PS. Die Schrift konnte ich wegen meiner Unruhe nicht besser machen. Zum Zeichen, daß ich aber alles Mögliche getan habe, lege ich meine Aufsätze zum Durchsehen bei . . .
Dieser Brief ist vielleicht nicht ohne kindliche List geschrieben. Inhaltlich nur eine Bitte um ein Buch. Aber deutlich kündet sich in ihm schon das Maßlose und zugleich Verkrampfte, das Willensstarke und dabei doch zugleich sich vor Widerständen Duckende an. Vor allem jedoch: welche Begehr nach Wissen, nach Aufzucht seines Geistes, nach dem Kennenlernen für ihn abenteuerlicher Welten schreit förmlich daraus den Leser an. Und wie trocken, verquält, das tägliche Leiden und den Ekel
vor der täglichen Demütigung verratend klingt dagegen der letzte Brief, den er, der Ausgesperrte, zwei Monate vor seinem Tode an seine Frau schreibt:
„Frau!
Uebermorgen früh, Schlag neun Uhr, zieh’ ich in mein Haus. Vorerst denk’ ich mein altes Zimmer nebst Schlafkammer, beide parterre, zu wählen. Ich hoffe sie mit allen Möbeln so imstande zu finden, als sie waren. Den Doppelschlüssel zu dem Zimmer, wovon u. a. der Sergeant Schulz vielleicht zu sagen weiß, bitt’ ich mir auch neben dem Hausschlüssel aus. Hast Du mehr Hausschlüssel, so begehre ich alle, um sie zu vernichten. Einen Hausschlüssel (Du hast 2, wo nicht mehr) verlang’ ich gleichfalls. Uebermorgen früh halb neun Uhr hat Sophie bei mir zu erscheinen, oder sie ist übermorgen mittag 12 Uhr außer Diensten. Warum du gestern das Publikum aufzuregen geschienen . . . begreif’ ich nicht. Ein Ehemann kann übrigens in sein Haus treten. Ich tat dir dabei nichts zuleide. Sei klug. Bedenke, unser Interesse ist gemeinsam. Handle nicht dagegen. Ich werde dich nie verletzen. Fremde Ratgeber nützen wenig.
Chr. D. Grabbe.
Das knirschte derselbe mit sechsunddreißig Jahren über das Papier, der mit zwanzig versprach, ein Führer für Deutschland aus der Not der geistigen Reaktion zu werden. Er war ausgebrannt. Aber er hat sein Leben nicht umsonst gelebt. Durch das Jahrhundert geistert sein wüst-schönes Gesicht in unsere Tage, und mit dem Gelöbnis, auf seinem Wege der künstlerischen Konsequenz und der Mißachtung des Kompromisses glücklicher als er werden zu wollen, senken sich vor ihm die Fahnen der Gegenwärtigen. Die Fahnen, die immer vor
ihm sich senken werden, wenn Jugend das Schiff Poesie gen Morgen steuert. Schon an seinem Grab stand einer der Jugendlichsten seiner Zeit, der Dichter der schwarz-rot-goldenen Trikolore von 1848, Ferdinand Freiligrath, und sandte dem gestorbenen Freunde sein schönstes Epitaph nach, das unseren Ohren zwar ein wenig dröhnt, aber das durch und durch in echtestem Gefühl wurzelt. Er schrieb es
Bei Grabbes Tod
Dämm’rung! — das Lager! — Dumpf herüber schon
Vom Zelt des Feldherrn donnerte der Ton
Der abendlichen Lärmkanonen;
Dann Zapfenstreich, Querpfeifen, Trommelschlag,
Zusammenflutend die Musik danach
Von zweiundzwanzig Bataillonen!