«Laßt mich hinein!» sagte Henri zu den Seinen. Sie hielten ihn aber fest. «Wir gehen nicht ohne dich, noust Henric! Wir haben Pferde in den Ställen, mit dir schlagen wir uns durch, mit dir kehren wir tausendfach wieder.» Sie umringten ihn und wagten ihn dringend anzufassen — hätten ihn auch mitgerissen in ihre Bewegung, und die war gemacht aus ihrem ganzen Vertrauen zur Natur; an ihn klammerten sie sich, wie an einen heimatlichen Rebhügel, der sie deckte und den sie nicht aufgaben, gegen keine Übermacht.
Er selbst hätte nur wollen müssen. «Laßt mich mit dem Hauptmann sprechen!» verlangte er statt dessen, da er jetzt sehen konnte, wer auf der Brücke befahl. Der Hauptmann de Nançay hatte inzwischen das Tor weit öffnen lassen, alle Hugenotten mochten abziehen, er hatte es auf ihren König abgesehen. Die Knebelbärte und Koller stießen durch und trabten vorbei an denen, die nicht mehr zahlreich Henri umringten. Der Wall von Körpern um ihn zerfiel und wurde schmal. Jemand, der noch da war, raunte: «Die letzte Minute!» Schüchterne Stimme eines Freundes, der eben rechtzeitig für die letzte Minute erschienen war, zu spät, als daß er das Recht gehabt hätte, anzupacken. Er legte dennoch Hand an Henri, er nötigte ihn zu einem Ringkampf wegen jedes Schrittes, den er ihn fortzerrte vom Tor. Sie kämpften selbstvergessen, bis sie getrennt wurden, sie hatten einander Beulen beigebracht und die Kleider zerrissen.
Die Stimme des Hauptmannes rief: «Was fällt Ihnen ein, d’Elbeuf! Den König von Navarra erschlägt man nicht. Man geleitet ihn ehrfurchtsvoll in das Schloß zurück.»
Henri, der wieder klar sah, fand von seinen Leuten keinen mehr, und Hauptmann de Nançay, mit dem er allein war, schlug einen unerträglichen Ton an. «Sire, schon bei Ihrer Ankunft hatte ich die Ehre, Ihnen zu versichern: je mehr Hugenotten im Louvre, je besser. Leider sind uns soeben einige entwischt. Dank dem heiligen Bartholomäus, Sie haben wir noch.» Worauf Henri, mit der Schnelligkeit seiner achtzehn Jahre, dem Mann einen Backenstreich gab und weiterging. Er sah noch das bestürzte Gesicht des Geschlagenen. Als aber Bewaffnete ihm nachliefen, hörte er den Hauptmann «Halt!» rufen. De Nançay knirschte zuerst und stöhnte dann: «Das ist für später.»
Aus dem Haus erklang voll die Tanzmusik, Fenster standen offen, unter einem verstreuten Licht bewegten sich Gestalten einander entgegen, nur um ihre Reihen dann dennoch zu trennen. Henri stand unten und suchte nach ihr, es war Zeit, sie wiederzufinden. Immer neue wirre Vorgänge hielten ihn fern von ihr, ohne daß sie selbst ihm eine Spur zeigte oder Nachricht hinterließ. Er sah hinauf aus dem Dunkel ins Ungewisse, und ihm klopfte das Herz. ‹Im gelben verstreuten Licht, dem milden Rauschen der Musik vollführte sie jetzt wohl ihre gewählten und kostbaren Bewegungen, gab ihren Füßen und Händen den Anschein des Schwebens, lächelte als Maske der vollkommenen Schönheit. Wir sind weder vollkommen noch edel, Margot, wenn wir nackt sind!› Er faßte mit beiden Händen in die Rosen, die hinauf zu dem offenen Fenster rankten. Der Stich der Dornen machte ihm Vergnügen, das ist der Schmerz, den du mir schenkst! Wäre auch geklettert am Spalier — leider plumpsten aus dem unteren Saal einige angetrunkene Tölpel, Schweizer, die sich draußen erleichtern wollten, und das nirgends sonst als auf die Rosen und den Verliebten. Der entwich in den Saal, und draußen brüllten sie bei ihrem Geschäft vor Lachen.
Das war der Wachsaal, von einzelnen Fackeln ungleich erhellt, und niemand drinnen, außer vier Steinfiguren, die eine Tribüne tragen. In den nächsten, davon abgetrennten Raum führten drei Stufen, man stolperte über sie und weiß nicht, wohin man gerät. Hohes Gewölbe, vom Ball dort oben kaum noch die Erinnerung eines Geigenschluchzens, und kein Licht mehr. «Holla! Niemand hier?»
«Allerdings, jemand hier», antworteten gleich zwei, und Henri, scharf und wach, erkannte die Stimmen, er unterschied auf dem schwarzen Grunde ihre weißlichen Regungen.
«D’Anjou und Guise», rief er ihnen entgegen. «Die Muntersten auf meiner Hochzeit!»
«Du, Navarra?» sagte d’Anjou so trocken wie immer. «Deine Sache wäre Tanzen oder Bettliegen. Unsere sind Sorgen. He! Licht!» sagte er, nicht lauter als das vorige, und es hörte auch niemand.
«Ich bin neugierig auf eure Sorgen. Denn ich kenne euch als Freunde, wie ich sie liebe, ohne Furcht, ohne Falsch.»