Hiernach wurde es völlig still: alle betrachteten ihn und einander. Was meinte er, und von wem sprach er? Seine Mutter sagte: «Dein Bruder ist hier, mein Sohn.» Da ihr Hinweis an seiner Haltung auch das Geringste nicht änderte, begriff sie nicht mehr. Madame Catherine war in allen Tatsachen gerecht; nur vor dem Gefühl versagte sie und wurde dumm. Übrigens war sie nicht dabei gewesen, als ihr armer betrunkener Sohn eines Abends dies gehetzte Geraune hatte hören lassen am Ohr seines neuen Schwagers: «Navarra! Räche mich! Darum gebe ich dir meine Schwester. Räch mich und mein Königreich!»
Ein Zufall, daß der junge Henri um dieselbe Zeit zu Bett lag, umringt von vierzig seiner Protestanten. Er hätte auch aufstehn können. Sie hatten Ansprüche an den König genug; wozu sie verschieben auf den Morgen. Gleich jetzt konnten alle sich aufmachen und das königliche Vorzimmer erstürmen mit ihrer Übermacht. Die Tür fliegt weg: mein Bruder! Du kommst und befreist mich.
Unbeweglich stand die Tür, sein Bruder ließ ihn allein, der Unglückliche fühlte das Ende nahen. Das sah Madame Catherine ihm auch an, darauf verstand sie sich. Jetzt wußte er sich verlassen und ausgeliefert. Schnell, den Gnadenstoß! Sie stützte sich am Stock vom Sitz auf, faßte ihren Sohn d’Anjou bei der Hand und rief, lauter als alles bisher: «Komm fort von diesem Hof, damit wir uns vor dem Verderben erretten und die Katastrophe nicht mit ansehn müssen. Wie leicht wäre sie zu vermeiden gewesen! Deinem Bruder fehlt nur der Mut, er ist ein Feigling!»
Dies hören, und auch Karl war auf den Füßen. Feigling! Um sein Gesicht klatschte eine Peitsche. Der Abgrund öffnete sich unter ihm, da seine Mutter ihn aufgab. In seinem Kopf tobten die Widersprüche. Ehre, Furcht, die Wut und das bessere Wissen machten alle zusammen aus ihm ein Wesen mit zuckendem Gesicht. Er hätte auf die Knie fallen können. Er konnte ebensogut irgendeinen von ihnen erdolchen. Aber er wählte etwas Drittes, er wurde toll. Sein Ausbruch von Raserei bewahrte ihn im letzten Augenblick vor dem Untergang in Verzweiflung. Er fing an, umherzurennen und zu brüllen, womit er sich anfeuerte. Seine Schauspielerei hatte dabei nicht weniger zu sagen als die schaudernde Natur. Er stürmte die Bahn frei und warf an die Wand, wer im Weg war. Madame Catherine wurde beinahe geläufig, sie hockte sich hinter einen festungsartigen Schrank und schätzte ab, wie weit seine Tollheit gehen würde. Auch in dieser Hinsicht hegte sie Zweifel an der Begabung ihres armen Sohnes.
Jetzt hielt Karl an — in der Mitte des Zimmers als einzig dastehende Schreckensgestalt, wie er sich haben wollte. Mäuschenstill war es; trotzdem brüllte er: «Ruhe!» Immer noch zu seiner Anfeuerung stieß er Lästerungen der Mutter Gottes aus. Dann kam das Erzeugnis seines Wahnsinns. «Ihr wollt den Admiral umbringen: will ich auch. Will ich auch!» brüllte er, daß sich ihm wahrhaftig der Kopf drehte. «Aber alle anderen Hugenotten in ganz Frankreich» — Augenrollen und Gebrüll — «sollen mit dran glauben. Nicht einer soll übrigbleiben, nicht einer, der mir nachher mit Vorwürfen kommen könnte. Das will ich nicht haben, das nicht. Macht schon und gebt die Befehle aus!» Mit Aufstampfen und Gebrüll: «Wird’s bald? Oder —»
Aber es gab kein Oder mehr, und der Unglückliche wußte es. Sie beeilten sich, sie klemmten einander ein, weil jeder vor dem anderen hinaus wollte. Die letzte war seine Mutter; sie wendete sich noch auf der Schwelle nach ihm um, und sie nickte ihm zu mit ungewohnter Anerkennung. Es hieß: das hast du besser gemacht, als ich von dir erwartet hätte. Hinter der geschlossenen Tür horchte sie kurz, wie er sich jetzt verhielt. Etwas zu lautlos. Eine Ohnmacht? Man hat ihn nicht fallen gehört. Kaum so recht vorzustellen. Unvorstellbar — fand Madame Catherine und watschelte geschäftig den anderen nach. Denn vieles war zu beschließen und alsbald zu tun. Sie hatte nicht ganz ernstlich geglaubt, wenn sie früher ihren Geist über einen Abgrund spannte, daß sie den jenseitigen Rand jemals in Wirklichkeit erreichen würde. Jetzt war sie drüben, dank ihrer Geduld, Kühnheit und Voraussicht. Dafür gebührte nur ihr die oberste Leitung alles Bevorstehenden. Ihr Sohn d’Anjou war fernzuhalten von der Ausführung. Der künftige König darf nicht persönlich hervortreten bei einem Werk, das nützlich und richtig ist, obwohl es auf den handelnden Personen vielleicht doch unliebsame Kennzeichen hinterlassen wird. Zwölf Uhr. Welche Nacht ist dies? Sankt Bartholomäus. Unsere Unternehmungen mögen noch so sehr angemessen dem Weltgeschehen sein, sie bleiben immer in Gefahr, mißdeutet zu werden, und Dank ist ungewiß.
Das Geständnis
Da drangen sie in den Hof seines Hauses. Der Admiral Coligny hörte Kolben oder Stangen drunten gegen die Tür stoßen. Jemand kommandierte: die helle, gereizte Stimme war ihm bekannt, Guise. Sogleich wußte er auch, was ihm bevorstand: der Tod. Und er verließ sein Bett, um ihn stehend zu erwarten.
Sein Diener Cornaton zog ihm den Hausrock über. Der Wundarzt Ambroise Paré fragte, was denn vorginge, und Cornaton antwortete, wobei er den Herrn Admiral ansah: «Es ist Gott. Er ruft uns zu sich. Sie brechen das Haus auf. Kein Widerstand ist möglich.»
Das Klopfen setzte aus, denn Guise hielt eine Ansprache an seine Truppen. Es waren Soldaten in großer Zahl, darunter die Wache, die der König von Navarra zum Schutz des Admirals in die Läden gegenüber gelegt hatte: er glaubte wohl nicht, daß ihr Anführer verraten würde aus bloßem Haß. Sie hielten die Straße Dürrer Baum und alle ihre Ausgänge besetzt: auch die Häuser, in denen protestantische Herren untergebracht waren. Diese sollten zu dem Herrn Admiral, dessen Leben ihnen teuer war, nie mehr hingelangen, denn sie verloren vorher ihr eigenes.