Navarra und Condé überlegten natürlich, daß trotz allem der Tod des alten Guise auf die Rechnung des Herrn Admiral käme: wenigstens sagte man es. Sie fanden begreiflich, daß er selbst es nicht zugab. Ebensosehr leuchtete ihnen ein, daß der Sohn des Ermordeten noch niemals wirklich verzichtet hatte auf seine Rache. Aber jetzt hat er genug, meinte Henri für sich. Ein Finger genügt. Ich kann den Tod meiner armen Mutter mit keinem abgehackten Finger bestrafen. Der Anblick des Greises sowie der Vergleich mit seinem eigenen Fall machten beide, daß ihm Tränen in die Augen traten. Sein Vetter Condé, weniger empfindsam und nicht besonders zart, sagte heraus, was er dachte: «Herr Admiral, Ihre Versöhnung mit dem Guise konnte auch der König nicht verbürgen. Sie selbst mußten sich hüten vor einem Mann, dem der Vater getötet worden war.»

«Nicht durch mich!» beteuerte Coligny stark. Er sah sie an, er wollte sich aufrichten: bei der Bewegung hätte er fast geschrien, solche Schmerzen verursachte sie seinem Arm.

Sein Diener und sein Hausgeistlicher eilten ihm zu Hilfe. Condé schwieg bestürzt.

«Ich», sprach Coligny feierlich, «habe den Tod Lothringens nicht gewollt noch vorausgewußt. Er selbst betrieb den Plan, mich zu töten, und durch die Hand seines Sohnes hat er ihn zuletzt dennoch ausgeführt. Ich aber hatte gegen ihn nichts vor. Das ist wahr. Gott helfe mir.» Sie hörten ihn, und man konnte den Eindruck haben, daß auch Gott ihn hörte. Navarra und Condé grüßten und zogen sich zurück, nicht nur, weil der Wundarzt es verlangte. Condé war eingeschüchtert, die vorgebrachte Beschuldigung nahm er vor seinem Vetter ausdrücklich zurück. Navarra schwieg; in seinem Innern glaubte er dem Herrn Admiral kein Wort. Vielmehr erschien ihm gewiß, daß Guise begreiflichen Grund gehabt hatte für seinen alten Haß gegen Coligny. Er hatte einen Mörder ausgeschickt zu dem, der einst den Tod seines Vaters gewollt hatte. Viel weniger oder gar nicht hatte er den Mörder entsandt zu dem Führer der Protestanten. ‹Der ist nicht gemeint, und daher haben wir andern für uns nichts zu fürchten. Margot!› rief es in ihm, obwohl er weiter dachte. ‹Auch der Alte wird nicht sterben. Er ist nur gewohnt, sich feierlich zu nehmen und sogar in zweifelhaften Fällen Gott auf seine Seite zu bringen. Margot!› rief sein Herz stürmisch dazwischen, und er beschleunigte den Schritt.

Ambroise Paré legte seine Instrumente bereit, um auch den zerschossenen Arm zu schneiden. Comaton, der treue Diener des Herrn Admiral, und sein Hausgeistlicher Merlin weinten, während sein deutscher Dolmetsch, genannt Nikolaus Muß, die große Leidensgestalt versunken betrachtete, denn er liebte und verehrte sie. «Auch diesmal ist es ein Freitag, nach dem Vorbild unseres Herrn.» Dies flüsterte er in dem stillen Zimmer.

Der von Navarra tat inzwischen, was durch die Selbstachtung geboten war. Zusammen mit Condé und dem jungen La Rochefoucauld ging er zu Karl dem Neunten und beschwerte sich über den Angriff, der in der Person des Herrn Admiral auf ihn und alle von der Religion wäre verübt worden. Karl selbst vermochte kaum zu sprechen: er war in Wahrheit noch tiefer getroffen als Navarra. Er stotterte nur, das wäre seine eigene Wunde — sein Finger, sein Arm! Er schüttelte diese Glieder vor ihren Augen zum Zeugnis, daß er die Untat rächen werde. Aber seine Mutter ließ ihn nicht ausreden; denn sie war zugegen, Madame Catherine hatte die Tür aufgemacht, sobald sie die Ankunft der protestantischen Herren erfuhr. «Ganz Frankreich ist verwundet!» rief sie. «Jetzt kann es nicht mehr lange dauern und sie vergreifen sich an dem König in seinem Bett!» Wobei sie große Furcht sehen ließ und ihrem armen Sohn auch wirklich bange machte. Denn er wollte noch immer nicht ernstlich glauben, daß seine Mutter gegen ihn verschworen sein könnte mit anderen. Navarra, der dies durchaus wußte, geriet dennoch ins Schwanken; Madame Catherine überzeugte ihn fast, weil sie in ihrer Art aufrichtig war. Der Mordversuch an dem Admiral kam ihr zu früh; Guise hatte eigenmächtig gehandelt Navarra bat nicht noch einmal, Karl möge ihn und die Seinen entlassen, es wäre für sie nicht mehr sicher in Paris. Gern nahm er das Versprechen mit, daß der König selbst den Herrn Admiral besuchen wollte. «Und ich auch», sagte die alte Königin schnell. Das fehlte noch, daß ihr armer Sohn mit seinem sogenannten Vater sich ohne sie aussprach!

Der Verwundete aber ertrug zwei Einschnitte in seinen Arm, die gemacht werden mußten, um die Kugel zu entfernen. Wer das Gesicht abwendet von seinem gemarterten Fleisch und den bezwungenen Schmerz dem Herrn darbringt, behält eher seinen Mut, als wer dabeisteht und genötigt ist, nichts vor Augen zu haben außer einem verwüsteten, blutspritzenden Glied des vergänglichen Leibes. Der Herr Admiral tröstete die anderen, bis Pastor Merlin sich darauf besann, was seines Amtes war. Er richtete an Gott ein glühendes Gebet, und es kam rechtzeitg, denn der Kranke hatte, bis er verbunden war, so viel Blut verloren, daß seine Kräfte bedenklich nachließen. Der Chirurg war sehr ernst, auch er in seinem Herzen betete, während er sein Ohr an die Brust des Patienten legte.

Als der Herr Admiral endlich die Augen wieder öffnete, war sein erstes, dem Herrn zu danken, so laut er konnte, für diese Wunden, deren er war gewürdigt worden. Wenn Gott ihn nach Verdienst behandelt hätte, um wieviel mehr noch müßte er dann leiden! Der Pastor erkannte wohl, was dem Todkranken selbst verborgen blieb: er wollte mit solchen Bekenntnissen seine Mörder eigentlich ins Unrecht setzen. Das war unerlaubt, und Merlin warnte ihn. Sogleich erklärte der Herr Admiral, er verzeihe ihnen. Mit aller Demut, deren er bis jetzt fähig war, beichtete er dem Herrn und empfahl sich seiner Gnade.

«O Herr! Was würde aus uns, wenn Du auf unsere Sünden blicktest. Rechne mir gnädig an, daß ich alle erdichteten Götter verworfen habe und niemand anbete als Dich, den ewigen Vater Jesu Christi!»

Mit den erdichteten Göttern meinte er die Heiligen meinte aber auch Mars und Ceres, deren unverschämte Leibespracht dargeboten wurde an einem Kamin mitten im Königsschloß, sowie Pluto oder Jupiter, verkörpert bei Maskenfesten von dem halbnackten König. Coligny liebte die Welt nicht, so sehr er um sie gekämpft hatte; glaubte an das Körperliche nicht, und für ihn bestand die Wahrheit aus dem, was man nicht sieht. Er sagte zu Gott, den er kannte: «Wenn ich denn sterben muß, wirst Du mich auf der Stelle aufnehmen in Dein Reich, zu ruhn bei den Glückseligen.» Der Admiral Coligny hatte kämpfen müssen um eine schnöde Welt: Ruhe wäre ihm nicht ungelegen gekommen.