«König! Hast du uns Protestanten gehaßt? Nein; denn du hast unseren Glauben eingesogen mit meiner Milch. Sire, alles Blut der Gemordeten kommt über jene, die sie gehaßt haben. Du warst ein unschuldiges Kind, dir rechnet Gott nichts an.»

«Was hat man aus deinem unschuldigen Kind gemacht!» klagte dagegen er. «Ist es zu verstehen? Ich — nichts, was ich getan habe, gehört eigentlich mir, und nichts Gewesenes kann ich mitnehmen. Vor Gott, wenn er mich dann fragt nach der Bartholomäusnacht, werde ich hilflos antworten: Herr! Ich verschlief sie wohl.»

Seine Stimme sank herab zum Geflüster, der Kranke schlummerte ein. Die Amme trocknet ihn mit einem frischen Tuch, und jetzt breitet sie es aus. Sein Gesicht war blutig darin abgedrückt.

Da er tief und hörbar atmete, zog sie ihm unter dem Kopf das Kissen fort, so daß er flach in ganzer Länge lag, und hierauf tat sie etwas, das er ebensowenig hätte bemerken dürfen wie das blutige Tuch: sie nahm ihm Maß. Mit höchster Sorgfalt maß sie den Körper ihres Königs, den ich nach ihrem Amt und Vorrecht sollte in den Sarg betten, wie zu Beginn in die Wiege. Ihr fiel eins nicht schwerer als das andere: sie war eine kräftige Frau. Er dagegen wog jetzt wieder leicht. Lange Zeit hatte sie ihn immer nur zunehmen gesehen an Umfang und Gewicht. Vorübergehend war er hochrot von Farbe gewesen, seine Bewegungen luden aus, seine Stimme dröhnte. Sie betrachtete ihn, der jetzt wieder schmal und bleich, bald auch ganz still war. Zwischen Anfang und Ende hatte er das Blut vieler Menschen vergossen, das seine aber war langsam aus ihm getreten. Sie fühlte: beides war geschehen unaufhaltsam, für unerkennbare Zwecke. Übrig bleibt: Ich Amme leg ihn in die Truhe. Sie billigte alles, wie es war, sie behielt die Augen trocken.

Der Abend hatte sich niedergelassen, der Abend vor Pfingsten: da erwachte Karl. Die Amme erkannte es an seinem Atem allein. Sie machte Licht und sieh, sein Bluten hatte aufgehört. Dafür war er jetzt überaus schwach, mit Anstrengung erhob er die Hand, um ihr zu bedeuten, was er wollte. Sie verstand nicht, obwohl sie ihn aufsetzte und das Ohr an seine Lippen legte. «Navarra», hauchte er, und sie erriet es.

Sie rief den Befehl des Königs zur Tür hinaus, die Wachen gaben ihn weiter, und jemand lief, ihn zu überbringen. Nicht zu Henri eilte der Offizier, sondern natürlich zu Madame Catherine. Sie war denn auch die erste, die anlangte bei ihrem sterbenden Sohn. Die Amme hatte ihm das Gesicht gewaschen; es schien weiß wie Stein und unsäglich abweisend gegen jede Zudringlichkeit der Lebenden. Madame Catherine, mit der blutwarmen Natur einer Mörderin, stößt auf Fremdes, gar nicht Geheures. So sterben die sonst nicht. Zu vornehm! Kenn ich nicht. Ist nie aus meinem Schoß gekrochen! Nur gut, daß noch jemand hier erwartet wird.

Henri Navarra indessen ging einen Weg der Ängste — durch enge gewölbte Gänge, starrend von Bewaffneten. Ihm wurde kalt bei all dem entblößten Eisen, den Arkebusen, Hellebarden, Partisanen. Er erkannte den Tod, nicht anders als Karl selbst — hatte aber dabei all sein Blut, sowie die Füße zum Entlaufen. Wirklich stockte er und wäre umgekehrt. Kam dennoch an, trat ein und ließ sich auf die Knie. Von der Tür bis an den Fuß des Bettes ging Henri auf den Knien. Hier vernahm er, was Karl hauchte. «Mein Bruder, jetzt verlieren Sie mich, aber Sie selbst wären längst nicht mehr am Leben. Ich allein habe den anderen abgeschlagen, was sie vorhatten. Dafür wollen Sie sich künftig meiner Frau und meines Kindes annehmen. Künftig», wiederholte er — und so leise er sprach, das Wort hallte. ‹Er weiß, daß ich soll König von Frankreich sein! Wer stirbt, sieht in die Zukunft.›

So ist es, daher ein großes Unbehagen bei Madame Catherine. Horoskope und Dämpfe der Metalle stehen allerdings gegen das Wort des Sterbenden. Gleichwohl sind solche Worte folgenschwer, darum aufgepaßt! Karl ringt, um Henri noch eins zu hinterlassen. Es soll eine Warnung sein, das ist ihm anzusehen. «Trau nicht meinem —» beginnt er, da fährt sie schon hinein. «Sag das nicht!» Weil nun Karl endgültig erschöpft war und zurück auf das Kissen fiel, blieb unentschieden, wen Henri mehr zu fürchten hatte, ob d’Anjou, der ihn haßte, oder d’Alençon, seinen eigenen unsicheren Gefährten. Er beschloß, sich vor beiden zu hüten.

Madame Catherine verließ das Sterbezimmer, als sie sich überzeugt hatte, daß Karl nicht mehr sprechen würde. Henri harrte, immer kniend, solange aus, bis der Todeskampf begonnen hatte.

Bei ihrem Pflegling blieb schließlich allein zurück die Amme. Über ihn geneigt, fing sie seine Seufzer auf — nicht als hätte sie gefühlt mit dem, der selbst nicht mehr fühlte, sondern einfach, damit sie genau feststellte, wann der letzte abbräche. Sie wußte wohl: In diesem vergehenden Geist gespensterte nur noch das Früheste, lang Vergessene, niemandem bekannt als ihnen beiden. Ihr fiel es wieder ein zugleich mit ihm, und dem Entschlafenden zur Seite kehrte sie in alte Tage zurück. Nur seine kurzen Seufzer bewegten seine Lippen, dennoch verstand sie «Wald», dennoch verstand sie «Nacht», und «müde». Das Kind hat sich verirrt im Wald von Fontainebleau, jetzt fürchtet es sich im Dunkeln. Vorzeiten geschah dies, und geschieht zuletzt nochmals. Sie summt statt seiner die Worte. Eintönig wiederholte Worte fügen sich ungewollt aneinander, und sie summt: