien, aber nur ein heiseres Winseln kroch aus seiner Kehle. Seiner selbst vor Scham und Wut nicht mehr mächtig, ergriff er ein Seidel und schwang es, um es auf den Kopf des gerade vor ihm liegenden Rats zu schmettern.
Da blieben seine flatternden Blicke in zwei großen, dunklen, schreckerstarrten Augen hängen, die ihm durch den Dunst entgegenblitzten. Mit einem Ruck stellte Grabbe das Glas hin. Die Augen hinter dem Schenktisch lösten sich aus ihrer Regungslosigkeit und wurden lebendig. Der Dichter stürzte über die umgeworfenen Stühle auf sie zu. Er griff ins Dunkle, faßte einen weichen, sanften Arm und zog ein vierzehnjähriges Mädchen hervor, das sich scheu hin und her wand. „Bitte, bitte, sagt es nicht Vater, daß ich hier war, er prügelt mich sonst
braun und blau.“ „Gehörst du denn zum Haus, mein Kind?“ fragte Grabbe und führte die sich Sträubende in den Lichtkreis der Lampe. „Ja. Mein Vater ist der Wirt von der ‚Stadt Frankfurt‘. Ich hörte Euch in meiner Kammer oben lesen und schlich mich hinunter. Eure Stimme scholl so gewaltig. Und wie die einen gingen und die anderen einnickten, Ihr es aber nicht merktet und nur ich noch wach war und zuhörte, da bildete ich mit ein, ich sei die Königin und Ihr mein Dichter, der mir seine Lieder vorliest.“ Grabbe strich über die Stirn des Kindes; unendlich zart glitt seine hartgenarbte Hand darüber. „Ihr die Königin und ich Euer Dichter?“ Seine Schultern zuckten hin und her; sein Mund bog sich lautlos, verkrümmt nach unten. „Ja, und meinen ganzen Hofstaat hatten Eure Worte verzaubert. Es war so herrlich. Warum habt Ihr nur aufgehört? Und wie geht es nun weiter, sagt doch: wird der Römer nun getötet?“ Bettelnd hatte das Kind seine Backe auf Grabbes Hand gepreßt. Er zog sie unwillkürlich zurück. „Mein liebes Kind — —“ Das verdammte Würgen in der Kehle! „Ach, lest doch weiter, ja?“ Das Mädchen streichelte schmeichelnd des Dichters magere Hände. Da ließ er sich am Tische nieder. Das Kind kauerte sich daneben. Und zwischen dem Schnarchen der Zecher und dem Stöhnen der Träumenden las Grabbe die „Hermannschlacht“ zu Ende. Über seine Wangen purzelten die Tränen. Er wischte sie mit der Hand fort und verschmierte sich das Gesicht. Aber er las und las.
Da, als gerade Varus sich in sein Schwert stürzen wollte, polterte jemand ins Zimmer. Es war der Wirt. Als er seine Tochter in dem gelben Dunst zwischen den Säufern an Grabbes Seite knien und ihre glänzenden Augen sah, die sich an des Dichters Lippen festgesogen hatten, brach er los. Die beiden fuhren auseinander. „Verdammtes Balg! Wirst du wohl
hinauf ins Bett. Na wart’! Morgen sprechen wir weiter über deine nächtlichen Ausflüge!“ Er stieß das Mädchen roh zur Tür hinaus; dort drehte es sich noch einmal um. Grabbe nickte ihm mit einem ohnmächtigen Lächeln zu. „Und Ihr mit Eurer Firlefanzerei, tätet wohl besser daran, auf Euer Zimmer zu gehen. Verdreht Ihr mit Eurem Gewäsch dem Kinde noch einmal den Kopf, so könnt Ihr Eure Siebensachen packen.“ Grabbe schwieg. Er stand auf. Über seinem Antlitz lag ein Schimmer, vor dem der Wirt zurückwich. Der Dichter aber grüßte ihn mit einer fast feierlichen Gebärde. Dann schritt er hinaus, so gerade und sicher, wie er lange nicht einhergegangen war.