Am anderen Tage, erzählt der getreue Ziegler, der ebenfalls in der „Stadt Frankfurt“ logierte, habe ein Fremder sich beschwert, daß er fast die ganze Nacht nicht habe schlafen können, so sehr sei er durch einen Gast im Zimmer nebenan gestört worden. „Mit dem Mann mußte etwas Fürchterliches vorgehen. Er sprang aus dem Bette, das konnte ich hören, und rannte dann wie wild die Stube auf und ab, er sprach laut mit sich selbst und stieß die schrecklichsten Verwünschungen und Flüche aus. Ich möchte mich umbringen, ha die Welt, ich wollte, daß ich tot wäre. Dann wurde es etwas stiller und es war mir, als ob der Hahn einer Pistole losginge, ohne daß es jedoch einen Knall gab. Sicher hat er die Absicht sich totzuschießen, dachte ich mir, aber er hat nicht den Mut, seinen Entschluß auszuführen. Als er dann eine Weile den Hahn in Bewegung gesetzt hatte, rief er: Nein, das wäre gemein! Und es wurde die Pistole gewaltsam auf die Erde geschleudert. Es war mir darauf, als hätte er sich über das Bett geworfen und laut geschluchzt und geweint.“
Das Trauerspiel war zu Ende. Die Maske fiel. Das doppelte Gesicht verschmolz zu einem, auf dem schon das Licht
einer anderen Welt lag. Noch einige Wochen lebte Grabbe im eigenen Haus, von Schimpf und Bosheit gepeinigt. Dann starb er am zwölften September achtzehnhundertachtunddreißig in den Armen seiner Mutter, während oben in der Dachstube bei einem Glase Festwein seine Frau die Erbschaftspapiere ordnete.
Ein Mensch hatte ausgelitten. Ein Mensch, der sich in seiner Zeit nicht zurechtfand. In dem schon all die Not, der Aufruhr und die Unsicherheit waren, die heute allgemein sind. Grabbe hat als Einzelner eine Epoche vorausgelebt. Ihm fehlten inmitten einer noch scheinbar festen bürgerlichen Welt schon der Glaube und die Form des Lebens. Mächtig begann er, klein und zerbrochen schwand er dahin. Über seinem Werk und Leben steht der Qualspruch aus Gerhart Hauptmanns „Florian Geyer“, der in der abendlichen Marktherberge zu Rothenburg über das kühne Unterfangen des Schwarzen Ritters und des Bauern sich dem getreuen Rektor Besenmeyer abpreßt: „Wie fing sich der Handel so glücklich an und wie fast gewaltig, und wie gehet er gar so kläglich aus.“
Kein stärker erschütternder Vergleich von Aufgang und Niedergang dieses Menschen, als wenn man seinen ersten uns bekannten und seinen letzten Brief hintereinander liest. Jener ist mit sechzehn Jahren an seinen Vater geschrieben und lautet:
„Liebe Eltern!
Schnell ergreife ich die Feder, da ich höre, daß mein Vater mit mir nach Meinberg will. Ich habe einen heftigen Wunsch, Wunsch — sage ich? — die heftigste Begierde, die größte Leidenschaft nach einem Buche . . . Wie gern gäbe ich vieles von meiner Kleidung dahin, um es zu erhalten, allein dies würdet ihr nicht erlauben, doch geht es, so erlaub es Vater, liebe Mutter! Bedenkt, daß wahrscheinlich die Ruhe Eures
Sohnes auf lange davon abhängt. Abschreiben möchte ich es, aber es sind vierzehn Baende . . . Wenn ich ein neu Kleid bekam, murrte ich: ach dachte ich, du hast der Kleider so viele, haettest du doch das Geld dafür, daß du es zum Buche brauchen könntest. Giebst du es mir, dann will ich wahrhaftig lange kein ander’ Buch, als ein Schulbuch, lange kein neu Kleid haben, und dir, durch kindlichen Gehorsam, soviel ich kann, und was doch meine Schuldigkeit ist, Dein Alter versüßen. Da es wissenschaftlich ist, so kannst du denken, daß ich es nicht zur Unterhaltung verlange. Es heißt: Zimmermann, Taschenbuch der Reisen, bei Gerhard Fleischer zu Leipzig mit Kupfern und Charten. O Gott, welch’ einen Tag habe ich heute wieder gehabt, ich habe das Buch immer vor Augen gehabt. . . Ich will keine Butter mehr essen, Caffee wenig trinken. Verschreib’ es mir, wenn Du kannst, bedenk’ meine Ruhe hängt lange, lange davon ab, jetzt beschließe ich diesen unter manchen Zähren und Schluchzen geschriebenen Brief.
Euer
geliebter Christian.