Man hätte die Fenster nicht schließen und die Läden nicht vorlegen sollen letzte Woche, als der Prinz und sein zahlloses Gefolge in Paris einritten. Wenigstens hätten wir mit Augen gesehn, was wahr ist. Man hört verschiedenes. Überfälle auf anständige Bürger waren kürzlich zu beklagen, einigen sind die Taschen abgeknöpft worden von den Räubern, die Hugenotten heißen. Wir gehn aus Vorsicht nicht mehr auf die Straße, wenn es dunkel wird, man kann nicht wissen. Gegen die Ordnung und das Recht verstößt noch mehreres. Unser König verheiratet heute seine Schwester an den fremden Herrn, der einer der Ketzer und sogar ihr König sein soll. Ist das von Gott erlaubt? Unser Pfarrer speit dagegen Gift und Galle. Aber der Papst hat eingewilligt, wie sie sagen. Ist das möglich? Da stimmt etwas nicht. Die Hugenotten werden unseren König bedroht und gezwungen haben, und das Schreiben des Heiligen Vaters haben sie gefälscht. Ihre List und Gewalttaten sind bekannt. Seit unvordenklichen Zeiten, schon als wir Kinder waren, führen sie Krieg gegen die Katholiken, plündern und brennen im Land, auch den König haben sie bedroht, aber auf einmal ist Hochzeit. Das muß schlecht enden! Es gibt Vorzeichen!
Heute abend mach ich mein Haus noch fester zu. Gestern zur Nacht sollen die Großen im Schloß unseres Königs getafelt und getanzt haben zu Ehren der Verlobung. Man hat den Louvre erleuchtet gesehn wie vom Höllenfeuer selbst. Die Braut aber ist verschwunden, so wird behauptet, wie vom Teufel geholt. Man darf nicht alles glauben. Sie hat weit eher im bischöflichen Palast geschlafen gegenüber der Kathedrale, wo sie heute getraut wird, und soll die Messe hören. Der Hof wird einen nie vorgekommenen Prunk zeigen, und das Brautkleid kostet soviel wie zwei Häuser in Paris. Das muß man gesehn haben. Viel Volk und alle ehrbaren Leute sind unterwegs. Die Sonne scheint. Gehn auch wir!
Dies dachten und sprachen sowohl das Volk wie die ehrbaren Leute, als sie nach verfrühter Mittagsmahlzeit von allen Seiten der Stadt hinstrebten zu der Kirche Notre-Dame. Sie dachten und sprachen nicht etwa der eine ganz entgegengesetzt dem anderen, sondern im Verlauf des Weges sagte jeder alles und widersprach sich einige Male. Das kam aber, daß sie von Neugier und Vorfreude erfüllt waren und das Verschiedenste auf einmal erwarteten: Erbauliches, Schreckliches, Pracht, Unheil. Auf die kommenden Ereignisse übertrug die Menge ihre übliche Unruhe, vor der zwar jeder das eigene Haus bewahrt, aber auf der Straße ergeben sich ihr widerstandslos sowohl Volk als ehrbare Leute.
Erstens verstößt es schon gegen das Gesetz der Menge, wenn sie aufgehalten wird. Von selbst will sie nur immer weiter, was auch daraus wird. Unbesehn stieße sie die festlichen Holzbauten um, auf dem Platz vor der Kathedrale. In Voraussicht dessen ist Schweizer Wache da, mit quergehaltenen Hellebarden drängt sie die Menge zurück in die Mündungen der Straßen. Weder Bitten noch Verwünschungen berühren diese Fremden, weil sie nichts verstehn. Sie sind vierschrötig, werden durch keulenförmige Ärmel noch breiter, und ihre farblosen Barte liegen auf Wämsern, die besonders bunt sind. Sie haben den Tritt von Bären; wer schnell und gewandt ist, kann sie überlisten. Viele kommen denn auch durch, wäre es nur kriechend unter den Schäften der Spieße. Zuletzt wird man immer wieder zurückgejagt, vorher aber sieht man, sperrt die Augen auf, und sofort streitet man, weiß es besser, weiß überhaupt viel und zerreißt sich den Mund.
«Wir von der Innung der Zimmerleute sind natürlich die ersten Unterrichteten. Wir haben vor dem Hauptportal der Kathedrale das große Gerüst erbaut, darauf soll unsere Prinzessin Margot mit dem Herrn König von Navarra öffentlich getraut werden durch den Papst in Person.»
«Nicht der Papst, sondern ein Barfüßer-Mönch, den ich kenne, rühmt sich, daß er sie trauen wird. Er hat alles vorausgesagt. Wenn ich sprechen dürfte!»
«Dasselbe können Sie auch von mir erfahren. Ich prophezeie, daß der König von Navarra ein Hahnrei sein wird. Wie? Das wäre verboten zu sagen? Dann sind Sie selbst der Hahnrei, fragen Sie nur die Leute!»
«Von mir bekommen Sie nicht die Antwort, die Ihnen gebührt, denn ich bin friedfertig — wohl aber von dem hugenottischen Herrn, der neben Ihnen steht. Machen Sie sich auf Prügel gefaßt!»
«Gute Christen! Ihr könnt selbst bemerken, daß es hier, wie überall in Paris, zu viele Ketzer gibt. Sie werden sogar bevorzugt, die Wache läßt sie durch.»
«Denn auch der Bräutigam ist einer von ihnen. Das bedeutet, gute Christen, daß ihr in die Hände der Ungläubigen fallet. Wehe euch!»