Ihm war es durchaus bewußt, trotzdem fand er die Kühnheit, entgegen der Übereinkunft und herrschenden Wahrheit laut zu sagen: «Wer seiner Pflicht nachkommt, ist auch von meinem Glauben, ich aber bin vom Glauben derer, die tapfer und gut sind.» Er sprach dies aus und schrieb es in Briefen, obwohl ihm aus den Worten eine Schlinge gemacht werden konnte. Er hatte aber hinter sich den Louvre, die lange Gefangenschaft, Lüge, Todesfurcht; er sah zurück auf das Gemetzel um des Glaubens willen. Gerade er hätte alles Menschliche hassen können. Statt dessen berief er sich nur noch auf das, was Menschen einigen sollte, und das war, tapfer und gut zu sein. Natürlich dachte er sich das Seine. Tapfer — das sind die wohl. Sogar im Louvre waren die meisten von uns tapfer. Güte? Noch hüten fast alle sich, von Güte etwas merken zu lassen. Dafür müßten sie nicht nur tapfer, sondern kühn sein. Er verführte sie aber, ohne selbst zu bemerken, womit: dadurch, daß er seine Güte würzte mit einiger List. Milde und Duldsamkeit sind den Menschen nicht mehr verächtlich, wenn sie sich überlistet fühlen.
Der Friede im Königreich war wieder einmal mißlungen. Er hieß nach Monsieur, dem Bruder des Königs von Frankreich. Monsieur war seit seinem Frieden nicht mehr d’Alençon, sondern d’Anjou und bereichert um hunderttausend Taler Rente. Sogar seine deutschen Truppen bezahlte ihm der König, gegen den sie gekämpft hatten. Monsieur für seine Person hätte sich beruhigen können, obwohl er dies in seinem kurzen Leben nicht fertigbrachte. Vielmehr ging er nach Flandern, wollte König der Niederlande werden und von Thron zu Thron die Hand ausstrecken nach der Hand Elisabeths von England: eine Fünfundvierzigjährige mittlerweile. Die hochbeinige Königin und ihr kleiner Italiener, so nannte sie den Mann mit den zwei Nasen: über das Paar ließ sich viel lachen, des Abends in Nérac, wenn der Gouverneur und sein «Geheimer Rat» beim Wein die Nachrichten besprachen. Sonst aber war der Friede, der nach Monsieur hieß, mißlungen. Die Pariser waren nicht einmal hingegangen, als der König ein Feuerwerk hatte abbrennen lassen. Die Liga des dreisten Guise wühlte, und selten waren im Königreich die Tische, an denen man beisammensaß und nicht fragte, was einer glaubte. Daher berief der König von Frankreich die Ständeversammlung nach seinem Schloß in Blois. Protestantische Abgeordnete reisten nicht mehr dorthin, sie wußten zu gut, wie man betrogen wird. Aber der König von Navarra ließ für den Frieden schreiben durch seinen Diplomaten, Herrn Du Plessis-Mornay, und vor allem schrieb er selbst.
Die anderen hatten alle nur die Sorge, einander zu schaden, Protestanten wie Katholiken. Diese, als die Stärkeren, riefen nach Gewalt, jene nach ihrer verbürgten Sicherheit. Wer indessen der Schwächere ist, muß nicht auf das Recht pochen, sondern Duldsamkeit und Güte empfehlen: unter dem Schutz dieser Tugenden wird er leicht seine Macht vergrößern. Tugend aber, verbunden mit Macht, erwirbt mehr Anhänger, als jede der beiden allein. In ihren Zwekken verstanden sich Henri und sein Gesandter, gingen auch dieselben Wege. Mornay: seinen Schriftsatz an die Ständeversammlung schob er einem wohlgesinnten Katholiken unter, als hätte der ihn verfaßt, und war doch nur eine Erfindung des frommen und listigen Mornay. Henri wieder — persönlich, so schrieb er dorthin, bitte er Gott, ihn wissen zu lassen, welches die wahre Religion sei. Dann würde er ihr dienen und die falsche verjagen aus dem Königreich, womöglich sogar aus der Welt. Glücklicherweise ließ Gott ihm hierüber keinerlei Mitteilung zugehn: so lief er nicht die Gefahr, daß er seine befestigten Plätze etwa hätte ausliefern müssen.
Was er im Ernst tun konnte, damit der Bürgerkrieg nicht wieder ausbräche, dessen beeiferte er sich — eilte auch entgegen, als der König von Frankreich ihm Gesandte schickte. Diese sollten ihn wieder einmal zum Katholizismus bekehren, und das hinter den Mauern seiner treuen Stadt Agen. Der eine war derselbe Villars, der ihn nicht in Bordeaux einließ, der andere ein Erzbischof aus seinem eigenen Hause, der dritte bedeutete am meisten, denn es war der Schatzmeister von Frankreich. Henri empfing alle auf einmal und jeden für sich. Man weiß nie, was einer ohne Zeugen noch vorbringen wird, besonders bei Geldsachen. In der gemeinsamen Sitzung beklagte der Erzbischof die Leiden des Volkes, und Henri weinte — wobei er sich dachte, daß die Leiden des Volkes zwar die seinen wären, nicht aber die des Erzbischofs; und gerade darum war auch das Königreich nur ihm selbst bestimmt. Diese Nachricht kam ihm allerdings von Gott. Darum ließ er auch in demselben Augenblick von seinen Leuten eine Stadt stürmen. Der gute Villars hatte sie entblößt von den Soldaten, die er brauchte, um mit starker Bedeckung vor seinen Gouverneur zu treten. ‹Mein kleines Gefecht!› So jubelte Henri heimlich; weinte dabei noch immer, aber wer unterscheidet Freudentränen von anderen. ‹Mein kleines Gefecht!›
Marquis de Villars nahm seine Rache, es währte gar nicht lange. Henri spielt «langen Ball» in seinem Schloßhof, den ein Viereck hoher Gebäude umschließt. Verzierte Fenster und kunstreiche Säulengänge entlang den Fronten, die breite und großartige Doppeltreppe hinab zum Fluß und den Gärten: alles haben seine Vorfahren erbaut schon vor zweihundert Jahren, und an jeder der vier Ecken bewacht die Herrlichkeit ein dicker Turm. Auch Turmwächter können sich natürlich mit Mädchen vergessen, und währenddessen schleicht sich der Feind heran von einem Busch zum andern und im Schutz eines Hauses bis hinter das nächste. Im umhegten Hof wirft Henri den langen Lederball. Säße er gerade beim Essen, dann wäre in die Wand des Speisezimmers eingesenkt ein enges Gelaß, dort kauert der Beobachter, der das Land abspäht nach verdächtigen Erscheinungen. Man sollte die Maßnahmen nie vergessen: jetzt ist es zu spät. Ein klägliches Geschrei erhebt sich; der Feind ist eingedrungen hinter die vierte Front, schon hält er jemand an der Kehle. Die Ballspieler sind ohne Waffen. Während seine Freunde über die Freitreppe entspringen, verschwindet Henri im Haus — und so lange der Feind ihn nachher sucht, er wird nicht gefunden.
Château de la Grange
Er entfernte sich unter den Füssen der Suchenden, dann unter der Stadt, dann unter den Feldern. Der unterirdische Gang, in den hinab er sich tastete, war alt und von allen Lebenden nur ihm bekannt. Er traf das Feuerzeug, die Lampe, und vermied bei ihrem kleinen Licht die Löcher und verschütteten Stellen. Der Weg erschien ihm diesmal weniger lang als sonst, da er an den enttäuschten Feind dachte. Der Atem wurde allerdings beklommen hier unten: dafür erwarteten ihn am Ziele dieser Aushöhlung ein Paar zärtlicher Arme — und in was für Hände wäre er soeben beinahe gefallen! Endlich wieder Stufen. Er löschte das Flämmchen, hob den Verschluß der Grube auf. «Achtung!» rief eine Frauenstimme. «Achtung, meine Tauben!» Denn die Person hatte gerade einigen Tauben die Hälse umgedreht und sie auf die Stelle am Boden gelegt, wo dieser erhitzte und arg verschmutzte Mann hervorkroch. Ihn blendete das Tageslicht, er sah nicht, wer das war: Fleurette, ein Mädchen, das er geliebt hatte als Achtzehnjähriger, und sie war damals siebzehn gewesen.
Sie erschrak nicht, weil er aus der Erde stieg, aber ebensowenig erkannte sie ihn: wegen seines Zustandes, und überdies hatten die Erlebnisse sein Gesicht verändert, auch ließ er sich den Bart wachsen. Seine sanften und warmen Augen hätten ihn ihr gewiß verraten, aber die schloß er und blinzelte: daher erkannte Fleurette ihn nicht. Ihr eigenes Gesicht war übrigens breit geworden, wie auch die Gestalt. Im Unmut über ihre fortgestoßenen Tauben setzte sie die Fäuste auf die Hüften und schalt. Er lachte, antwortete lustig und ging zum Brunnen, sich zu säubern. Ein anderer Brunnen hatte einst ihr gemeinsames Bild aufgenommen, und ihren Abschiedsblick hatten sie darin versenkt mit ihrer letzten Träne. «Wenn wir ganz alt sein werden, dieser Brunnen weiß von uns auch dann noch, und selbst bis über unsern Tod.» Das ist wahr; noch später werden die Leute einander ein Gewässer zeigen und sagen: «Darin ertrank sie, Fleurette. Sie liebte ihn so sehr!» Schon jetzt halten die meisten sie für gestorben, weil eine so schöne Liebe für sich allein fortleben soll, ohne die verwandelten Menschen.
Verwandlung. Er hat sein Gesicht gewaschen und klopft sich den Schmutz von den Schultern, ohne sich nach ihr umzusehen. Sie wartet ab, wie unter der verwahrlosten Hülle ein Edelmann erscheint. Der wird hineingehn, wird über die Treppe des Schlößchens gehn zu der Dame, in ihr Liebeskabinett, dessen Wände bemalt sind mit Wesen, halb Frau halb Fisch, und aus den Ecken blicken Engelsköpfe, dieser lieblich, drüben einer streng. Von der Decke des Zimmerchens strahlt die Sonne, denn Christus ist die Sonne der Gerechtigkeit, wie dabei geschrieben steht, und Fleurette hat es gelesen. Sie nimmt ihre Tauben auf. Grade wendet Henri sich her, aber jetzt sieht sie nicht hin. Über ihnen klingt die Luft von vergessenen Worten. Der Himmel ist sehr hell, silbern das Licht, die Sommerabende so lind. Sie sind noch einmal im Leben allein, hier zwischen den Wirtschaftsgebäuden. Er könnte das fremde Mädchen, das gebückt steht, an sich und hinter die Scheune ziehen. Er denkt wirklich daran, aber droben sieht man vielleicht zu. Er eilt hinauf. Sie betritt mit ihren Tauben die Küche. Der Platz bleibt verlassen, indessen klingt die Luft weiter von vergessenen Worten. Du bist glücklich bei mir? So sehr war ich es noch nie! Dann erinnere dich meiner, so weit du reiten magst — und der kleinen Kammer, in die der Garten duftete, während wir uns liebten. Du bist siebzehn Jahre, Fleurette. Du achtzehn, lieber Knabe. Wenn wir ganz alt sein werden –
Die Stimmen von Feldarbeitern nähern sich. Keine klingenden Lüfte mehr.